Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Die Frau in Welt und Kirche > Textabschnitt 98
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Ein beständiger häuslicher Friede gehört zu den wesentlichen Gütern der Familie. Unglücklicherweise kommt es aber nicht selten vor, daß sich eine Familie verschiedener politischer oder sozialer Ansichten wegen entzweit. Wie kann man diese Konflikte Ihrer Meinung nach überwinden?

Hier gibt es nur eine einzige Antwort: miteinander auskommen, einander verstehen, einander verzeihen. Die Tatsache, daß irgend jemand anders denkt als ich, gibt mir keineswegs das Recht, ihm gegenüber eine feindselige oder auch nur eine kalte und gleichgültige Haltung einzunehmen; und das schon gar nicht, wenn es sich um Dinge handelt, über die man sehr wohl verschiedener Meinung sein kann. Mein christlicher Glaube fordert von mir, die Nächstenliebe allen Menschen gegenüber zu leben, auch gegenüber denen, die nicht die Gnade haben, an Christus zu glauben. Um wieviel mehr muß die Nächstenliebe dann in den Meinungsverschiedenheiten über relative Fragen das Verhältnis zwischen Menschen bestimmen, die das gleiche Blut und die gleiche Glaubensüberzeugung eint. Darüber hinaus ist der liebevolle Umgang miteinander ein gutes Mittel, um in diesen Fragen, in denen keiner behaupten kann, allein die ganze Wahrheit zu besitzen, von den anderen zu lernen, und außerdem können immer auch die anderen, wenn sie wollen, von denen etwas lernen, mit denen sie zusammenleben.

Weder vom christlichen noch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus ist es zu verstehen, daß eine Familie sich wegen solcher Meinungsverschiedenheiten entzweit. Wenn man wirklich den hohen Wert der Freiheit ganz begriffen hat und dieses Geschenk Gottes leidenschaftlich liebt, dann liebt man auch den Pluralismus, den die Freiheit mit sich bringt.

Als Beispiel kann ich vielleicht erwähnen, wie diese Haltung im Opus Dei gelebt wird, das ja eine große, durch dasselbe geistliche Ziel geeinte Familie darstellt. In allem, was nicht Glaubensgegenstand ist, denkt und handelt jeder im Werk, wie er will, in vollkommener persönlicher Freiheit und Eigenverantwortung. Der Pluralismus, der sich logisch und soziologisch aus dieser Haltung ergibt, ist für das Werk nicht nur kein Problem, sondern ein Ausdruck guten Geistes. Gerade weil der Pluralismus nicht gefürchtet, sondern als eine legitime Folge der persönlichen Freiheit geliebt wird, sind die verschiedenen Meinungen unter den Mitgliedern des Opus Dei kein Hindernis für gegenseitiges Verstehen im Geiste feinfühliger Nächstenliebe. Immer wieder kommen wir auf das gleiche Thema zurück: Freiheit und Liebe. Und das ist logisch, denn das einzig Ausschlaggebende ist, in der Freiheit zu leben, die Christus uns erworben, und die Liebe zu verwirklichen, die er uns als neues Gebot hinterlassen hat.

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