Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Liebe zur Kirche > Loyal zur Kirche > Kap 2
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Homilie, gehalten am 4 Juni 1972, 2. Sonntag nach Pfingsten

Die liturgischen Texte des heutigen Sonntags bilden eine Kette von Anrufungen an den Herrn. Wir sagen Ihm, daß Er unser Beschützer ist, unser Fels, unser Hort (Vgl. Ps 17,19-20. 2-3 [Introitus der Messe]). Und das Tagesgebet führt dieses Motiv des Introitus weiter: Du entziehst ja nie Deine Leitung jenen, die Du fest in Deiner Liebe begründest (Tagesgebet des 2. Sonntags nach Pfingsten).

Auch im Graduale suchen wir bei Ihm unsere Zuflucht: Ich schrie zum Herrn in meiner Not... Herr, rette mich vor Lästerlippen und vor Lügenzungen. O Herr, mein Gott, auf Dich vertraue ich! (Ps 119,1-2; Ps 7,2 [Graduale der Messe]) Es ist bewegend, wie uns Gott, unser Vater, doch immer wieder eindringlich mahnt, zu seiner Barmherzigkeit zu flüchten, was immer auch geschehen mag. Sogar jetzt, in diesen Augenblicken, da verworrene Stimmen in der ganzen Kirchen zu hören sind; es sind Zeiten des Irregehens, denn viele Seelen finden keine guten Hirten, die sie wie Christus hinleiten würden zur Liebe des Herrn. Statt dessen stoßen sie auf Diebe und Räuber, die kommen, um zu stehlen, zu morden und zu verderben (Joh 10,8.10).

Fürchten wir uns nicht. Die Kirche ist der Mystische Leib Christi. Unerschütterlich wird sie der Weg sein und der Schafstall des Guten Hirten - festes Fundament und offene Straße für alle Menschen. Soeben haben wir es im heiligen Evangelium gelesen: Geh hinaus an die Wege und Zäune und nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll werde (Lk 14,23).


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Aber was ist die Kirche? Wo ist die Kirche? Benommen und verwirrt erhalten viele Christen keine sichere Antwort auf diese Fragen und verfallen vielleicht auf den Gedanken, daß die Antworten, die das Lehramt Jahrhunderte hindurch gegeben hat - und die die guten Katechismen mit einer das Wesentliche erfassenden Genauigkeit und Einfachheit wiedergaben -, überholt sind und durch neue ersetzt werden müssen. Es scheint, daß verschiedene Ereignisse und Schwierigkeiten zusammengetroffen sind und das reine Antlitz der Kirche entstellt haben. Einige behaupten: Hier ist die Kirche - im Eifer, sich an die sogenannte moderne Zeit anzupassen. Andere schreien: Die Kirche ist nichts anderes als das Streben der Menschen nach Solidarität; wir müssen sie umgestalten, wie es die heutige Situation erfordert.

Sie irren sich. Die Kirche ist heute dieselbe, die Christus gestiftet hat, und sie kann keine andere sein. Die Apostel und ihre Nachfolger sind Stellvertreter Gottes für die Regierung der Kirche, die auf den Glauben und auf die Sakramente des Glaubens gegründet ist. Und so wie es ihnen nicht gestattet ist, eine andere Kirche zu stiften, dürfen sie auch keinen anderen Glauben verkünden oder andere Sakramente einsetzen; denn es heißt, daß die Kirche durch die Sakramente, die aus der Seite des am Kreuz hängenden Christus geflossen sind, gebildet worden ist (Thomas von Aquin, S.Th. III, q 64, a 2, ad 3). Die Kirche muß an jenen vier Merkmalen erkannt werden können, die im Glaubensbekenntnis eines der ersten Konzilien zum Ausdruck gebracht werden und die wir im Credo der Messe betend wiederholen. Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche (Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis, DS 150 [86]). Das sind die Wesenseigenschaften der Kirche, die sich aus ihrer Natur, wie Christus sie gewollt hat, ableiten. Und als Wesenseigenschaften sind sie auch Merkmale, Zeichen, die sie von allen anderen menschlichen Gemeinschaften unterscheiden, selbst wenn in diesen der Name Christi ausgesprochen wird.

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert hat Papst Pius IX. diese traditionelle Lehre kurz zusammengefaßt: Die wahre Kirche Jesu Christi ist von der göttlichen Autorität durch ein vierfaches Merkmal gekennzeichnet und unterschieden worden. Im Glaubensbekenntnis stimmen wir ihm gläubig zu. Jedes dieser Merkmale ist aber so eng mit den anderen verbunden, daß es sich von ihnen nicht trennen läßt. So kommt es, daß jene Kirche, die wirklich die katholische ist und heißt, zugleich die Vorrechte der Einheit, der Heiligkeit und der apostolischen Nachfolge deutlich aufweisen muß (Pius IX., Brief des Hl. Offiziums an die Bischöfe Englands, 16.9.1864, DS 2888 [1686]).

Das ist, ich betone es, die traditionelle Lehre der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil - obzwar einige, von einer falschen Ökumene geleitet, sie in den letzten Jahren vergessen - erneut wiederholt hat: Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen, ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut, für immer hat er sie als "Säule und Feste der Wahrheit" errichtet (II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konstitution Lumen gentium, Nr 8).


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(Die Kirche ist Eine) Damit sie eins seien, wie wir eins sind (Joh 17,11), ruft Christus zum Vater. Laß sie alle eins sein. Wie Du, Vater, in mir bist und ich in Dir bin, so laß sie in uns eins sein (Joh 17,21). Ständig strömt von den Lippen Jesu Christi diese Aufforderung zur Einheit, denn jedes Reich, das in sich uneins ist, zerfällt; keine Stadt, kein Haus, das in sich uneins ist, kann Bestand haben (Mt 12,25). Eine Predigt, die zum brennenden Verlangen wird: Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Hürde sind. Auch die muß ich herbeiführen; sie werden auf meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt sein (Joh 10,16).

Mit welch wunderbaren Schattierungen hat unser Herr doch von dieser Lehre gesprochen. Er reiht ein Gleichnis und ein Bild an das andere, damit wir sie verstehen, damit diese Leidenschaft für die Einheit unserer Seele tief eingeprägt bleibt. Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet Er ab; jede, die Frucht bringt, reinigt Er, damit sie noch mehr Frucht bringe... Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,1-5).

Seht ihr nicht, wie jene, die sich von der Kirche trennen, auch wenn sie manchmal voller Blätter sind, sehr bald verdorren und ihre Früchte sich in lebende Fäulnis verwandeln? Liebt die Heilige, die Apostolische, die Römische Kirche - die Eine Kirche! Denn, so schreibt der heilige Cyprian, wer woanders, außerhalb der Kirche, sammelt, der zerstreut die Kirche Christi (Cyprian, De catholicae Ecclesiae unitate, 6 [PL 4, 503]). Und der heilige Johannes Chrysostomus besteht darauf: Trenne dich nicht von der Kirche. Nichts ist stärker als die Kirche. Deine Hoffnung ist die Kirche; dein Heil ist die Kirche, deine Zuflucht ist die Kirche. Sie ist höher als der Himmel und weiter als die Erde; sie altert nie, ihre Kraft währt ewig (Johannes Chrysostomus, Homilia de capto Eutropio, 6).

Wenn wir die Einheit der Kirche verteidigen wollen, müssen wir eng mit Christus vereint leben, der unser Weinstock ist. Wie? Indem wir unsere Treue zum immerwährenden Lehramt der Kirche vertiefen, denn den Nachfolgern Petri wurde der Heilige Geist nicht verheißen, damit sie aufgrund seiner Offenbarung eine neue Lehre verkündigen, sondern damit sie kraft seines Beistandes die durch die Apostel überlieferte Offenbarung beziehungsweise die Glaubenshinterlage heilig bewahren und treu darlegen (I. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konstitution über die Kirche, DS 3070 [1836]). So werden wir die Einheit bewahren: durch die Ehrfurcht vor dieser unserer fleckenlosen Mutter, durch die Liebe zum Papst.


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Manche behaupten, wir seien nur mehr wenige in der Kirche. Ich würde ihnen antworten, daß sehr bald - wenn wir nur alle loyal die Lehre Christi bewahren wollten - diese Zahl beträchtlich anwachsen würde, denn Gott will, daß sein Haus voll werde. In der Kirche entdecken wir Christus, der die Liebe all unserer Lieben ist. Und wir müssen diese Berufung für alle herbeisehnen, allen diese innige Freude wünschen, die unsere Seele trunken macht, die klare Süßigkeit des erbarmungsreichen Herzens Jesu.

Man hört, wir sollten ökumenisch sein. Ich fürchte jedoch, daß hinter einigen selbsternannten ökumenischen Initiativen ein Betrug steckt; handelt es sich doch um Tätigkeiten, die nicht zur Liebe Christi, zum wahren Weinstock führen. Deshalb zeitigen sie keine Frucht. Ich bitte den Herrn jeden Tag darum, Er möge mein Herz weiten, Er möge weiterhin die Liebe in eine übernatürliche verwandeln, die Er meine Seele für alle Menschen empfinden läßt ohne Unterschied der Rasse, des Volkes, der kulturellen Umstände und des Vermögens. Ich schätze alle aufrichtig: Katholiken und Nichtkatholiken, jene, die an etwas glauben, und jene, die nichts glauben und die mich traurig stimmen. Aber Christus hat eine einzige Kirche gegründet, Christus hat eine einzige Braut.

Die Einheit der Christen? Ja. Mehr noch: die Einheit aller, die an Gott glauben. Aber es gibt nur eine wahre Kirche. Man braucht sie nicht aus Bestandteilen, die über die ganze Erde verstreut sind, wiederaufzubauen. Und sie braucht keinerlei Läuterung, um endlich rein zu werden. Die Braut Christi kann keine Ehebrecherin sein, denn sie ist unzerstörbar und lauter. Nur ein Haus kennt und hütet in keuscher Scham die Unverletzbarkeit des einen Ehebettes. Die Kirche bewahrt uns für Gott, sie führt die Kinder, die sie zur Welt gebracht hat, in das Reich. Wer immer sich von der Kirche trennt, verbindet sich mit einer Ehebrecherin, entfernt sich von den Verheißungen der Kirche. Den Lohn Christi wird nicht erlangen können, wer die Kirche Christi verläßt (Cyprian, a.a.O.).


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(Die Kirche ist heilig) Jetzt werden wir besser verstehen, wie die Einheit der Kirche die Heiligkeit mit sich bringt und wie eines der wichtigsten Zeichen ihrer Heiligkeit gerade die im Geheimnis des Einen und Dreifaltigen Gottes wurzelnde Einheit ist: ein Leib und ein Geist, wie auch eure Berufung euch eine Hoffnung gegeben hat. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen (Eph 4,4-6).

Heiligkeit bedeutet, genau genommen, nichts anderes als Verbindung mit Gott: je inniger sie ist, desto mehr Heiligkeit gibt es. Die Kirche ist von Christus gewollt und gestiftet worden, der so den Willen des Vaters erfüllt; die Braut des Sohnes besitzt den Beistand des Heiligen Geistes. Die Kirche ist das Werk der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Sie ist heilig, und sie ist Mutter, unsere heilige Mutter Kirche. Wir können an der Kirche eine zweifache Vollkommenheit bewundern, die wir einerseits die ursprüngliche, andererseits die endzeitliche oder eschatologische Vollkommenheit nennen können. Auf beide nimmt der heilige Paulus in seinem Brief an die Epheser Bezug: Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie durch das Wort in der Wassertaufe zu reinigen und zu heiligen. Auf diese Weise wollte Er sich eine Kirche bereiten, strahlend rein, ohne Flecken und Runzeln oder dergleichen, sondern heilig und makellos (Eph 5,25-27).

Die ursprüngliche und konstitutive Heiligkeit der Kirche kann verhüllt sein - niemals allerdings vernichtet werden, denn sie ist unzerstörbar: die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16,18) -, sie kann vor den Augen der Menschen in Zeiten einer nahezu alles durchdringenden Dunkelheit verborgen bleiben. Aber der heilige Petrus bezeichnet die Christen als gens sancta (1 Petr 2,9), als heiliges Volk. Und als Glieder eines heiligen Volkes haben alle Gläubigen die Berufung zur Heiligkeit erhalten und müssen sich daher anstrengen, der Gnade zu entsprechen und persönlich heilig zu sein. Im gesamten Verlauf der Geschichte und auch in unseren Tagen hat es viele, viele Katholiken gegeben, die sich wirklich geheiligt haben: Junge und Alte, Ehelose und Verheiratete, Priester und Laien, Männer und Frauen.

Allerdings hat die persönliche Heiligkeit zahlloser Gläubiger - damals wie heute - nichts Theatralisches an sich. Häufig fallen uns die gewöhnlichen, einfachen, aber heiligen Menschen nicht auf, die mit und neben uns arbeiten und leben. Ein irdischer Blick bleibt eher an der Sünde und an der versagten Treue haften: das sind aufsehenerregendere Dinge.


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Gens sancta, ein heiliges Volk, das sich aus Geschöpfen voller Erbärmlichkeiten zusammensetzt. Dieser scheinbare Widerspruch kennzeichnet einen Aspekt des Geheimnisses der Kirche. Die Kirche ist göttlich, sie ist aber zugleich auch menschlich, denn sie besteht aus Menschen, und wir Menschen haben Fehler: omnes homines terra et cinis (Sir 17,31), wir alle sind Staub und Asche.

Unser Herr Jesus Christus, der die Heilige Kirche stiftet, erwartet, daß die Angehörigen dieses Volkes sich ständig bemühen, die Heiligkeit zu erreichen. Nicht alle folgen loyal seinem Ruf. Und an der Braut Christi sieht man einerseits, wie sie auf wunderbare Weise der Heilsweg ist, und man sieht andererseits die Erbärmlichkeit der Menschen, die auf ihm wandeln. Der göttliche Erlöser hat die von Ihm gegründete Gemeinschaft von Menschen als eine in ihrer Art vollkommene Gesellschaft mit allen rechtlichen und gesellschaftlichen Bestandteilen gerade zu dem Zweck gewollt, damit sie dem Heilswerk der Erlösung hier auf Erden dauernden Bestand sichere... Wenn man aber in der Kirche einiges wahrnimmt, was die Schwäche unserer menschlichen Natur verrät, so fällt das nicht ihrer rechtlichen Verfassung zur Last, sondern vielmehr der beklagenswerten Neigung der einzelnen zum Bösen. Diese Schwäche duldet ihr göttlicher Stifter, auch in den höheren Gliedern seines Mystischen Leibes, damit die Tugend der Herde und der Hirten erprobt werde und in allen die Verdienste des christlichen Glaubens wachsen (Pius XII., Enz. Mystici Corporis, 29.6.1943).

Das ist die Wirklichkeit der Kirche - jetzt und hier. Deshalb ist die Heiligkeit der Braut Christi mit der Tatsache vereinbar, daß sich in ihrem Schoß Personen befinden, die Fehler haben. Christus wollte die Sünder aus der von Ihm gegründeten Gemeinschaft nicht ausgeschlossen wissen. Wenn also manche Glieder an geistlichen Gebrechen leiden, so ist das kein Grund, unsere Liebe zur Kirche zu vermindern, sondern vielmehr mit ihren Gliedern größeres Mitleid zu haben (Ebd.).


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Wenig Reife würde beweisen, wer angesichts der Fehler und Schwächen eines Menschen, der der Kirche angehört - mag er aufgrund seiner Funktion auch noch so hoch stehen -, spüren würde, daß sein Glaube an die Kirche oder an Christus sich verringert. Die Kirche wird weder von Petrus noch von Johannes noch von Paulus regiert. Sie wird vom Heiligen Geist regiert, und der Herr hat verheißen, daß Er an ihrer Seite bleiben wird alle Tage bis ans Ende der Welt (Mt 28,20).

Hört, was der heilige Thomas weiter über diesen Punkt sagt, wenn er vom Empfang der Sakramente handelt, die Ursache und Zeichen der heiligmachenden Gnade sind: Wer zu den Sakramenten geht, empfängt sie zwar aus den Händen des Dieners der Kirche, aber nicht insofern er diese konkrete Person, sondern insofern er Diener der Kirche ist. Solange die Kirche ihm daher gestattet, sein Amt auszuüben, verbindet sich derjenige, der aus seinen Händen das Sakrament empfängt, nicht mit der Sünde des unwürdigen Dieners, sondern mit der Kirche, deren Diener dieser ja ist (Thomas von Aquin, S. Th. III. q. 64, a. 6 ad 2). Wenn der Herr also erlaubt, daß die menschliche Gebrechlichkeit zu Tage tritt, muß unsere Reaktion so sein, als wäre unsere Mutter erkrankt oder als wäre sie beleidigt worden: sie mehr lieben, ihr äußerlich und innerlich deutlicher unsere Zuneigung beweisen.

Wenn wir die Kirche lieben, wird sich in uns niemals jene krankhafte Sucht melden, der Mutter für die Erbärmlichkeiten einiger ihrer Söhne die Schuld zuzuschieben. Die Kirche hat als Braut Christi nicht den geringsten Anlaß, irgendein mea culpa anzustimmen. Wir schon: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! Das ist der echte Meaculpismus, der persönliche nämlich, und nicht jener, der die Kirche angreift, indem er menschliche Mängel aufzeigt und übertreibt, die an dieser heiligen Mutter durch das Handeln der Menschen in ihr hervorgerufen werden, soweit die Menschen dies vermögen, denn sie werden nie zerstören, ja nicht einmal antasten können, was wir die ursprüngliche und konstitutive Heiligkeit der Kirche genannt haben.

Gott, unser Herr, hat die Kirche mit einer Tenne verglichen, in der die Spreu zusammen mit dem Weizen aufgehäuft wird, aus dem man Brot für den Tisch und Brot für den Altar bereitet. Er hat die Kirche mit einem Schleppnetz verglichen, ex omni genere piscium congreganti (Mt 13,47), das, ins Meer geworfen, gute Fische fing und schlechte, die man dann wegwerfen wird.


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Das Geheimnis der Heiligkeit der Kirche - dieses Ur-Licht, das unter den Schatten menschlicher Schwachheit verborgen bleiben kann - verbietet grundsätzlich jeden Verdacht, erstickt auch den geringsten Zweifel an der Schönheit unserer Mutter. Es geht ebensowenig an, ohne Protest zu dulden, daß andere sie beleidigen. Suchen wir nicht nach den verwundbaren Stellen an der Kirche, um an ihr Kritik zu üben, wie einige es tun, die den Beweis für ihren Glauben und ihre Liebe schuldig bleiben. Mir ist es unbegreiflich, wie man die eigene Mutter wirklich gern haben und gleichzeitig lieblos von ihr sprechen kann.

Unsere Mutter ist heilig, weil sie rein geboren wurde und makellos bleiben wird in alle Ewigkeit. Wenn wir ihre Schönheit einmal nicht sehen sollten, reinigen wir uns die Augen! Wenn wir merken, daß uns der Klang ihrer Stimme nicht gefällt, dann beseitigen wir die Verhärtung unseres Gehörs, die uns hindert, in ihrem Wort die Rufe des liebevollen Hirten zu vernehmen! Unsere Mutter ist heilig durch die Heiligkeit Christi, mit dem sie sowohl dem Leibe nach, der wir alle sind, verbunden ist, als auch dem Geiste nach, welcher der Heilige Geist ist, der auch im Herzen eines jeden von uns wohnt, wenn wir die Gnade Gottes nicht verlieren.

Heilig, heilig, heilig! wagen wir der Kirche zuzurufen, indem wir an den Hymnus zum Lobpreis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit denken. Du bist heilig, Kirche, meine Mutter, denn der Heilige, der Sohn Gottes, hat dich gestiftet; du bist heilig, denn der Vater, der Quell aller Heiligkeit, hat es so gewollt; du bist heilig, denn der Heilige Geist steht dir bei, der in der Seele der Gläubigen weilt, um die Kinder des Vaters zusammenzuführen, die in der Kirche des Himmels, im ewigen Jerusalem, wohnen werden.


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(Die Kirche ist katholisch) Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Es gibt ja nur einen Gott und nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen: den Menschen Christus Jesus, der sich zum Lösegeld für alle dahingegeben hat und zum Zeugnis zur rechten Zeit (1 Tim 2,4-6). Jesus Christus setzt eine einzige Kirche ein - seine Kirche. Deshalb gibt es nur eine Braut Christi, und diese ist katholisch: universal, für alle Menschen.

Seit Jahrhunderten schon ist die Kirche über die ganze Welt verbreitet; Personen aller Rassen und aller gesellschaftlichen Umstände gehören ihr an. Die Katholizität der Kirche hängt aber nicht von ihrer geographischen Ausdehnung ab, auch wenn diese ein sichtbares Zeichen dafür ist und ein Motiv der Glaubwürdigkeit darstellt. Die Kirche war schon am Pfingstfest katholisch; sie ist katholisch aus der geöffneten Seite Jesu hervorgegangen - wie ein Feuer, das der Heilige Geist entzündet.

lm zweiten Jahrhundert definierten die Christen die Kirche als katholisch, um sie von den Sekten zu unterscheiden, die zwar den Namen Christi gebrauchten, aber in diesem oder jenem Punkt an seiner Lehre Verrat übten. Wir nennen sie katholisch, schreibt der heilige Cyrill, nicht nur weil sie über den Erdkreis von einem Ende bis zum anderen verbreitet ist, sondern weil sie auf eine universale Weise und fehlerlos alle Dogmen lehrt, die die Menschen kennen müssen vom Sichtbaren und vom Unsichtbaren, vom Himmlischen und vom Irdischen. Auch weil sie alle Arten von Menschen dem wahren Kult unterwirft - Regierende und Bürger, Gelehrte und Ungebildete. Und schließlich weil sie alle Arten von Sünden behandelt und heilt, solche der Seele und solche des Leibes, und weil sie außerdem wie man sie immer auch bezeichnen möchte - alle Formen von Tugend besitzt, in Taten und Worten und in jeglicher Form geistlicher Gaben (Cyrill von Jerusalem, Catechesis 18, 23).

Die Katholizität der Kirche beruht auch nicht darauf, daß Nichtkatholiken sie rühmen und schätzen; ebensowenig hat sie mit der Tatsache zu tun, daß die Meinungen einiger mit kirchlicher Autorität ausgestatteter Personen in nicht geistlichen Dingen von Organen der öffentlichen Meinung, die verwandte Ideen vertreten, aufgegriffen und bisweilen instrumentalisiert werden. Es wird häufig geschehen, daß jener Teil an Wahrheit, der in jeder menschlichen Ideologie verteidigt wird, in der immerwährenden Lehre der Kirche ein Echo oder eine Stütze findet; und dies ist in gewisser Hinsicht ein Zeichen für den göttlichen Ursprung der Offenbarung, die das Lehramt behütet. Aber die Braut Christi ist auch dann katholisch, wenn sie von vielen bewußt ignoriert oder gar - wie es heute leider vielerorts geschieht - geschmäht und verfolgt wird.


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Die Kirche ist keine politische Partei, auch keine Gesellschaftsideologie und ebensowenig eine Weltorganisation für die Eintracht oder den materiellen Fortschritt - bei aller Anerkennung für die Ehrlichkeit dieser oder ähnlicher Unternehmungen. Die Kirche hat immer eine riesige Arbeit zum Wohl der Bedürftigen, der Leidenden, ja all jener geleistet, die irgendwie an den Folgen des einzigen wirklichen Übels zu tragen haben, nämlich der Sünde, und sie leistet sie noch weiter. Und allen - den in irgendeiner Form Notleidenden und jenen, die glauben, die Fülle der irdischen Güter zu genießen - ruft die Kirche immer wieder eine einzige, entscheidende Sache ins Gedächtnis: daß unsere Bestimmung eine ewige und übernatürliche ist, daß wir nur in Jesus Christus das Heil für immer finden und daß wir nur in Ihm auch in diesem Leben schon irgendwie den wahren Frieden und das wahre Glück erlangen können.

Betet jetzt mit mir gemeinsam zu Gott, unserem Herrn, daß wir Katholiken niemals diese Wahrheiten vergessen und daß wir uns entschließen, sie in die Tat umzusetzen. Die katholische Kirche bedarf nicht der Gutheißung der Menschen, denn sie ist Gottes Werk.

Als Katholiken werden wir uns erweisen, wenn wir Früchte der Heiligkeit hervorbringen, denn die Heiligkeit erlaubt keine Grenzziehungen und ist nicht Eigenrecht dieses oder jenes menschlichen Partikularismus. Als Katholiken werden wir uns erweisen, wenn wir beten, wenn wir versuchen, uns unentwegt an den Herrn zu wenden, wenn wir uns immer und in allen Dingen bemühen, gerecht zu sein - im weitesten Sinne des Begriffes Gerechtigkeit, dem heutzutage nicht selten eine materialistische, irrige Prägung gegeben wird -, wenn wir die persönliche Freiheit der übrigen Menschen lieben und verteidigen.

Ich erinnere euch noch an ein weiteres deutliches Kennzeichen der Katholizität der Kirche: die treue Bewahrung und Spendung der Sakramente, so wie sie von Christus eingesetzt wurden - ohne menschliche Verdrehungen und ungebührliche Versuche, sie psychologisch oder soziologisch umzufunktionieren. Denn niemand kann über etwas verfügen, das der Gewalt eines anderen unterliegt, sondern nur über Dinge, die seiner eigenen Gewalt unterstehen. Da nun die Heiligung des Menschen der Gewalt des heiligenden Gottes anheimgegeben ist, hat der Mensch nicht die Befugnis, nach seinem eigenen Gutdünken festzusetzen, was ihn zu heiligen habe; dies ist vielmehr durch göttliche Einsetzung zu bestimmen (Thomas von Aquin, S. Th. III, q. 60, a 5). Gewisse Versuche, das universale Wesen der Sakramente zu schmälern, wären vielleicht zu rechtfertigen, wenn es dabei um bloße Zeichen ginge - um Symbole, die nach den natürlichen Gesetzen des Verstehens und Begreifens wirksam sind. Aber die Sakramente des Neuen Gesetzes sind gleichzeitig Ursachen und Zeichen. Deshalb wird allgemein gelehrt, daß sie bewirken, was sie bezeichnen. Aus diesem Grund entsprechen sie vollkommen dem Sakramentsbegriff, da sie nämlich auf Heiliges hingeordnet sind, und zwar nicht nur als Zeichen, sondern auch als Ursachen desselben (Ebd., q. 62, a. 1 ad 1).


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Diese katholische Kirche ist römisch. Wie koste ich dieses Wort aus: römisch! Ich fühle mich römisch, denn römisch bedeutet universal, katholisch; es führt mich zu einer innigen Liebe zum Papst, il dolce Cristo in terra, wie ihn die heilige Katharina von Siena, die mir eine überaus liebe Freundin ist, so gerne genannt hat.

Von diesem katholischen römischen Zentrum aus, unterstrich Paul VI. bei seiner Schlußansprache am II. Vatikanischen Konzil, ist eigentlich niemand unerreichbar. Alle können und sollen erreicht werden. Für die katholische Kirche ist niemand ein Fremdling, niemand ein Ausgeschlossener, niemand wird als ihr fernstehend betrachtet (Sacrosanctum Oecumenicum Concilium Vaticanum II, Constitutiones, Decreta, Declarationes, Vatikan 1966, S 1079). Ich verehre mit allen meinen Kräften das Rom des Petrus und des Paulus, das getränkt ist vom Blut der Märtyrer, den Mittelpunkt, von dem so viele hinausgezogen sind in die ganze Welt, um die Heilsbotschaft Christi zu verkünden. Römisch sein bedeutet in keiner Weise Abkapselung, sondern rechte Ökumene; es beinhaltet den Wunsch, das Herz weit zu machen, es allen Menschen mit dem Erlöserverlangen Christi zu öffnen, der alle sucht und alle aufnimmt, weil Er alle zuerst geliebt hat.

Der heilige Ambrosius hat ein paar kurze Worte geschrieben, die wie ein Jubelgesang klingen: Wo Petrus ist, dort ist die Kirche; und wo die Kirche ist, da herrscht nicht der Tod, sondern das ewige Leben (Ambrosius, In XII Ps. Enarratio, 40, 30). Denn dort, wo Petrus und die Kirche sind, dort ist Christus - und Er ist das Heil, der einzige Weg.


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(Die Kirche ist apostolisch) Unser Herr gründet die Kirche auf die Schwäche - aber auch auf die Treue einiger Männer, der Apostel, und Er verspricht ihnen den beständigen Beistand des Heiligen Geistes. Lesen wir einmal mehr den bekannten Text, der immer neu und aktuell ist: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Geht also hin und lehrt alle Völker und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt (Mt 28,18-20).

Die Predigt des Evangeliums in Palästina ist nicht Ergebnis der persönlichen Initiative einiger Schwärmer. Was konnten die Apostel tun? Zu ihrer Zeit galten sie nichts. Sie waren weder reich noch gebildet, noch waren sie Helden im menschlichen Sinn. Jesus legt auf die Schultern dieser kleinen Schar von Männern eine riesige, göttliche Aufgabe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt. Dann wird der Vater euch alles geben, um was ihr Ihn in meinem Namen bittet (Joh 15,16).

Während zweitausend Jahren Geschichte besteht in der Kirche die apostolische Sukzession. Die Bischöfe, erklärt das Konzil von Trient, haben die Stelle der Apostel eingenommen und sind, wie der Apostel (Paulus) selbst sagt, vom Heiligen Geist eingesetzt, um die Kirche zu leiten (Apg 20,28) (Konzil von Trient, Lehre vom Bußsakrament, DS 1768 [960]). Und einen der Apostel - den Simon - hat Christus auf besondere Weise auserwählt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen (Mt 16,18). Ich habe für dich gebetet, fügt er später noch hinzu, daß dein Glaube nicht wanke; und du, wenn du dich bekehrt hast, stärke deine Brüder (Lk 22,32).

Petrus begibt sich nach Rom und begründet dort den Primatialsitz des Stellvertreters Jesu Christi. Deshalb erkennt man in Rom am besten die apostolische Sukzession, und deshalb ist Rom der Apostelsitz schlechthin. Das II. Vatikanische Konzil hat mit Worten einer früheren Kirchenversammlung - der von Florenz - erklärt, daß von allen Christen zu glauben ist, daß der heilige Apostolische Stuhl und der Römische Bischof den Primat über die ganze Welt innehaben und daß eben dieser Römische Bischof der Nachfolger des heiligen Apostelfürsten Petrus ist, daß er der wahre Stellvertreter Christi, das Haupt der ganzen Kirche und der Vater und Lehrer aller Christen ist, daß ihm im heiligen Petrus von unserem Herrn Jesus Christus die Vollgewalt übertragen ist, die Kirche zu weiden, zu regieren und zu leiten (1 Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche, DS 3059 [1826]).


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Die Obergewalt des Papstes und seine Unfehlbarkeit, wenn er ex cathedra spricht, sind nicht menschliche Erfindung, sondern ergeben sich aus dem ausdrücklichen Stiftungswillen Christi. Wie wenig sinnvoll ist es aber dann, zwischen der Regierung des Papstes und jener der Bischöfe einen Gegensatz zu konstruieren oder die Gültigkeit der päpstlichen Lehrentscheide von der Zustimmung der Gläubigen abhängig zu machen! Nichts paßt da weniger als ein Mächtegleichgewicht. Die menschlichen Denkformen sind hier unbrauchbar, so attraktiv und funktionell sie auch sein mögen. Niemand besitzt in der Kirche aus sich selbst, als Mensch, absolute Gewalt; in der Kirche gibt es kein anderes Oberhaupt als Christus; und Christus hat für seine pilgernde Braut einen Stellvertreter einsetzen wollen - der Papst.

Die Kirche ist apostolisch aufgrund ihrer Verfassung. So kommt es, daß jene Kirche, die wirklich die katholische ist und heißt, zugleich die Vorrechte der Einheit, der Heiligkeit und der apostolischen Nachfolge deutlich aufweisen muß. Die katholische Kirche zeigt also eine offensichtliche und vollkommene Einheit auf der ganzen Erde und unter allen Völkern; jene Einheit, deren Grund, Wurzel und unbesiegbarer Ursprung die höchste Autorität und der höchste Vorrang des heiligen Apostelfürsten Petrus und seiner Nachfolger auf dem römischen Stuhle ist. Es gibt keine andere katholische Kirche als jene, die, auf den einen Petrus auferbaut, in der Einheit des Glaubens und der Liebe heranwächst zum einen zusammengefügten und zusammengehaltenen Leib (Pius IX., a.a.O.)

Wir werden dazu beitragen, die Apostolizität in den Augen aller deutlicher sichtbar zu machen, wenn wir unsere Einheit mit dem Papst, die ja Einheit mit Petrus ist, mit ausgesuchter Treue unter Beweis stellen. Die Liebe zum Heiligen Vater muß eine herrliche Leidenschaft in uns sein, denn in ihm sehen wir Christus. Wenn wir mit dem Herrn im Gebet verkehren, werden wir einen klaren Blick bekommen, der uns auch hinter Ereignissen, die wir vielleicht manchmal nicht verstehen oder die uns Kummer bereiten und die Tränen in die Augen treiben, das Wirken des Heiligen Geistes erkennen läßt.


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(Die apostolische Sendung aller Katholiken) Die Kirche heiligt uns, nachdem wir durch die Taufe in ihren Schoß eingetreten sind. Kaum haben wir das Licht der Welt erblickt, gelangen wir schon in den Genuß der heiligenden Gnade. Der Glaube eines einzelnen, mehr noch, der Glaube der ganzen Kirche, kommt dem Kind zugute durch das Wirken des Heiligen Geistes, welcher die Kirche eint und die Güter des einen dem anderen zukommen läßt (Thomas von Aquin, S. Th., q. 68, a. 9 ad 2). Wie großartig ist diese übernatürliche Mutterschaft der Kirche, die ihr der Heilige Geist schenkt! Die geistliche Wiedergeburt, die durch die Taufe bewirkt wird, ist in gewisser Hinsicht dem natürlichen Zur-Welt-Kommen ähnlich. So wie die Kinder, die noch im Schoß ihrer Mutter sind, sich nicht durch sich selbst ernähren, sondern von der Mutter die Nahrung empfangen, so erhalten auch die Kleinen, die keinen Vernunftgebrauch haben und sich wie Kinder im Schoß ihrer Mutter, der Kirche, befinden, durch das Wirken der Kirche und nicht durch sich selbst das Heil (Ebd., ad 1).

So springt in ihrer ganzen Größe die priesterliche Gewalt der Kirche ins Auge, die direkt von Christus kommt. Christus ist die Quelle allen Priestertums. Der Priester des Gesetzes war sein Sinnbild; der Priester des Neuen Gesetzes hingegen handelt in der Person Christi, gemäß den Worten von 2 Kor 2,10: Denn was ich verzeihe, verzeihe ich, wenn ich überhaupt etwas verzeihe, aus Liebe zu euch in der Person Christi (Ebd., q 22. a 4).

Die erlösende Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen setzt sich in der Kirche durch das Sakrament der Priesterweihe fort, das durch sein Prägemal und die entsprechende Gnade dazu befähigt, als Diener Jesu Christi zum Wohl aller Seelen zu handeln. Wenn einer etwas tun kann, was dem anderen nicht möglich ist, so kommt das nicht aus der verschiedenen Gutheit oder Schlechtigkeit, sondern aus der erhaltenen Vollmacht, die der eine besitzt und der andere nicht. Da nun der Laie nicht die Konsekrationsgewalt erhält, kann er die Wandlung nicht vollziehen, auch wenn seine persönliche Gutheit noch so groß sein sollte (Ders., In IV Sent., d. 13, q. 1, a. 1).


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In der Kirche gibt es verschiedene Dienste, aber nur ein einziges Ziel: die Heiligung der Menschen. Und an diesem Werk haben auf irgendeine Weise kraft des in Taufe und Firmung empfangenen Prägemales alle Christen teil. Alle müssen wir uns für diese Sendung der Kirche verantwortlich fühlen, die ja die Sendung Christi ist. Wer kein Verlangen nach der Rettung der Seelen verspürt, wer sich nicht mit aller Kraft dafür einsetzt, daß der Name und die Lehre Christi bekannt und geliebt werden, der wird die Apostolizität der Kirche nicht verstehen.

Ein passiver Christ hat noch nicht begriffen, was Christus von uns allen erwartet. Ein Christ, der nur um seine eigenen Angelegenheiten besorgt ist und dem am Heil der anderen wenig liegt, liebt nicht mit dem Herzen Jesu. Das Apostolat ist nicht ausschließliche Aufgabe der Hierarchie oder der Priester und Ordensleute. Uns alle fordert der Herr auf, durch unser Beispiel und unser Wort zu Mittlern jenes Gnadenstroms zu werden, der ins ewige Leben fließt.

Beim Lesen der Apostelgeschichte rührt uns immer die Kühnheit der Jünger Christi, das Vertrauen auf ihre Sendung und ihre aufopfernde Freude. Sie verlangen keinen Massenandrang. Und selbst wenn die Massen kommen, wenden sie sich an jede einzelne Seele, an jeden Menschen, Mann für Mann: Philippus an den Äthiopier (Vgl. Apg 8,26-40), Petrus an den Hauptmann Cornelius (Vgl. Apg 10,1-48), Paulus an Sergius Paulus (Vgl. Apg 13,6-12).

Sie haben von ihrem Meister gelernt. Erinnert euch an das Gleichnis von den Arbeitern, die auf dem Dorfplatz auf eine Beschäftigung warten. Als der Herr des Weinberges, nachdem der Tag schon fortgeschritten ist, wieder hinausgeht, stößt er nochmals auf Taglöhner, die faul herumstehen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Weil uns niemand gedungen hat (Mt 20,6-7), war ihre Antwort. Im Leben eines Christen darf das nicht geschehen. Es darf nicht sein, daß jemand aus unserer Umgebung behaupten kann, er habe nichts von Christus gehört, weil niemand zu ihm vom Herrn gesprochen hat.

Häufig denken die Menschen, daß sie auf Gott einfach verzichten können. Sie täuschen sich. Auch wenn sie es nicht wissen, liegen sie da wie der Gelähmte am Teich von Betesda - unfähig, an die heilenden Wasser heranzukommen, an die Lehre, die die Seele mit Freude erfüllt. Schuld daran tragen vielfach die Christen. Diese Leute könnten gleichfalls sagen: hominem non habeo (Joh 5,7), ich habe keinen einzigen Menschen, der mir helfen würde. Jeder Christ muß Apostel sein, denn Gott, der niemanden braucht, braucht uns trotzdem. Er rechnet damit, daß wir uns der Ausbreitung seiner heilbringenden Lehre widmen.


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Wir betrachten das Geheimnis der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Es ist Zeit, daß wir uns fragen: Teile ich mit Christus seinen Eifer für die Seelen? Bete ich für diese Kirche, der ich angehöre und in der mir eine besondere Aufgabe zukommt, die niemand an meiner Statt erfüllen kann? In der Kirche sein ist schon viel, aber es ist nicht genug. Wir müssen selbst Kirche sein, denn unsere Mutter darf uns niemals etwas Fremdes, Äußerliches, unseren tiefsten Gedanken Fernes sein.

Hier beenden wir unsere Überlegungen über die Wesensmerkmale der Kirche. Mit der Hilfe des Herrn werden sie sich unserer Seele eingeprägt haben, und wir werden in uns eine klare, sichere, göttliche Überzeugung befestigen, um dann diese unsere heilige Mutter, die uns zum Leben der Gnade geboren hat und uns Tag für Tag mit unermüdlicher Sorgfalt umhegt, mehr zu lieben.

Sollten euch zufällig Beleidigungen zu Ohren kommen, die der Kirche zugerufen werden, dann zeigt solchen lieblosen Leuten freundlich und einfühlsam, daß man eine Mutter nicht auf diese Weise behandeln kann. Heute greift man sie straflos an, weil ihr Reich - das Reich ihres Meisters und Stifters - nicht von dieser Welt ist. Solange der Weizen unter der Spreu seufzt, solange die Ähren unter dem Unkraut stöhnen, solange die Gefäße der Barmherzigkeit neben den Gefäßen des Zornes klagen, solange die Lilie unter den Dornen weint, wird es nicht an Feinden fehlen, die sagen: Wann wird sein Name sterben und zugrunde gehen? Das heißt: Seht, es wird eine Zeit kommen, in der die Christen verschwinden und nicht mehr sein werden... Aber die das sagen, sterben unweigerlich. Und die Kirche bleibt (Augustinus, Enarrationes in Psalmos, 70, II, 12).

Was immer auch geschieht - Christus wird seine Braut nicht verlassen. Die triumphierende Kirche ist schon bei Ihm, zur Rechten des Vaters. Und von dort aus rufen uns unsere christlichen Brüder, die Gott für jene Wirklichkeit preisen, die wir vorerst noch im klaren Halbdunkel des Glaubens sehen: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.


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