Josemaría Escrivá Obras
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Menschliche Liebe und Keuschheit

Ich habe euch oft erzählt - und man darf das ruhig wissen -, daß ich im Umgang mit dem Herrn gerne Volkslieder zu Hilfe genommen habe. Immer wieder besingen sie die Liebe; sie gefallen mir so sehr. Da der Herr mich und einige von euch ganz und gar für sich in Anspruch genommen hat, übertragen wir all das Schöne, das die menschliche Liebe besingt, auf das Göttliche. So lehrt es uns der Heilige Geist im Hohenlied, und die großen Mystiker aller Zeiten haben dasselbe getan.

Hört die Verse der heiligen Theresia von Avila: Begehrst du, daß ich mäßig bliebe, / dann ruhe ich, der Muße froh. / Soll ich hart schaffen, dir zuliebe / bis hin zum Tode schaff ich so. / Nur sag mir: wie? Sag wann und wo? / O süße Liebe, mit Begier / frag ich: Wozu nur taug ich dir? (Theresia von Avila, Gedichte, Einsideln 1959, S. 28) Oder jenes Lied des heiligen Johannes vom Kreuz, das so herrlich einsetzt: Ein junger Hirt verweilt in sich gekehrt, / von Lust entfremdet, von Zufriedenheit; / an seine Hirtin denkt er allezeit, / das Herz von seiner Liebe Wucht beschwert (Johannes vom Kreuz, Gedichte, Einsiedeln 1959, S. 54)

Tiefe Achtung und eine unaussprechliche Ehrfurcht empfinde ich für die menschliche Liebe, wenn sie rein ist. Ist es denn überhaupt vorstellbar, daß man die heilige, edle Zuneigung unserer Eltern nicht schätzen könnte, der wir ein Gutteil unserer Freundschaft mit Gott verdanken? Ich segne diese Liebe mit beiden Händen, und auf die Frage, weshalb ich mit beiden Händen sage, habe ich immer sofort geantwortet: weil ich nicht vier Hände habe.

Gepriesen sei die menschliche Liebe! Doch von mir hat der Herr mehr verlangt. Und - so lehrt die katholische Theologie - sich um des Himmelreiches willen Jesus allein hinzugeben und durch Jesus allen Menschen, steht höher als die eheliche Liebe, obwohl die Ehe ein Sakrament ist, sacramentum magnum (Eph 5,32), ein großes Sakrament.

Auf jeden Fall muß sich aber jeder an seinem Platz bemühen - ob ledig, verheiratet, verwitwet oder Priester -, die Keuschheit feinfühlig zu leben, denn sie ist eine Tugend für alle, und von allen verlangt sie Kampf, Umsicht, Zartgefühl, Stärke und jene Innigkeit, die wir nur dann ahnen, wenn wir uns dem liebenden Herzen des gekreuzigten Christus nähern. Seid ohne Sorge, wenn ihr euch einmal von der Versuchung bedrängt fühlt; denn das Empfinden ist eine Sache und das Einwilligen eine ganz andere. Die Versuchung kann man mit der Gnade Gottes leicht von sich weisen. Was wir aber nicht tun sollen, ist, uns auf einen Dialog mit ihr einlassen.

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