Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Die Universität im Dienst unserer Gesellschaft > Kap 6
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(Interview von Andres Garrigó, veröffentlicht in Gaceta Universitaria, Madrid, 5. Oktober 1967).

Könnten Sie uns sagen, worin Sie die wesentliche Aufgabe der Universität sehen? Welcher Platz kommt Ihrer Meinung nach der religiösen Bildung innerhalb des Hochschulstudiums zu?

Daß die Universität einen erstrangigen Beitrag zum menschlichen Fortschritt leisten muß, wissen Sie sehr gut, weil Sie als Student an dieser Aufgabe eifrig mitarbeiten. Da das Leben der Völker zahlreiche, manchmal sehr komplexe Probleme kulturellen, sozialen, ökonomischen und geistlichen Charakters aufwirft, wird auch die Bildung, die die Universität vermittelt, all diesen Aspekten Rechnung tragen müssen.

Es genügt nicht, daß die Universität den Wunsch hat, dem Gemeinwohl zu dienen; der Weg, um diesem Wunsch Wirksamkeit zu verleihen, besteht darin, fähigen Männern und Frauen tatsächlich eine gründliche Bildung zu vermitteln, damit diese sie dann in den Dienst der anderen stellen.

Sie fragten mich nach der religiösen Bildung. Die Religion ist die größte Rebellion des Menschen, der nicht leben will wie ein Tier, der sich nicht zufrieden gibt und nicht zur Ruhe kommt, bevor er seinen Schöpfer kennt und Umgang mit ihm hat. Das Studium der Religion ist daher eine grundlegende Notwendigkeit. Ein Mensch, dem die religiöse Bildung fehlt, ist nicht wirklich gebildet. Die Religion muß daher auch in der Universität ihren Platz haben, und zwar sollte sie mit hohem wissenschaftlichen Niveau, als gute Theologie, gelehrt werden. Eine Universität, in der die Religion fehlt, ist unvollständig, denn sie verkennt eine wesentliche Dimension des Menschen, die die übrigen Dimensionen nicht ausschließt, sondern voraussetzt.

Aber niemals darf die Freiheit der Gewissen verletzt werden; die religiöse Unterweisung muß freiwillig sein. Allerdings wird ein Christ, der in Übereinstimmung mit seinem Glauben leben will, sich der ernsten Verpflichtung einer gründlichen Bildung auf diesem Gebiet bewußt sein; er braucht notwendig eine reife Kenntnis der Glaubenslehre, damit er sein Leben danach ausrichten und durch Wort und Beispiel Zeugnis von Christus ablegen kann.


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Man macht sich heute viele Gedanken darüber, wie das Hochschulwesen demokratisiert und wie allen Gesellschaftsschichten der Zugang zur Hochschule erschlossen werden kann. Eine Universität, die ihrer sozialen Funktion nicht Rechnung trüge, ist heute unvorstellbar. Wie verstehen Sie diese Demokratisierung und wie kann Ihrer Meinung nach die Universität ihrer sozialen Aufgabe wirklich gerecht werden?

Die Universität muß die Studenten zu einer echten Dienstbereitschaft erziehen, das heißt zu der Bereitschaft, durch ihre Sorge um das Gemeinwohl, ihre berufliche Arbeit und ihre staatsbürgerliche Gesinnung der Allgemeinheit zu dienen. Die Studenten müssen sich ihrer Verantwortung bewußt sein; sie benötigen eine gesunde Unruhe gegenüber den Problemen ihrer Mitmenschen und die großzügige Bereitschaft, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen und sich um ihre bestmögliche Lösung zu bemühen. All das muß die Universität den Studenten vermitteln.

Jeder, der die notwendigen Fähigkeiten besitzt, muß Zugang zum Hochschulstudium haben, unabhängig von sozialer Herkunft, wirtschaftlichen Verhältnissen, Rasse und Religion. Solange noch derartige Schranken bestehen, wird die Demokratisierung des Bildungswesens eine Phrase bleiben.

Mit einem Wort, die Universität muß allen offenstehen und die Studenten so ausbilden, daß ihre zukünftige Berufsarbeit allen zugute kommt.


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Angesichts der materiellen und geistigen Not und des Elends so vieler Menschen in aller Welt drängt es viele Studenten, ihre Solidarität in einer aktiven Parteinahme zum Ausdruck zu bringen. Welche sozialen Ideale sollte man Ihrer Meinung nach der akademischen Jugend von heute nahebringen?

Das Ideal müßte während der Universitätsjahre vor allem in einem wirklich gut durchgeführten Studium und einer gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung bestehen. Ist diese Grundlage einmal da, dann findet man tausend Orte auf der Welt, wo man Hilfe braucht und auf eine persönliche, harte, opferbereite Tätigkeit wartet. Die Universität ist nicht dazu da, junge Menschen auszubilden, damit sie nachher die Vorteile, die sie aufgrund ihrer Studien erreichen, egoistisch für sich allein genießen; sie muß sie vielmehr auf die Aufgabe vorbereiten, ihren Mitmenschen in christlicher Brüderlichkeit und Großzügigkeit zu helfen.

Allzuoft erschöpft sich die von Ihnen erwähnte Solidarität im bloßen Gerede und in unfruchtbarem oder gar schädlichem Theater. Für mich besteht der einzige Maßstab echter Solidarität im Tun, das den Mitmenschen dient. Ich weiß von Tausenden von Studenten in Spanien und in anderen Ländern, die darauf verzichtet haben, sich ihre eigene kleine Welt aufzubauen, und die sich stattdessen in Bildungsstätten, Einrichtungen der Sozialhilfe usw. mit der Bereitschaft und Freude der Jugend ganz ihren Mitmenschen widmen, indem sie sich bemühen, ihre berufliche Arbeit dort, menschlich gesehen, so vollkommen wie möglich zu verrichten.


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Welche Verantwortung kommt Ihrer Meinung nach der Universität als Körperschaft sowie den einzelnen Professoren und Studenten zu angesichts der gegenwärtigen sozialen und politischen Lage in unserem Land und in der übrigen Welt, angesichts des Krieges, der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung? Kann die Universität innerhalb ihrer Mauern die Entfaltung politischer Tätigkeit von Studenten und Professoren unbeschränkt zulassen?

Zunächst einmal möchte ich klarstellen, daß das, was ich hier im Gespräch zum Ausdruck bringe, meine persönliche Meinung darstellt, die Meinung eines Mannes, der seit seinem 16. Lebensjahr (heute bin ich 65) niemals den Kontakt zur Universität verloren hat. Es handelt sich also um meine eigenen Ansichten und nicht etwa um die Ansichten des Opus Dei, das in zeitlichen und der freien Diskussion offenstehenden Fragen weder bereit noch in der Lage ist, Stellung zu beziehen, da seine Zielsetzung ausschließlich geistlicher Natur ist. Jedes Mitglied des Opus Dei besitzt und vertritt in völliger Freiheit seinen eigenen, persönlichen Standpunkt und nimmt dafür ebenso persönlich die Verantwortung auf sich.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich finde, an erster Stelle müßten wir uns darüber einigen, was hier unter Politik zu verstehen ist. Wenn man unter Politik versteht, sich für den Frieden, die soziale Gerechtigkeit und die Freiheit aller einzusetzen und zu arbeiten, dann hat sowohl jeder einzelne in der Universität als auch die Universität als Körperschaft die Pflicht, sich diese Ideale zu eigen zu machen und für die Bewältigung dieser großen Probleme der Menschheit jede Anstrengung zu fördern.

Versteht man dagegen unter Politik die konkrete Lösung eines bestimmten Problems neben anderen möglichen und rechtmäßigen Lösungen und in Konkurrenz zu denjenigen, die das Gegenteil vertreten, dann bin ich der Ansicht, daß die Universität nicht der rechte Ort für derartige Entscheidungen ist.

In der Universität soll man sich darauf vorbereiten, zur Lösung dieser Probleme beizutragen. Die Universität ist für alle da; sie ist ein Ort des Studiums, der Freundschaft und des friedlichen Zusammenlebens von Menschen der verschiedenen Denkrichtungen, die immer den legitimen Pluralismus der Gesellschaft ausdrücken.


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Könnten Studenten oder auch Professoren dann ihre Freiheit dazu gebrauchen, die Universität zu "politisieren", wenn sich die politische Situation in ihrem Land derart zuspitzen sollte, daß sie diese Handlungsweise vor ihrem Gewissen für erforderlich halten, weil es ihnen an anderen erlaubten Mitteln fehlt, um einem allgemeinen Notstand der Nation zu begegnen?

Wenn in einem Land keinerlei politische Freiheit herrscht, dann kann es sein, daß die Universität entartet, daß sie aufhört, eine gemeinsame Stätte für alle zu sein, und sich in ein Schlachtfeld entgegengesetzter Meinungsgruppen verwandelt.

Aber dennoch wäre es meiner Ansicht nach besser, diese Jahre für eine ernsthafte Ausbildung zu verwenden und so eine wirklich soziale Denkweise heranzubilden, damit diejenigen, die später einmal die leitenden Stellungen innehaben - das sind die heutigen Studenten -, sich nicht in derart pathologischer Weise der persönlichen Freiheit entgegenstellen. Wenn sich die Universität in einen Ort verwandelt, wo die konkreten politischen Probleme debattiert und entschieden werden, hat das leicht zur Folge, daß jede ausgeglichene akademische Atmosphäre verlorengeht und sich die Studenten an ein übertriebenes Gruppendenken gewöhnen; auf diese Weise werden Universität und Nation niemals das chronische Übel des Totalitarismus - gleich welcher Prägung überwinden.

Damit keinerlei Zweifel aufkommt: Wenn ich sage, die Universität sei nicht der rechte Ort, um Politik zu treiben, dann schließe ich damit keineswegs aus, sondern wünsche vielmehr, daß es eine normale politische Ausdrucksmöglichkeit für alle Bürger geben sollte. Aber obwohl ich in diesem Punkt eine sehr konkrete Meinung habe, möchte ich es hierbei bewenden lassen, denn meine Aufgabe besteht nicht in der Politik, sondern in der Seelsorge. Was ich hier zu Ihnen sage, liegt in meinem Zuständigkeitsbereich, denn ich betrachte mich als Angehörigen der Universität, und alles, was mit der Universität zu tun hat, erregt mein lebhaftes Interesse. Ich betreibe keine Politik, noch will oder kann ich das tun, aber meine juristische und theologische Mentalität - und nicht zuletzt mein christlicher Glaube - lassen mich in jedem Fall für die legitime Freiheit aller Menschen Partei ergreifen.

Niemand darf sich anmaßen, aus zeitlichen Fragen angebliche Glaubenssätze zu machen. Angesichts konkreter Probleme, gleich welcher Art, gibt es nur eines, nämlich sie gut zu studieren und dann in persönlicher Freiheit und mit persönlicher Verantwortung dem eigenen Gewissen entsprechend zu handeln.


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Worin besteht Ihrer Meinung nach die Aufgabe, die studentischen Vereinigungen oder Körperschaften zukommt? Wie sollten sich ihre Beziehungen zu den akademischen Behörden gestalten?

Sie verlangen hier von mir ein Urteil über einen sehr weitreichenden Fragenkomplex; ich kann deshalb nicht auf Einzelheiten eingehen. Hier nur einige allgemeine Gedanken: Ich bin der Ansicht, daß die Studentenvereinigungen an den spezifischen Aufgaben der Universität mitwirken müssen. Es muß Studentenvertreter geben, die von ihren Kommilitonen frei gewählt sind und sich in dem Bewußtsein mit den akademischen Behörden zusammenfinden, daß es darum geht, in gegenseitigem Zusammenwirken an einer gemeinsamen Aufgabe zu arbeiten. Hier besteht eine weitere Gelegenheit, um wirklich zu dienen.

Es muß eine Satzung geben, die das Verfahren regelt, damit die Zusammenarbeit wirksam, gerecht und sinnvoll vonstatten geht. Die zu behandelnden Fragen müssen vorher gründlich bearbeitet und erwogen sein; wenn die Lösungen, die vorgeschlagen werden, gut durchdacht sind, wenn sie aus einem konstruktiven Verlangen heraus geboren wurden und nicht in der Absicht, Gegensätze zu schaffen, dann gewinnen sie eine solche innere Autorität, daß sie sich von selbst durchsetzen.

All das setzt voraus, daß die Studentenvertreter wirkliches Niveau besitzen, das heißt an erster Stelle, daß sie die Freiheit der anderen und ihre eigene Freiheit lieben und bereit sind, die sich daraus ergebende Verantwortung zu übernehmen. Daß es ihnen nicht darum geht, persönlich zu glänzen oder sich Zuständigkeiten anzumaßen, die sie nicht besitzen, sondern ihnen wirklich das Wohl der Universität am Herzen liegt und damit das Wohl ihrer Studienkollegen. Andererseits müssen die Wähler ihre Repräsentanten nach diesen Gesichtspunkten aussuchen und nicht nach Kriterien, die mit der Wirksamkeit der Alma Mater nichts zu tun haben. Nur so wird die Universität zu einer Stätte des Friedens, zum Ort einer guten, ehrlichen Unruhe, die für das Studium und die Bildung aller dienlich ist.


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In welchem Sinn verstehen Sie die Lehrfreiheit und unter welchen Voraussetzungen erachten Sie sie für notwendig? Welche Rechte muß sich der Staat im Hochschulbereich vorbehalten? Halten Sie die Autonomie für ein grundlegendes Prinzip der Hochschulorganisation? Könnten Sie uns die wesentlichen Grundsätze nennen, auf denen ein System der Hochschulautonomie beruhen muß?

Die Lehrfreiheit ist nichts weiter als ein Aspekt der Freiheit überhaupt. Für mich ist die persönliche Freiheit eine absolute Notwendigkeit für alle Menschen und in allem, was moralisch statthaft ist. Lehrfreiheit und Freiheit des Schulwesens sollte es also für alle auf allen Ebenen geben. Jede Privatperson und jede Vereinigung, die die Fähigkeit dazu besitzt, müßte demnach die Möglichkeit haben, unter gleichen Bedingungen und ohne unnötige Schwierigkeiten Bildungszentren zu errichten.

Die Rolle des Staates hängt von den sozialen Verhältnissen ab; sie ist in Deutschland anders als in England, in den Vereinigten Staaten anders als in Japan, um einige Länder mit völlig verschiedenen Erziehungssystemen zu nennen. Dem Staat kommen zweifellos Aufgaben in der Förderung, der Kontrolle und Beaufsichtigung des Schulwesens zu. Aber das verlangt Chancengleichheit zwischen den staatlichen Unternehmungen und privaten Initiativen. Beaufsichtigen bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu machen und die Freiheit zu behindern oder einzuschränken.

Aus diesem Grund halte ich die Autonomie der Lehre für notwendig; Autonomie ist nur ein anderer Ausdruck für Freiheit der Lehre und des Schulwesens überhaupt. Die Universität als Körperschaft muß die Unabhängigkeit eines Organs innerhalb eines lebendigen Organismus besitzen, das heißt Freiheit bei ihrer spezifischen Aufgabe zugunsten des Gemeinwohls.

Kriterien für eine tatsächliche Verwirklichung dieser Autonomie sind zum Beispiel die freie Berufung der Professoren, die freie Ernennung der Verwaltungsspitze, Freiheit in der Erarbeitung der Studienpläne, die Möglichkeit, Vermögen zu bilden und es zu verwalten, mit einem Wort: alle notwendigen Bedingungen, damit die Universität ein wirkliches Eigenleben besitzen kann. Wenn sie diese Eigenständigkeit hat, dann wird sie auch in der Lage sein, sich wirksam für das Wohl der ganzen Gesellschaft einzusetzen.


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Unter den Studenten wird eine immer stärkere Kritik an der Tatsache laut, daß die Lehrstühle auf Lebenszeit vergeben werden. Scheint Ihnen diese Kritik berechtigt zu sein?

Ja. Selbst unter Berücksichtigung des hohen menschlichen und wissenschaftlichen Niveaus des spanischen Professorenkollegiums bevorzuge ich das System der freien vertraglichen Anstellung. Das freie Angestelltenverhältnis bedeutet meiner Ansicht nach wirtschaftlich gesehen keinen Nachteil für den Professor, und es stellt andererseits einen Ansporn für den Lehrstuhlinhaber dar, niemals mit der Forschung aufzuhören oder seine Weiterbildung zu vernachlässigen. Außerdem wird so vermieden, daß der Lehrstuhl als eine Pfründe statt einer Stätte des Dienstes aufgefaßt wird.

Ich bestreite damit weder, daß man mit dem System des Lehrstuhls auf Lebenszeit in manchen Ländern gute Erfahrungen macht, noch, daß es innerhalb dieses Systems Professoren mit großem Prestige gibt, die ihren Lehrstuhl wirklich als Dienst an der Universität verstehen. Aber meiner Ansicht nach ermöglicht der freie Vertragsabschluß, daß diese Fälle immer häufiger und vielleicht sogar - wie es das Ideal wäre - schließlich der Normalfall werden.


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Meinen Sie nicht, daß nach dem Zweiten Vaticanum Begriffe wie "Kirchliche Gymnasien", "Katholische Schulen" oder "Universitäten der Kirche" antiquiert sind? Scheint es Ihnen nicht, daß derartige Formen die Kirche zu Unrecht kompromittieren oder nach Privilegien aussehen?

Nein, ich bin nicht dieser Ansicht, falls man die "Schulen der Kirche", die "Katholischen Schulen" usw. als Ausdruck des der Kirche und den Ordensgemeinschaften zustehenden Rechts ansieht, Bildungsanstalten ins Leben zu rufen. Eine Schule oder eine Universität zu errichten ist kein Privileg, sondern eine Last, wenn man dafür sorgt, daß sie allen und nicht nur den wirtschaftlich Gutgestellten offenstehen.

Es lag nicht in der Absicht des Konzils, die konfessionellen Lehranstalten für überholt zu erklären. Es wollte nur zeigen, daß es daneben auch eine andere Form christlicher Präsenz im Bildungswesen gibt - wie sie beispielsweise seit vielen Jahren von den Mitgliedern des Opus Dei verwirklicht wird -, die vielleicht noch notwendiger und universeller ist: das freie Wirken katholischer Laien, die sich innerhalb oder außerhalb des staatlichen Schulwesens beruflich den Aufgaben der Erziehung widmen. Das ist nur ein weiterer Beweis dafür, ein wie klares Bewußtsein die Kirche heutzutage von der Wirksamkeit des Laienapostolates gewonnen hat.

Andererseits muß ich zugeben, daß ich keinerlei Sympathie für Begriffe wie "Katholische Schule", "Kirchliches Gymnasium" usw. hege, obwohl ich die entgegengesetzte Ansicht vollauf respektiere. Persönlich ziehe ich es vor, daß die Initiativen sich durch ihre Früchte und nicht durch ihren Namen auszeichnen. Eine Schule ist dann wirklich "christlich", wenn sie sich, ohne sich äußerlich von den anderen zu unterscheiden, um ein hohes Niveau bemüht, die persönliche Freiheit respektiert, sich für die Förderung der dringend notwendigen sozialen Gerechtigkeit einsetzt und eine Arbeit umfassender - auch christlicher - Bildung verwirklicht. Wenn das tatsächlich geschieht, spielt der Name keine Rolle. Wie gesagt, ziehe ich es persönlich vor, solche Adjektive zu vermeiden.


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Können Sie uns als Großkanzler der Universität von Navarra einiges zu den Gründen sagen, die Sie bewogen haben, diese Universität ins Leben zu rufen, und welche Bedeutung ihr heute im Rahmen der übrigen spanischen Universitäten zukommt?

Jahre vor ihrer Gründung hatte ich, und viele mit mir, für diese Universität gebetet. Es freut mich, das jetzt sagen zu können. 1952 wurde sie dann ins Leben gerufen aus dem Wunsch heraus, eine Hochschuleinrichtung zu schaffen, in der die kulturellen und apostolischen Ideale einer Gruppe von Professoren, die sich der tiefen Verantwortung ihrer Lehraufgabe bewußt waren, gedeihen könnten. Es ging damals und es geht heute darum, zusammen mit den übrigen Universitäten einen Beitrag zur Lösung des großen Bildungsproblems in Spanien und in vielen anderen Ländern zu leisten, wo man Menschen benötigt, die befähigt sind, am Aufbau einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken.

Die Dozenten, die mit der Arbeit in der Universität von Navarra begannen, waren in der spanischen Hochschullandschaft keine Fremden; sie hatten in Madrid, Barcelona, Santiago, Granada und in vielen anderen Universitäten zuerst studiert und dann dort gelehrt. Diese enge Zusammenarbeit - ich wage zu sagen, daß sie enger ist als die übliche Zusammenarbeit selbst unter benachbarten Universitäten - hat sich fortgesetzt im häufigen Austausch, in Besuchen von Professoren, auf nationalen Kongressen im Dienste des gemeinsamen Forschens usw. Ein ähnlicher Kontakt bestand und besteht zu den besten Universitäten anderer Länder, wie die gerade erfolgte Ernennung von Professoren der Sorbonne, aus Harvard, Coimbra, München und Löwen zu Ehrendoktoren der Universität von Navarra bestätigt.

Die Universität von Navarra hat es auch verstanden, die Hilfsbereitschaft vieler Menschen nutzbar zu machen, die ein von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des einzelnen unabhängiges Studium als wesentliche Grundlage für den Fortschritt des Landes ansehen. Und so ist die Vereinigung der Freunde der Universität von Navarra Wirklichkeit geworden, die dank ihrer großzügigen Hilfe bereits eine große Zahl von Stipendien und Freiplätzen verteilen konnte. Diese Zahl wird weiter wachsen, wie auch die Zahl der afroasiatischen und lateinamerikanischen Studenten weiter zunehmen wird.


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Man hat geschrieben, die Universität von Navarra sei eine Universität für Reiche, und trotzdem erhalte sie auch noch umfangreiche Subventionen vom Staat. In Bezug auf den ersten Punkt wissen wir selbst, daß diese Behauptung nicht stimmt, denn schließlich sind wir selbst Studenten und kennen auch unsere Kommilitonen von Navarra. Wie verhält es sich jedoch mit den staatlichen Subventionen?

Es gibt konkrete Angaben, die von der Presse veröffentlicht wurden und daher jedermann zugänglich sind, aus denen ersichtlich ist, daß - bei etwa gleichhohen Gebühren wie in den übrigen Universitäten - der Prozentsatz der Studenten, die eine finanzielle Beihilfe für ihr Studium erhalten, an der Universität von Navarra höher ist als an jeder anderen Universität des Landes. Und ich darf Ihnen sagen, daß diese Zahl noch weiter zunehmen wird, bis ein höherer oder zumindest ähnlicher Prozentsatz erreicht wird wie an jenen Universitäten außerhalb Spaniens, die sich am meisten durch ihre soziale Förderungsarbeit auszeichnen.

Es ist begreiflich, daß es Staunen hervorruft und an die Existenz großer wirtschaftlicher Mittel denken läßt, wenn man den lebendigen Organismus der Universität von Navarra so bewundernswert funktionieren sieht. Aber bei diesen Überlegungen läßt man leicht außer acht, daß nicht allein die wirtschaftlichen Hilfsquellen dafür ausschlaggebend sind, wenn ein Unternehmen gut vorangeht. Der Grund für die Vitalität dieser Hochschule ist vor allem in dem Einsatz, der Begeisterung und der Arbeitsintensität zu suchen, die alle, angefangen von den Professoren über die Studenten und Angestellten bis hin zu den Pförtnern und den Frauen, die sich um die Reinigung kümmern, in die Universität investiert haben. Ohne diese Hilfe wäre die Universität nicht lebensfähig gewesen.

Was die wirtschaftliche Seite angeht, so wird die Universität durch ganz verschiedenartige Subventionen unterhalten. An erster Stelle steht dabei die Unterstützung, welche die "Diputacion Foral" (der Landschaftsverband von Navarra) für den Unterhalt leistet. Ferner hat die Stadtverwaltung von Pamplona, wie es in vielen Universitätsstädten anderer Länder üblich ist, Gelände für die neuen Universitätsgebäude zur Verfügung gestellt. Sie werden aus Erfahrung wissen, welches geistige und wirtschaftliche Interesse ein Land wie Navarra und ganz konkret Pamplona daran besitzt, über eine moderne Universität zu verfügen, die allen die Möglichkeit einer guten Hochschulbildung erschließt.

Sie fragen nach Subventionen vonseiten des Staates. Der spanische Staat leistet keinen Beitrag zum Unterhalt der Universität von Navarra. Er hat einige Zuschüsse zur Schaffung neuer Studienplätze gewährt, welche die großen wirtschaftlichen Lasten vermindern, die durch die neuen Einrichtungen entstehen.

Weitere Einnahmequellen sind im Falle der Technischen Hochschule für Maschinenbau Beiträge verschiedener Körperschaften dieser Provinz, insbesondere der Provinzsparkasse Guipuzcoas.

Seit den Anfängen der Universität kommt der Hilfe von spanischen und ausländischen, staatlichen und privaten Stiftungen eine ganz besondere Bedeutung zu: So erhielt die Universität eine bedeutende offizielle Spende der Vereinigten Staaten für die Ausrüstung der Technischen Hochschule mit wissenschaftlichen Instrumenten, einen Beitrag des deutschen Hilfswerks Misereor für die neuen Gebäude, Beiträge der Stiftung Huarte für die Krebsforschung, der Stiftung Gulbenkian usw.

Die wohl erfreulichste Hilfe kommt von vielen tausend Einzelnen aller sozialen Schichten aus dem In- und Ausland - viele von ihnen leben in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen -, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beitragen, die Universität zu unterhalten.

Schließlich sind auch die Firmen nicht zu vergessen, die an den Forschungsarbeiten interessiert sind und mitarbeiten oder auf andere Weise helfen.

Vielleicht meinen Sie, mit all dem müßte mehr als genug Geld vorhanden sein. Leider nicht: Die Universität von Navarra ist weiterhin nicht in der Lage, sich wirtschaftlich zu tragen. Ich wünschte nur, daß uns noch mehr Menschen und Stiftungen helfen würden, damit diese Arbeit im Dienste und zum Nutzen der Gesellschaft in noch größerem Umfang fortgesetzt werden kann.


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Sie sind der Gründer des Opus Dei und Initiator zahlreicher Hochschuleinrichtungen in der ganzen Welt. Können Sie uns sagen, welche Gründe das Opus Dei bewogen haben, diese Einrichtungen ins Leben zu rufen? Was sind die besonderen Merkmale der Arbeit des Opus Dei im Hochschulbereich?

Das Ziel des Opus Dei besteht darin, vielen Menschen auf der ganzen Welt in der Theorie und durch die Praxis bewußt zu machen, daß man die gewöhnliche Tätigkeit, die alltägliche Berufsarbeit heiligen und sich mitten im Alltag um die christliche Vollkommenheit bemühen kann, ohne die Arbeit, zu der uns der Herr gerufen hat, zu verlassen. Die wichtigste apostolische Arbeit des Opus Dei ist daher das persönliche Apostolat, das seine Mitglieder als einzelne durch ihre berufliche Arbeit verwirklichen, indem sie diese - trotz der persönlichen Fehler, die ein jeder haben mag - mit der größtmöglichen menschlichen Vollkommenheit zu verrichten suchen. Das geschieht in jedem Milieu und überall auf der Welt, denn dem Opus Dei gehören Menschen aller Rassen und sozialen Schichten aus etwa siebzig Ländern an.

Außerdem gründet das Opus Dei als Vereinigung in Zusammenarbeit mit vielen anderen Menschen, die ihm nicht angehören und oft nicht einmal Christen sind, korporative Einrichtungen, mit denen es einen Beitrag zur Lösung aktueller Probleme unserer Gesellschaft leisten möchte: Bildungszentren, Einrichtungen der Sozialhilfe, Berufsschulen usw. Die Initiativen im Hochschulbereich, von denen Sie sprachen, sind nur ein Aspekt unter vielen innerhalb dieser Tätigkeiten. Ihre charakteristischen Züge lassen sich etwa so zusammenfassen: Erziehung zu persönlicher Freiheit und Eigenverantwortung. Wo Freiheit und Verantwortung herrschen, arbeitet man gern und besser, Kontrolle oder Überwachung erübrigt sich, weil sich jeder zu Hause fühlt, und es genügt einfach ein Stundenplan. Hinzu kommt ein Geist des Zusammenlebens ohne jedwede Diskriminierung: In der Gemeinschaft formt sich die Persönlichkeit, denn dort lernt man, daß die Freiheit der anderen respektiert werden muß, wenn man die eigene Freiheit respektiert sehen will. Und schließlich ist eine Haltung wirklicher Brüderlichkeit notwendig. Die eigenen Talente müssen in den Dienst der Mitmenschen gestellt werden, sonst nützen sie wenig. Die korporativen Einrichtungen, die das Opus Dei in der ganzen Welt unterhält, sind immer für alle da, weil sie ein christlicher Dienst sind.


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In einem Beisammensein mit Studenten der Universität von Navarra im vergangenen Mai haben Sie ein Buch über Fragen der Universität und des studentischen Lebens versprochen. Können Sie uns sagen, ob es bald erscheinen wird?

Erlauben Sie einem alten Mann von über sechzig Jahren diese kleine Eitelkeit: Ich hoffe, das Buch wird erscheinen, und ich hoffe, daß es für Professoren und Studenten von Nutzen sein kann. Zumindest werde ich die ganze Liebe hineinlegen, die ich zur Universität hege und die ich nie verloren habe, seitdem ich sie vor vielen Jahren zum erstenmal betrat.

Vielleicht dauert es noch ein wenig, aber das Buch wird sicher erscheinen. Bei einer anderen Gelegenheit versprach ich den Studenten von Navarra eine Statue der Mutter Gottes. Sie sollte mitten auf dem Campus der Universität aufgestellt werden, damit die Gottesmutter die lautere Liebe dieser Jugend segnen möge. Es dauerte eine Weile, aber schließlich kam die Statue der Mutter Gottes, "Mutter der schönen Liebe", die der Heilige Vater persönlich für die Studenten gesegnet hatte.

In Bezug auf das Buch muß ich Ihnen noch folgendes sagen: Bitte erwarten Sie nicht, daß es allen gefällt. Ich werde dort meine persönlichen Ansichten darlegen und ich hoffe, sie werden von denen, die das Gegenteil vertreten, genauso respektiert, wie ich alle Meinungen respektiere, die nicht mit meiner eigenen übereinstimmen, und wie ich alle Menschen hochachte, die ein großes und weites Herz haben, auch wenn sie nicht den Glauben an Christus mit mir teilen. Darf ich eine kleine Anekdote erzählen, die sich oft wiederholt, das letzte Mal in Pamplona: Ein Student kam auf mich zu, um mich zu begrüßen; "Monsignore", sagte er mir, "ich bin kein Christ, ich bin Mohammedaner." "Du bist ein Kind Gottes, genau wie ich", antwortete ich ihm und umarmte ihn von Herzen.


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Könnten Sie uns zum Schluß noch ein paar Worte zu unserer Arbeit in der Studentenpresse sagen?

Der Journalismus ist eine großartige Sache, auch die Arbeit an einer Studentenzeitung. Ihr könnt viel dazu beitragen, unter euren Kommilitonen die Liebe zu echten Idealen, die Bereitschaft, den eigenen Egoismus zu überwinden, das Gespür für die gemeinschaftlichen Aufgaben und die Brüderlichkeit zu fördern. Und vor allem - ich kann nicht anders, ich muß immer wieder darauf hinweisen -: Habt eine große Liebe zur Wahrheit!

Ich gestehe ganz offen, die Sensationsgier gewisser Journalisten, die die Wahrheit nur halb sagen, ekelt mich an. Informieren bedeutet nicht, auf halbem Wege zwischen Wahrheit und Lüge stehenzubleiben; das hat weder etwas mit Information noch mit Moral zu tun. Leute, die ein paar Halbwahrheiten mit einer Menge von Irrtümern und sogar mit vorsätzlichen Verleumdungen vermengen, kann man nicht als Journalisten bezeichnen. Sie sind nur ein paar mehr oder weniger gut geschmierte Zahnräder im Getriebe jener Organisationen, die Unwahrheiten verbreiten in der Überzeugung, daß sie dann von selbst, dank der gutgläubigen Einfältigkeit und Dummheit nicht weniger, bis zum Überdruß wiederholt werden. Ich muß gestehen, daß diese falschen Journalisten, sofern es mich betrifft, gut wegkommen, denn es vergeht kein Tag, an dem ich nicht für sie bete und den Herrn bitte, Er möge ihnen ein klares Gewissen geben.

Ich möchte Euch also bitten, die Liebe zum guten Journalismus zu verbreiten, der sich nicht mit unbestätigten Gerüchten, mit dem "man sagt" zufrieden gibt, das von überdrehten Köpfen phantastisch zusammengereimt wurde. Informiert mit Tatsachen und Daten, ohne über die Absicht der Menschen zu urteilen, und respektiert mit Sachlichkeit die legitime Verschiedenheit der Meinungen, ohne in persönliche Angriffe zu verfallen. Wo echte Information fehlt, ist es kaum möglich, daß die Menschen wirklich gut miteinander auskommen. Echte Information hat keine Angst vor der Wahrheit, sie läßt sich weder von der Sorge um das eigene Fortkommen noch von einem falschen Prestige oder von wirtschaftlichen Vorteilen bestimmen.


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