Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Die Frau in Welt und Kirche > Textabschnitt 87
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(Interview von Pilar Salcedo, veröffentlicht in Telva, Madrid, 1. Februar 1968)

Während sich die Rolle der Frau bisher weitgehend auf den häuslichen Bereich beschränkte, gewinnt ihre Anwesenheit im öffentlichen Leben heute zunehmend an Bedeutung. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? An welche Grundsätze soll sich die Frau Ihrer Meinung nach halten, um der ihr zukommenden spezifischen Aufgabe gerecht zu werden?

An erster Stelle halte ich es für wichtig, die beiden Lebensbereiche, die Sie erwähnen, nicht als einander entgegengesetzt darzustellen. Ebenso wie im Leben des Mannes werden Heim und Familie auch im Leben der Frau - in besonderer, ihr gemäßer Weise - immer eine zentrale Rolle spielen. Die Sorge für die Familie stellt ohne Zweifel immer eine große menschliche und christliche Aufgabe dar. Das bedeutet jedoch nicht, daß die Arbeit im Haushalt, die, wohlgemerkt, einen echten Beruf ausmacht, für die Frau die Möglichkeit ausschließt, sich auch in irgendeinem der zahlreichen anderen Berufe innerhalb der Gesellschaft zu betätigen. Die fast alternative Gegenüberstellung der beiden Aufgabenbereiche macht zwar das Anliegen, das hinter Ihrer Frage steht, gut deutlich, aber andererseits scheint mir ein derart schematisches Entweder-Oder nicht unproblematisch zu sein; denn eine solche Festlegung könnte sehr leicht durch Akzentverlagerung in einen vom Sozialen her gesehen noch viel schlimmeren Irrtum umschlagen als in den, den man zu überwinden meint; es wäre nämlich viel folgenschwerer, wenn die Frau die Sorge für ihre Familie hintanstellen würde.

Auch was den Bereich der Persönlichkeit anbetrifft, kann man keineswegs einfach behaupten, die Frau könne sich nur außerhalb des häuslichen Bereiches voll entfalten, als ob die Zeit, die sie ihrer Familie widmet, für Reife und Entfaltung ihrer Persönlichkeit verloren wäre. Das eigene Zuhause, das jede, auch die unverheiratete Frau dringend benötigt, ist in einzigartiger Weise geeignet, zum Wachstum ihrer Persönlichkeit beizutragen. Denn in der liebevollen Sorge für ihren Mann und ihre Kinder im Fall der Ehefrau, oder ganz allgemein in dem Bemühen, in ihrer Umgebung eine anziehende, warme Familienatmosphäre zu schaffen, erfüllt die Frau ihre ureigene, unersetzbare Aufgabe, und so vermag sie gerade hier ihre Persönlichkeit voll zu entfalten.

Wie ich bereits sagte, steht eine Beteiligung der Frau an anderen Aufgaben des sozialen und politischen Lebens dazu nicht im Widerspruch. Auch auf diesen Gebieten kann die Frau, und zwar gerade aufgrund ihrer spezifisch fraulichen Eigenschaften, einen wertvollen Beitrag leisten; und dazu wird sie in dem Maße in der Lage sein, in dem sie menschlich und beruflich entsprechend vorbereitet ist. Ebenso wie die Familie benötigt auch die Gesellschaft ohne Zweifel diesen unersetzbaren, keineswegs zweitrangigen Beitrag der Frau.

Fortschritt, Reife und Emanzipation der Frau dürfen jedoch nicht als Gleichheit mit dem Mann, im Sinne von Gleichförmigkeit mit ihm, verstanden werden. Die bloße Nachahmung typisch männlicher Verhaltensweisen wäre kein Gewinn, sondern ein Verlust für die Frau; nicht weil sie mehr oder weniger wäre als der Mann, sondern weil sie anders ist. Natürlich besteht eine prinzipielle Rechtsgleichheit zwischen Mann und Frau, da die Frau als Person und als Kind Gottes die gleiche Würde besitzt wie der Mann, und diese Rechtsgleichheit muß sowohl im bürgerlichen wie im kirchlichen Recht ihre gesetzliche Anerkennung finden. Ausgehend von dieser grundsätzlichen Gleichheit muß dann aber ein jeder das zu erreichen suchen, was ihm eigen ist; und so verstanden, bedeutet Emanzipation für die Frau soviel wie die echte Möglichkeit zu einer vollen Entfaltung ihrer Eigenart als Einzelpersönlichkeit und als Frau. Rechtsgleichheit und gesetzlich garantierte Chancengleichheit heben diese Eigenart, die eine Bereicherung für alle bedeutet, nicht auf. Sie setzen sie voraus und fördern sie.

Die Frau ist dazu berufen, in Familie, Gesellschaft und Kirche etwas hineinzutragen, das nur ihr eigen ist und das nur sie zu geben vermag: feinfühlige Umsicht, unermüdliche Großzügigkeit, Liebe für das Konkrete, Scharfsinn, Einfühlungsvermögen, Ausdauer und eine tiefe, schlichte Frömmigkeit. Das Frau-Sein ist nicht echt, wenn es nicht in der Lage ist, die Schönheit dieses unersetzlichen Beitrags zu begreifen und ihn im eigenen Leben zu verwirklichen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muß die Frau ihre eigene Persönlichkeit entfalten, ohne sich von einem naiven Nachahmungsdrang leiten zu lassen, der sie im allgemeinen leicht in einen Zustand der Unterlegenheit versetzen würde und ihre ureigenen Möglichkeiten unerfüllt ließe. Wenn sie sich darum bemüht, sich in persönlicher Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu bilden, wird sie in der Lage sein, ihre Arbeit und jedwede Aufgabe, zu der sie sich berufen fühlt, wirksam zu erfüllen. Ihr Leben und ihr Schaffen wird wahrhaft konstruktiv, fruchtbar und sinnerfüllt sein, ganz gleich ob sie nun den Tag an der Seite ihres Mannes und ihrer Kinder verbringt, oder ob sie - etwa weil sie aus einem vornehmen Grund auf die Ehe verzichtet hat - all ihre Kräfte in den Dienst anderer Aufgaben stellt. Wenn sie ihrer menschlichen und göttlichen Berufung treu ist, kann und wird jede Frau auf dem ihr eigenen Weg ihre frauliche Eigenart voll entfalten. Vergessen wir nicht, daß Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Menschen, uns nicht nur Vorbild ist, sondern zugleich ein lebendiger Beweis für den überzeitlichen Wert, den ein scheinbar unbedeutendes Leben haben kann.

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