Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Spontaneität und Pluralismus im Volk Gottes > Textabschnitt 4
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In manchen Kreisen des Klerus besteht eine gewisse Unruhe hinsichtlich der Frage, wie der Priester heute in der Gesellschaft gegenwärtig sein soll. Gestützt auf die Lehre des Konzils (Konstitution Lumen gentium, Nr. 31; Dekret Presbyterorum Ordinis, Nr. 8) gibt es Tendenzen, dieses Problem dadurch zu lösen, daß der Priester sich in das bürgerliche Berufs- und Arbeitsleben einschaltet, etwa nach der Art eines "Arbeiterpriesters". Wir möchten gern Ihre Meinung zu dieser Frage kennenlernen.

Lassen Sie mich zunächst sagen, daß ich eine meiner eigenen Meinung entgegengesetzte Auffassung zu dieser Frage durchaus achte, auch wenn ich sie aus vielfachen Gründen nicht für richtig halte, und daß ich die Arbeit jener Menschen, die sich mit viel apostolischem Eifer persönlich bemühen, diesen ihren Auffassungen gemäß zu handeln, hochschätze und für sie bete.

Ich selbst jedoch bin folgender Ansicht: Wenn das Priestertum in rechter Weise ausgeübt wird - das heißt ohne Schüchternheit und ohne Komplexe, die gewöhnlich ein Zeichen mangelnder menschlicher Reife sind, und ohne klerikale Überheblichkeit, die das Fehlen übernatürlicher Sicht verrät -, dann bietet das Amt des Priesters als solches alle Gewähr dafür, daß der Priester als Mensch in schlichter und glaubwürdiger Weise und ganz legitim in der Gesellschaft unter den Menschen präsent ist, an die er sich richtet. Für gewöhnlich wird das genügen, um mit der Welt der Arbeit in einer lebendigen Gemeinschaft zu stehen, ihre Probleme zu begreifen und an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen. Dagegen wird es wohl kaum jemals fruchtbar sein, sich mit Hilfe einer amateurhaft betriebenen beruflichen Arbeit eine Art naiven Passierschein zu verschaffen, denn der Mangel an Echtheit würde einen derartigen Versuch, der zudem aus vielen Gründen das gesunde Empfinden der Laien beleidigen kann, von vornherein zum Scheitern verurteilen. Außerdem nimmt die Seelsorge den Priester - insbesondere bei dem gegenwärtigen Priestermangel - derart in Anspruch, daß sie keine Doppelbeschäftigung zuläßt. Die Menschen brauchen uns so sehr, auch wenn viele von ihnen es nicht wissen, daß wir immer alle Hände voll zu tun haben. Es fehlt an Menschen, an Zeit, an Kräften. Deshalb pflege ich meinen Söhnen im Opus Dei, die Priester sind, zu sagen: wenn sie einmal Zeit übrig hätten, dann könnten sie völlig sicher sein, ihr Priestertum nicht gut gelebt zu haben.

Und bedenken Sie: bei den Priestern des Opus Dei handelt es sich um Leute, die in der Regel, bevor sie die Priesterweihe empfingen, jahrelang als Ingenieure, Ärzte, Arbeiter usw. im bürgerlichen Berufsleben gestanden haben. Jedoch weiß ich von keinem einzigen, der auf die Hilfe des Rechenschiebers, des Stethoskops oder des Preßlufthammers angewiesen wäre, um sich in der Gesellschaft, unter seinen früheren Kameraden und Kollegen, Wertschätzung und Gehör zu verschaffen. Es stimmt, daß sie manchmal, soweit es mit den Verpflichtungen ihres priesterlichen Standes vereinbar ist, ihren Zivilberuf ausüben, aber keineswegs deshalb, weil sie das etwa für notwendig hielten, um ihre "Präsenz in der Gesellschaft" zu garantieren. Ausschlaggebend dafür sind vielmehr andere Motive, wie etwa die Nächstenliebe oder zwingende wirtschaftliche Erfordernisse irgendeines apostolischen Unternehmens. Auch der heilige Paulus hat von Zeit zu Zeit seinen alten Beruf als Zeltmacher ausgeübt, aber nicht darum, weil Ananias ihm in Damaskus etwa geraten hätte, das Zeltmacherhandwerk zu erlernen, um so den Heiden besser das Evangelium verkünden zu können.

Zusammenfassend und ohne damit im geringsten die Rechtmäßigkeit und die gute Absicht irgendeiner apostolischen Initiative in Zweifel zu ziehen: ich halte die Gestalt zum Beispiel des Akademikers oder des Arbeiters, der Priester wird, für echter und mehr dem Sinne des Zweiten Vaticanum entsprechend als die Gestalt des Arbeiterpriesters. Abgesehen von seiner Bedeutung im Rahmen einer speziellen seelsorglichen Aufgabe, die immer nötig sein wird, gehört die klassische Gestalt des Arbeiterpriesters der Vergangenheit an, einer Zeit, in der die ungeahnten Möglichkeiten des Laienapostolates weithin noch unbekannt waren.

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