Josemaría Escrivá Obras
360

Du hast herzlich gelacht, als ich dir riet, deine jungen Jahre unter den Schutz des heiligen Raphael zu stellen: damit er dich wie den jungen Tobias zu einer heiligen Ehe führe - mit einer guten und hübschen und reichen Frau, sagte ich im Scherz.

Aber dann, wie nachdenklich wurdest du, als ich den Rat hinzufügte, dich auch unter den Schutz jenes jugendlichen Apostels Johannes zu stellen: für den Fall, daß der Herr mehr von dir verlangt.


361

Du beklagst dich innerlich, weil du hart angefaßt wirst. Du spürst den Gegensatz zum Verhalten deiner Verwandten. Für dich schreibe ich aus dem Brief eines Militärarztes ab: "Gegenüber dem Kranken ist eine klare, nüchterne, sachlich richtige und für den Patienten nützliche Haltung des Arztes nötig; nicht aber das weinerliche Klagen der Familie. Was würde aus einem Verbandsplatz während der Schlacht, wenn sich der Strom der Verwundeten staut, weil der Abtransport nicht schnell genug vor sich geht und an jeder Tragbahre eine Familie steht? Es wäre zum Davonlaufen."


362

Ich brauche keine Wunder: die aus der Heiligen Schrift genügen mir vollkommen. - Was ich brauche, ist, daß du deine Pflicht erfüllst, daß du der Gnade entsprichst.


363

Enttäuscht. - Du kommst mit hängendem Kopf. Die Menschen haben dir soeben eine Lektion erteilt! - Sie glaubten, du brauchtest sie nicht, und quollen über vor Bereitwilligkeit. Als ihnen dämmerte, daß sie dir etwas Geld geben sollten, ein paar lumpige Mark, verwandelte sich die Freundschaft in Gleichgültigkeit.

Vertraue auf Gott und auf jene, die um Seinetwillen mit dir vereint sind.


364

Wenn du dir doch vornehmen wolltest, Gott "allen Ernstes" zu dienen; mit dem gleichen Fleiß, den du für deinen Ehrgeiz, deine Eitelkeit, deine Sinnlichkeit aufwendest!...


365

Wenn du die Regung verspürst, andere zu leiten, dann muß dein Bestreben sein: bei deinen Brüdern der letzte, sonst der erste.


366

Also: welches Unrecht geschieht dir, weil dieser oder jener mehr Vertrauen zu bestimmten Personen hat, die er länger kennt oder zu denen er sich aus Gründen der Sympathie, des Berufes, des Charakters mehr hingezogen fühlt? - Trotzdem solltest du bei den Deinen den auch nur leisesten Anschein einer besonderen Freundschaft vermeiden.


367

Wenn eine Sau (jawohl!) ein delikates und erlesenes Gericht auffrißt, so wird daraus bestenfalls Schweinefleisch!

Seien wir Engel, um die Ideen, die wir uns aneignen, zu veredeln. - Seien wir wenigstens Menschen, um die Speisen zumindest in ansehnliche und schöne Muskeln oder vielleicht in mächtiges Hirn zu verwandeln..., das fähig ist, Gott zu erkennen und anzubeten.

Aber... seien wir keine Tiere, wie so viele!


368

Du langweilst dich? - Weil deine Sinne wach sind und deine Seele schläft.


369

Die Liebe Christi wird dich zu manchem Zugeständnis bringen..., das man hoch einschätzen muß.

Und die Liebe Christi wird dich zu mancher Unnachgiebigkeit bringen..., die man auch hoch einschätzen muß.


370

Wenn du nicht schlecht bist, aber so tust, dann bist du dumm. - Diese Dummheit, Stein des Anstoßes, ist schlimmer als die Schlechtigkeit.


371

Wenn Leute, die beruflich kein besonders großes Ansehen besitzen, sich bei religiösen Kundgebungen gar so sehr zur Spitze drängeln, ist es klar, daß ihr Lust verspürt, ihnen zuzuflüstern: "Würde es Ihnen etwas ausmachen, ein bißchen weniger katholisch zu sein?"


372

Wenn du ein öffentliches Amt bekleidest, hast du Rechte und Pflichten, die sich aus der Tätigkeit in dieser Stellung ergeben.

Du entfernst dich von deinem Weg als Apostel, wenn du aus Anlaß oder unter dem Vorwand einer apostolischen Arbeit deine Amtspflichten unerfüllt läßt. Denn so verlierst du mir dein berufliches Ansehen, und gerade das ist dein "Angelhaken als Menschenfischer".


373

Mir gefällt dein apostolisches Motto: "Arbeiten ohne Unterlaß".


374

Warum diese Überstürzung? - Sage mir nicht, das sei Aktivität: das ist gedankenlose Betriebsamkeit.


375

Zerstreuungen. - Du läßt zu, daß deine Sinne und Kräfte aus jeder Pfütze trinken. - Ergebnis: du kannst dich nicht konzentrieren, du bist zerstreut, dein Wille schläft, deine Begehrlichkeit ist hellwach.

Unterwirf dich ernsthaft aufs neue einem Plan, der dir hilft, als Christ zu leben. Sonst bringst du nie etwas zuwege.


376

"Das Milieu ist so stark!" sagtest du mir. Ich mußte zugeben: ohne Zweifel. Deshalb muß eure Formung stark sein, damit ihr eure eigene Atmosphäre mit Natürlichkeit in eure Umgebung hineintragt und ihr "euren Ton" vermittelt.

Eigne dir diesen Geist gründlich an. Dann bin ich überzeugt, daß du mir mit der Verblüffung der Jünger, als sie die ersten von ihnen im Namen Christi vollbrachten Wunder sahen, sagen wirst: "Wie stark wir auf das Milieu einwirken!"


377

Wie soll ich aber "unsere Formung" erwerben, wie "unseren Geist" bewahren? - Erfülle die konkreten Normen, die dein Leiter dir gab und erklärte und ans Herz legte. Erfülle sie, und du bist Apostel.


378

Sei kein Pessimist. - Begreifst du nicht, daß alles, was geschieht und geschehen mag, zum Guten führt?

Dein Optimismus muß notwendig aus deinem Glauben folgen.


379

Natürlichkeit. - Euer Leben als christliche Männer, als christliche Frauen soll ursprünglich sein wie Licht und Salz, frei von Absonderlichem und Frömmelndem: ganz im Geiste eurer Schlichtheit.


380

"Wenn mein Leben mit diesem verheidnischten oder heidnischen Milieu zusammenstößt, wird meine Natürlichkeit da nicht künstlich wirken?" fragst du mich.

Ich antworte dir: Ohne Zweifel wird dein Leben mit dem Leben anderer zusammenstoßen; der Kontrast, der dadurch entsteht, daß du deinen Glauben in deinen Werken bestätigst, ist genau die Natürlichkeit, die ich von dir erwarte.


381

Mach dir nichts daraus, wenn man dir Korpsgeist nachsagt. Was wollen sie? Ein brüchiges Werkzeug, das in Stücke geht, wenn man es anfaßt?


382

Als ich dir jenes "Leben Jesu" schenkte, schrieb ich als Widmung hinein: "Christus suchen. Christus finden. Christus lieben."

Drei deutliche Schritte. Hast du versucht, wenigstens den ersten zu verwirklichen?


383

Wenn sie dich schwanken sehen... und du Leiter bist, ist es nicht verwunderlich, daß der Gehorsam zerbröckelt.


384

Verwirrung. - Ich hörte, daß dein Urteil unsicher wurde. Um alle Unklarheit zu beseitigen, schrieb ich dir: Der Teufel ist von Ansehen sehr häßlich, und da er sehr erfahren ist, vermeidet er es, seine Hörner zu zeigen. Er kommt nicht von vorn.

Deshalb kommt er viele Male im Gewand des Edlen und sogar des Geistigen.


385

Wort des Herrn: "Ein neues Gebot gebe ich euch; daß ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid."

Der heilige Paulus: "Einer trage des anderen Last: so erfüllt ihr das Gesetz Christi."

Ich sage dir nichts weiter.


386

Vergiß nicht, Sohn, daß es für dich auf der Erde nur ein Übel gibt, das du fürchten und mit der Gnade Gottes vermeiden mußt: die Sünde.


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