Josemaría Escrivá Obras
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Homilie, gehalten am 5. April 1964 [Weißer Sonntag]

Der Weiße Sonntag ruft mir eine alte, fromme Überlieferung meiner Heimat ins Gedächtnis. Es ist der Tag, an dem die Liturgie uns auffordert, nach der geistlichen Nahrung zu trachten: rationabile, sine dolo lac concupiscite (1 Petr 2,2 (Introitus der heiligen Messe]), verlangt nach der geistigen, lauteren Milch. Früher bestand die Gewohnheit, an diesem Tag die Kommunion zu den Kranken zu bringen - auch zu jenen, die keine schwere Krankheit hatten -, damit sie das Gebot der Osterkommunion erfüllen könnten.

In einigen Großstädten hatte jede Pfarrei ihre eucharistische Prozession. Von meiner Zeit als Student an der Universität her erinnere ich mich - denn es kam nicht selten vor -, daß sich auf der Hauptstraße von Zaragoza drei Züge begegneten, die nur von Männern gebildet waren: Tausende von Männern mit großen brennenden Kerzen in den Händen; aufrechte Leute, die das Allerheiligste Altarssakrament mit einem Glauben begleiteten, der noch massiver war als jene pfundschweren Kerzen, die sie trugen.

Als ich heute Nacht mehrmals wach wurde, habe ich als Stoßgebet jenes Wort gesprochen: quasi modo geniti infantes (Ebd.), wie neugeborene Kinder... Dabei dachte ich mir, daß diese Aufforderung der Kirche sehr passend für uns ist, die wir uns ganz als Kinder Gottes fühlen. Denn wir müssen zwar starkmütig und zuverlässig sein und mit Charakterfestigkeit nachhaltig auf unser Milieu einwirken, aber dabei ist es doch sehr gut, daß wir uns vor Gott als kleine Kinder sehen!

Wir sind Kinder Gottes

Quasi modo geniti infantes, rationabile, sine dolo lac concupiscite (Ebd.). Schreit wie Neugeborene nach der reinen, unverfälschten Milch des Geistes. Sie sind herrlich, diese Worte des heiligen Petrus. Ich kann gut verstehen, daß die Liturgie sie mit dem Ausruf fortsetzt: Exsultate Deo adiutori nostro: iubilate Deo Iacob (Ps 80,2 (Introitus der heiligen Messe]). Preist Gott, unseren Helfer. Preist den Gott Jakobs, der auch uns Herr und Vater ist. Aber heute, in unserem gemeinsamen Gebet, möchte ich nicht das Allerheiligste Altarssakrament betrachten, das immer Gegenstand unseres innigsten Gotteslobes ist; ich möchte, daß wir bei der Gewißheit unserer Gotteskindschaft verweilen und dabei einige der Konsequenzen bedenken, die sich ergeben, wenn man ernsthaft und untadelig den christlichen Glauben leben will.

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