Josemaría Escrivá Obras
175

Homilie, gehalten am 12. März 1954

Daß Jesus Christus unser Vorbild, das Vorbild aller Christen ist, wißt ihr gut: ihr habt es oft gehört und betrachtet. Ihr habt auch zu vielen Menschen davon gesprochen in eurem Apostolat, das euch schon zur zweiten Natur geworden ist, in dieser menschlichen Freundschaft, in der Gottes Nähe spürbar wird. Ebenso habt ihr bei passenden Gelegenheiten mit dem wunderbaren Mittel der brüderlichen Zurechtweisung andere daran erinnert und ihnen so geholfen, ihr Verhalten am Beispiel unseres erstgeborenen Bruders zu messen, am Sohn Mariens, der Gottesmutter, die auch unsere Mutter ist.

Christus ist das Vorbild. Er selbst hat es gesagt: discite a me (Mt 11,29), lernet von mir; und heute möchte ich zu euch über eine Tugend sprechen, die, obwohl sie weder die einzige noch die wichtigste ist, im christlichen Leben dennoch wie das Salz wirkt, das vor Verderbnis bewahrt; über eine Tugend, die der Prüfstein für die apostolische Seele ist: die heilige Reinheit.

Es ist klar, daß die Gottesliebe die höchste Tugend ist; aber die Keuschheit ist die conditio sine qua non, eine unerläßliche Bedingung, um zu diesem innigen Dialog mit Gott zu kommen. Und wenn sie nicht behütet wird, wenn man nicht um sie kämpft, dann erblindet man, dann erkennt man nichts mehr, denn der natürliche Mensch erfaßt nicht, was vom Geiste Gottes kommt (1 Kor 2,14).

Durch die Predigt des Meisters ermutigt, wollen wir um einen lauteren Blick bemüht sein: Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen (Mt 5,8). Immer hat die Kirche diese Worte als eine Einladung zur Keuschheit aufgefaßt. Jene bewahren ein gesundes Herz, schreibt der heilige Johannes Chrysostomus, die ein ganz reines Gewissen besitzen oder die die Keuschheit lieben. Keine Tugend ist so notwendig, um Gott zu schauen (Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 15, 4 (PG 57, 227]).

Zurück Kapitel sehen Weiter