Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Das Opus Dei und das Streben nach Heiligkeit in der Welt > Kap 5
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(Interview von Enrico Zuppi und Antonino Fugardi, veröffentlicht in L 'Osservatore della Domenica, Rom, 19. und 26. Mai; 2. Juni 1968)

Das Opus Dei spielt eine wichtige Rolle im derzeitigen Entwicklungsprozeß des Laienstandes. Wir möchten Sie deshalb an erster Stelle fragen, welches nach Ihrer Meinung die wichtigsten Merkmale dieses Prozesses sind?

Es ist immer meine Auffassung gewesen, daß das Bewußtsein von der Würde der christlichen Berufung das grundlegende Merkmal im Entwicklungsprozeß des Laienstandes ist. Der Anruf Gottes, das Siegel der Taufe und die Gnade bewirken, daß jeder Christ den Glauben voll und ganz verwirklichen kann und muß. Jeder Christ muß unter den Menschen alter Christus, ipse Christus (ein anderer Christus, Christus selbst) sein. Der Heilige Vater hat es unmißverständlich ausgesprochen: "Wir müssen der Tatsache, daß wir getauft und durch dieses Sakrament dem mystischen Leibe Christi, der Kirche, eingepflanzt sind, ihre volle Bedeutung wiedergeben. (...) Das Christsein, der Empfang der Taufe, darf nicht als etwas Gleichgültiges angesehen werden, das keine besondere Beachtung verdient; es muß tief und beglückend das Bewußtsein des Getauften prägen." (Ecclesiam suam, Teil I).


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Diese Gedanken vermitteln eine tiefere Einsicht in das Wesen der Kirche, die sich darstellt als eine durch alle Gläubigen gebildete Gemeinschaft, so daß wir alle Mitträger einer gemeinsamen Aufgabe sind, ein jeder nach seinen persönlichen Bedingungen. Dank dem Antrieb des Heiligen Geistes werden sich die Laien immer mehr dessen bewußt, daß sie Kirche sind, daß sie eine spezifische, erhabene und notwendige - da gottgewollte - Aufgabe haben. Sie wissen auch, daß diese Aufgabe von ihrem Christsein selbst abhängt und nicht notwendigerweise von einem Auftrag der Hierarchie, auch wenn es selbstverständlich ist, daß die Laien diese Aufgabe in Einheit mit der kirchlichen Hierarchie und in Übereinstimmung mit dem Lehramt erfüllen müssen. Ohne Einheit mit dem Bischofskollegium und mit seinem Haupt, dem Papst, kann es nämlich für einen katholischen Christen keine Einheit mit Christus geben.

Die spezifische Art der Laien, ihren Beitrag zur Heiligkeit und zum Apostolat der Kirche zu leisten, besteht im freien und verantwortlichen Wirken inmitten der zeitlichen Gegebenheiten, so daß sie den Sauerteig der christlichen Botschaft überall hintragen können. Das Zeugnis, das ein Christ durch sein Leben gibt, sein Wort, das im Namen Gottes Licht bringt, und sein verantwortliches Handeln im Dienst der Mitmenschen, mit dem er zur Lösung der gemeinsamen Probleme beiträgt, all das sind verschiedene Arten, wie der gewöhnliche Christ durch seine Gegenwart einen göttlichen Auftrag erfüllt. Seit sehr vielen Jahren, seit dem Gründungstag des Opus Dei selbst, habe ich jene Worte Christi, die Johannes uns überliefert, selbst betrachtet und andere betrachten lassen: Et ego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad meipsum (Joh 12,32). Christus zieht durch seinen Tod am Kreuz die ganze Schöpfung an sich, und in seinem Namen sollen die Christen durch ihre Arbeit mitten in der Welt alle Dinge mit Gott versöhnen. Dies erreichen sie dadurch, daß sie Christus zum Ziel allen menschlichen Tuns erheben.

Zugleich mit diesem Bewußtwerden der Laien vollzieht sich - das möchte ich hinzufügen - auch eine analoge Entwicklung im Verständnis der Hirten. Sie erkennen das Spezifische der Laienberufung. Diese Berufung muß durch eine Seelsorge gefördert und begünstigt werden, die mitten im Volk Gottes das Charisma der Heiligkeit und des Apostolates in den zahllosen und unterschiedlichen von Gott gewährten Formen entdeckt.

Diese neue Form der Seelsorge stellt sehr hohe Anforderungen, aber sie ist meiner Meinung nach absolut notwendig. Sie erfordert die übernatürliche Gabe der Unterscheidung der Geister, ein feines Gespür für die Dinge Gottes und die Demut, eigene Vorstellungen anderen nicht aufzudrängen, und dem zu dienen, was Gott in den Seelen wecken will. Mit einem Wort: sie erfordert die Liebe zur rechtmäßigen Freiheit der Kinder Gottes, die Christus begegnen und zu Trägern Christi werden, indem sie Wege gehen, die voneinander verschieden, aber alle in gleicher Weise göttlich sind.

Eine der größten Gefahren, die die Kirche heute bedrohen, könnte darin bestehen, diese göttlichen Forderungen der christlichen Freiheit nicht anzuerkennen und aus Gründen einer vermeintlich größeren Wirksamkeit den Christen eine weitgehende Gleichschaltung aufzwingen zu wollen. Diese Einstellung wurzelt zwar in dem legitimen und löblichen Wunsch, die Kirche möge ein Zeugnis geben, das die moderne Welt mitreißt, und dennoch fürchte ich sehr, daß dieser Weg verkehrt ist. Einerseits könnte er die Hierarchie in zeitliche Dinge verwickeln und zu einem neuartigen, aber nicht minder verhängnisvollen Klerikalismus als dem vergangener Jahrhunderte führen; andererseits könnte er die Laien, die gewöhnlichen Christen, von der Welt, in der sie leben, abkapseln und zu Vertretern von Entscheidungen oder Ideen machen, die außerhalb dieser ihrer Welt entstanden sind.

Mir scheint, daß von uns Priestern gerade die Demut verlangt wird zu lernen, nicht modisch, sondern echte Diener der Diener Gottes zu sein gemäß dem Wort des Täufers: illum oportet crescere, me autem minui (Joh 3,30) - er muß wachsen, und ich muß abnehmen -, damit die gewöhnlichen Christen, die Laien, Christus in allen Bereichen der Gesellschaft gegenwärtig machen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Priesters wird immer darin bestehen, in der christlichen Lehre zu unterweisen; den Mitmenschen zu helfen, die persönlichen und sozialen Forderungen des Evangeliums zu erfassen; darauf hinzuwirken, daß die Zeichen der Zeit in richtiger Weise erkannt werden. Aber alle priesterliche Arbeit muß sorgfältig die rechtmäßige Freiheit der Gewissen achten, weil jeder einzelne Mensch frei auf Gott antworten muß. Aber abgesehen von dieser Hilfe des Priesters empfängt auch jeder einzelne Katholik von Gott Klarheit. Er besitzt die Standesgnade, um die spezifischen Aufgaben zu verwirklichen, die er als Mensch und als Christ erhalten hat.

Wer der Meinung ist, es sei für ein Vernehmlich-Machen der Stimme Christi in der Welt vonnöten, daß der Klerus spreche oder sich überall zeige, hat wenig von der Würde der göttlichen Berufung aller und jedes einzelnen christlichen Gläubigen begriffen.


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Welche Aufgabe hat das Opus Dei bisher verwirklicht und welche verwirklicht es heute? In welcher Form arbeiten die Mitglieder mit anderen Vereinigungen auf diesem Gebiet zusammen?

Es steht mir nicht zu, ein historisches Urteil über das abzugeben, was das Opus Dei bisher mit der Gnade Gottes gewirkt hat. Ich möchte nur betonen, daß das ganze Bemühen des Opus Dei dahin geht, das Streben nach Heiligkeit und die Ausübung des Apostolates durch die Christen, die in der Welt leben, zu fördern, gleich welchem Stande oder Beruf sie angehören.

Diese Christen sind durch ihre familiären, freundschaftlichen und beruflichen Bande sowie durch ihr berechtigtes Streben in der Gesellschaft verwurzelt. Um zu dem Verständnis beizutragen, daß ihr Leben, so wie es ist, Anlaß zu einer Begegnung mit Christus, das heißt zu einem Weg der Heiligkeit und des Apostolates werden kann - dazu ist das Werk entstanden. Christus ist in jeder rechtschaffenen menschlichen Tätigkeit zugegen. Das Leben eines einfachen Christen, das manchem gewöhnlich und mittelmäßig vorkommen mag, kann und muß ein heiliges und heiligendes Leben sein.

Mit anderen Worten: Um Christus zu folgen, um der Kirche zu dienen, um den anderen Menschen zu helfen, daß sie ihre ewige Bestimmung erkennen, braucht man nicht die Welt zu verlassen oder sich von ihr zu entfernen. Es ist auch nicht nötig, sich einer kirchlichen Aufgabe zu widmen. Die notwendige und hinreichende Bedingung dafür ist, die Aufgaben, die Gott für jeden einzelnen vorgesehen hat, an der von Ihm gewollten Stelle und in der von Ihm bestimmten Umgebung zu erfüllen.

Da nun die Mehrzahl der Christen von Gott den Auftrag empfängt, die Welt von innen her zu heiligen und dabei in den zeitlichen Gegebenheiten zu verbleiben, hilft das Opus Dei ihnen, diesen göttlichen Auftrag zu entdecken, indem es ihnen zeigt, daß die menschliche Berufung - im Beruf, in der Familie und in der Gesellschaft - der übernatürlichen Berufung nicht entgegensteht, sondern ganz im Gegenteil deren fester Bestandteil ist.

Einzige und ausschließliche Aufgabe des Opus Dei ist die Verbreitung dieser Botschaft des Evangeliums unter allen Menschen, die in der Welt leben und arbeiten, gleich in welcher Umgebung und in welchem Beruf. Allen, die dieses Ideal der Heiligkeit verstehen, gibt das Werk die geistlichen Mittel und die lehrmäßige, asketische und apostolische Ausbildung, die notwendig sind, um es dann im eigenen Leben zu verwirklichen.

Die Mitglieder des Opus Dei handeln nicht gruppenweise, sondern einzeln, in persönlicher Freiheit und Verantwortung. Gerade aus diesem Grunde ist das Werk keine geschlossene Organisation, und es vereinigt in keiner Weise seine Mitglieder, um sie von den anderen Menschen abzukapseln. Die korporativen Werke, übrigens die einzigen Unternehmungen, die das Opus Dei leitet, stehen allen Menschen offen, ohne daß Unterschiede gesellschaftlicher, kultureller oder religiöser Art gemacht würden. Und gerade weil die Mitglieder sich in der Welt heiligen müssen, arbeiten sie mit allen Menschen zusammen, mit denen sie durch ihre Arbeit oder durch ihre Teilnahme am bürgerlichen Leben verbunden sind.


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Wesentlicher Bestandteil des christlichen Geistes ist nicht allein die Einheit mit der Hierarchie - mit dem Papst und den Bischöfen -, sondern auch die Verbundenheit mit den übrigen Brüdern im Glauben. Seit langem bin ich der Meinung, daß eines der größten Übel der Kirche unserer Zeit in der Unkenntnis vieler Katholiken darüber besteht, was die Katholiken anderer Länder und anderer gesellschaftlicher Schichten denken und tun. Es tut not, diese Brüderlichkeit, die von den ersten Christen so tief gelebt wurde, wieder zu erneuern. Auf diese Weise werden wir uns vereint wissen und gleichzeitig die Vielfalt der persönlichen Berufungen lieben. Und so werden viele ungerechte und beleidigende Urteile vermieden werden, die bestimmte kleine Gruppen im Namen des Katholizismus gegen andere Glaubensbrüder verbreiten, die in ihrem Land unter den besonderen Umständen rechtschaffen und opferbereit handeln.

Es ist wichtig, daß jedermann dem an ihn ergangenen göttlichen Ruf treu zu folgen bemüht ist und so der Kirche die Früchte seines von Gott empfangenen Charismas nicht vorenthält. Die besondere Aufgabe der Mitglieder des Opus Dei, die gewöhnliche Christen sind, ist die Heiligung der Welt von innen her, indem sie an den verschiedensten menschlichen Tätigkeiten teilnehmen. Da ihre Zugehörigkeit zum Werk ihre Stellung in der Welt nicht ändert, beteiligen sie sich in der jeweils geeigneten Form an gemeinschaftlichen religiösen Feiern, am Leben der Pfarrei usw. Auch in dieser Hinsicht sind sie normale Bürger, die gute katholische Christen sein wollen.

In der Regel widmen sich die Mitglieder des Werkes allerdings nicht den konfessionellen Tätigkeiten. Nur in außergewöhnlichen Fällen und auf ausdrücklichen Wunsch der Hierarchie arbeitet das eine oder andere Mitglied des Werkes in kirchlichen Einrichtungen. Hinter dieser Haltung steckt weder der Wunsch, anders zu sein, und noch viel weniger eine Geringschätzung der konfessionellen Tätigkeiten. Es ist vielmehr ganz einfach der Entschluß, sich dem zu widmen, was der Berufung zum Opus Dei eigen ist. Es gibt ja viele Ordensleute und Kleriker und auch viele Laien, die diese Tätigkeiten voll Eifer betreiben und ihnen ihre ganze Kraft widmen.

Die besondere Aufgabe der Mitglieder des Opus Dei, zu der sie sich von Gott berufen wissen, ist anderer Art. Im Rahmen des allgemeinen Rufes zur Heiligkeit empfangen die Mitglieder des Opus Dei noch den besonderen Ruf, frei und selbstverantwortlich der Heiligkeit und dem Apostolat mitten in der Welt nachzugehen. Sie verpflichten sich dabei, nach einem spezifischen Geist zu leben und zeit ihres Lebens eine besondere Formung zu empfangen. Wenn die Mitglieder ihre Arbeit in der Welt vernachlässigten, um kirchlichen Arbeiten nachzugehen, würden sie die von Gott empfangenen Gaben brach liegen lassen. Durch den Trugschluß einer unmittelbaren seelsorglichen Wirksamkeit würden sie der Kirche tatsächlich einen Schaden zufügen; denn dann gäbe es weniger Christen, die sich der Heiligung in allen Berufen und Beschäftigungen der Gesellschaft auf dem unendlichen Feld der weltlichen Arbeit widmen würden.

Außerdem nimmt die Notwendigkeit einer dauernden Weiterbildung im Beruf und im Glauben neben der Zeit, die dem geistlichen Leben, dem Gebet und der opferbereiten Erfüllung der Standespflichten gewidmet ist, das ganze Leben in Anspruch; es gibt keine unausgefüllten Stunden.


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Bekanntlich gehören dem Opus Dei verheiratete und unverheiratete Männer und Frauen aller Schichten der Gesellschaft an. Welches ist nun das gemeinsame Merkmal, das die Berufung zum Werk kennzeichnet? Welche Bindungen geht jedes Mitglied ein, um die Ziele des Opus Dei zu verwirklichen?

Ich will es Ihnen mit wenigen Worten sagen: die Heiligkeit inmitten der Welt, ja sozusagen auf der Straße, zu suchen. Wer von Gott die spezifische Berufung zum Opus Dei empfängt, weiß, daß er die Heiligkeit in seinem eigenen Lebensstand suchen muß, in der Ausübung seiner Arbeit, sei sie nun handwerklicher oder intellektueller Art. Und danach lebt er auch. Ich sage, er weiß es und lebt danach, denn es geht nicht um die Annahme einer bloß theoretischen Forderung, sondern um ihre tagtägliche Verwirklichung im gewöhnlichen Leben.

Die Heiligkeit erlangen zu wollen trotz der Fehler und der Armseligkeiten, die uns zeitlebens begleiten, bedeutet, sich mit Hilfe der Gnade Gottes ständig um die Liebe zu mühen, die die Vollendung des Gesetzes und das Band der Vollkommenheit ist. Diese Liebe ist nicht etwas Abstraktes. Sie bedeutet wirkliche und uneingeschränkte Hingabe im Dienst an Gott und an allen Menschen: Dienst an Gott, der in der Stille des Gebetes und im Lärm der Welt spricht; und Dienst an den Menschen, deren Lebensweg mit dem unseren verflochten ist. Wenn wir die Liebe - die caritas - leben, leben wir alle natürlichen und übernatürlichen Tugenden des Christen. Sie alle bilden eine Einheit und können nicht erschöpfend aufgezählt werden. Die Liebe verlangt, daß man die Gerechtigkeit, den Sinn für die Gemeinschaft, die Verantwortung für Familie und Gesellschaft, die Armut, die Freude, die Keuschheit, die Freundschaft... lebt.

Es ist leicht ersichtlich, daß die Ausübung dieser Tugenden von selbst zum Apostolat führt, ja sie ist bereits Apostolat. Denn versucht man auf diese Weise mitten in der alltäglichen Arbeit zu leben, dann wird das christliche Verhalten sofort zum Vorbild, zum Zeugnis, zur konkreten und wirksamen Hilfe. Man lernt, den Spuren Christi zu folgen, denn er verband Beispiel und Wort: coepit facere et docere (Apg 1,1), er begann zu tun und zu lehren. Darum habe ich seit mehr als vierzig Jahren diese Arbeit das Apostolat der Freundschaft und des Vertrauens genannt.

Alle Mitglieder des Opus Dei teilen diesen Wunsch nach Heiligkeit und Apostolat. Darum gibt es im Werk weder Grade noch Rangordnungen unter den Mitgliedern. Wohl sind die Stellungen der einzelnen in der Welt sehr unterschiedlich. Dieser Vielfalt paßt sich die allen gleiche und einzige, spezifische und gottgewollte Berufung zum Werk an, das heißt der Ruf zur Hingabe, der Ruf, sich ganz persönlich, frei und verantwortlich um die Erfüllung des Willens Gottes zu bemühen, der für einen jeden von uns offenbar geworden ist.

Wie man sieht, ist das pastorale Phänomen des Opus Dei etwas, das von unten her wächst, das heißt aus dem gewöhnlichen Leben des Christen heraus, der zusammen mit den anderen Menschen lebt und arbeitet. Diese Erscheinung liegt nicht auf der Ebene einer Verweltlichung, Entsakralisierung, des Lebens der Ordensleute und sie ist auch nicht das letzte Stadium ihrer Annäherung an die Welt.

Wer die Berufung zum Opus Dei empfängt, erwirbt eine neue Sicht der Dinge, die ihn umgeben. Er sieht ein neues Licht in seinen gesellschaftlichen Beziehungen, in seinem Beruf, in seinen Sorgen, in seiner Traurigkeit und in seiner Freude. Aber niemals zieht er sich von all dem zurück. Es geht deshalb keinesfalls an, dabei von einer Anpassung an die Welt oder an die moderne Gesellschaft zu sprechen. Niemand paßt sich dem an, was ihm zu eigen ist. In dem, was man zu eigen hat, darin ist man. Die empfangene Berufung ist jener gleich, die in den Herzen der Fischer, Landarbeiter, Handelsleute oder Soldaten aufbrach, die in Galiläa um Jesus saßen und ihn sagen hörten: Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48).

Ich wiederhole, daß es sich bei der Vollkommenheit, die die Mitglieder des Opus Dei suchen, um die Vollkommenheit der Christen überhaupt handelt, das heißt um jene Vollkommenheit, zu der jeder Christ berufen ist und die voraussetzt, daß man ganz nach den Forderungen des Glaubens lebt. Uns geht es nicht um jene evangelische Vollkommenheit, die man als den Orden und einigen ihnen gleichgestellten Institutionen eigen betrachtet; viel weniger noch um das so bezeichnete Leben der evangelischen Vollkommenheit, das sich kirchenrechtlich auf den Ordensstand bezieht.

Den Weg der Ordensberufung halte ich für notwendig und segensreich in der Kirche. Wer ihn nicht hochschätzte, besäße nicht den Geist des Werkes. Aber jener Weg ist nicht mein Weg und nicht der Weg der Mitglieder des Opus Dei. Man kann sagen, daß diese unter der ausdrücklichen Bedingung zum Opus Dei kommen, ihren Lebensstand nicht zu ändern. Unser spezifisches Merkmal besteht in der Heiligung des eigenen Standes in der Welt und in der persönlichen Heiligung eines jeden Mitgliedes am Ort seiner Begegnung mit Christus. Das ist die Verpflichtung, die jedes Mitglied eingeht, um die Ziele des Opus Dei zu verwirklichen.


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Wie ist das Opus Dei organisiert?

Wenn - wie ich Ihnen soeben sagte - die Berufung zum Werk den Menschen in seinem normalen Leben mitten in seiner Arbeit erreicht, so wird verständlich, daß das Opus Dei nicht auf der Grundlage von Ausschüssen, Tagungen und Versammlungen aufgebaut sein kann. Zum Erstaunen mancher habe ich gelegentlich gesagt, daß das Opus Dei in diesem Sinne eine desorganisierte Organisation ist. Die Mehrzahl der Mitglieder - fast alle - leben selbständig dort, wo sie auch dann leben würden, wenn sie nicht vom Opus Dei wären: zu Hause, in der Familie, am Arbeitsplatz.

Und dort, wo es lebt, bemüht sich jedes Mitglied um das Ziel des Opus Dei: um die Heiligkeit, indem es aus seinem Leben ein tägliches Apostolat macht, unauffällig, wenn man so will, aber beharrlich und mit göttlicher Wirksamkeit. Das ist das Entscheidende. Um dieses Leben der Heiligkeit und des Apostolates zu nähren, empfängt jeder die erforderliche geistliche Hilfe, den notwendigen Rat und die Anleitung vom Opus Dei, dies jedoch nur im streng spirituellen Bereich. In allem anderen - in der Arbeit, im gesellschaftlichen Leben usw. - handelt jeder, wie er will, auch wenn er sich dabei wohl bewußt ist, daß dies kein neutraler Bereich ist, sondern die Materie, die heiligt und geheiligt werden muß und ein Mittel zum Apostolat darstellt.

Auf diese Weise leben alle ihr eigenes Leben, mit den sich daraus ergebenden Verflechtungen und Verpflichtungen, und alle kommen zum Werk, um geistliche Hilfe zu empfangen. Dies erfordert eine gewisse, wenn auch sehr einfache Gliederung, und es ist dafür gesorgt, daß sie auf das Allernotwendigste beschränkt bleibt. Man erhält eine religiös-theologische Bildung, die sich über das ganze Leben erstreckt. Sie führt zu einer aufrichtigen und echten Frömmigkeit, die sich in Taten erweist, und zu einem glühenden Eifer, der das ständige Beten eines kontemplativen Menschen und ein persönliches, eigenverantwortliches Apostolat nach sich zieht, fern jedem Fanatismus.

Alle Mitglieder wissen außerdem, wo sie jederzeit einen Priester des Werkes finden können, um mit ihm die Angelegenheiten ihres Gewissens zu besprechen. Einige Mitglieder - sehr wenige im Vergleich zur Gesamtzahl - wohnen zusammen, um eine apostolische Tätigkeit zu leiten oder um sich der geistlichen Betreuung der anderen zu widmen. Sie bilden ein normales Zuhause wie eine christliche Familie und arbeiten weiterhin in ihrem jeweiligen Beruf.

In jedem Land besteht eine regionale Leitung, die immer kollegialen Charakter trägt. Ihr steht ein Consiliarius vor. Außerdem gibt es eine zentrale Leitung, die ihren Sitz in Rom hat; ihre Mitglieder kommen aus verschiedenen Ländern und Berufen. Das Opus Dei ist in eine männliche und eine weibliche Abteilung untergliedert, die vollkommen unabhängig voneinander sind, so daß sie gleichsam zwei verschiedene Gemeinschaften bilden; lediglich in der Person des Generalpräsidenten sind sie vereinigt.

Ich hoffe, es ist klargeworden, was desorganisierte Organisation bedeutet: den Primat des Geistes vor der Organisation. Die Mitglieder leben nicht eingezwängt in Weisungen, Planungen und Tagungen. Jeder steht für sich, verbunden mit den anderen durch eine gemeinsame Spiritualität und das gemeinsame Streben nach Heiligkeit und Apostolat, und bemüht sich, seinen Alltag zu heiligen.

(A.d.Ü.: Vgl. Anmerkung zu Nr. 35. Seit der Errichtung des Opus Dei als Personalprälatur heißt es statt "Generalpräsident" nunmehr "Prälat". Dieser ist der Ordinarius des Opus Dei. In der Leitungsarbeit stehen ihm Berater zur Seite. Der Prälat wird vom Generalkongreß des Opus Dei gewählt. Diese Wahl erfordert die Bestätigung durch den Papst gemäß den kanonischen Normen, die auch für Prälaten mit Jurisdiktion gelten, die von einem Kollegium gewählt werden.)


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Manche haben vom Opus Dei als einer Organisation der geistigen Oberschicht gesprochen, die in die maßgebenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kreise, wenn auch mit guter Absicht, eindringen möchte, um sie von innen her zu kontrollieren. Stimmt das?

Fast alle Institutionen, die eine neue Botschaft brachten oder die sich durch die uneingeschränkte Verwirklichung des Christentums bemühten, der Menschheit ernsthaft zu dienen, sind besonders in den Anfängen auf Unverständnis gestoßen. So erklärt es sich auch, daß manche die Lehre über das Laienapostolat, die das Opus Dei verwirklicht und verkündet, am Anfang nicht verstanden.

Ich muß außerdem feststellen, auch wenn ich darüber nicht gern rede, daß in unserem Falle ein beharrlicher und systematischer Verleumdungsfeldzug geführt wurde. Manche behaupteten (vielleicht war das ihre eigene Arbeitsweise), wir arbeiteten im Geheimen, wir strebten nach führenden Stellungen usw. Ich möchte nur erwähnen, daß dieser Feldzug vor etwa dreißig Jahren durch einen spanischen Ordensmann eingeleitet wurde, der dann seinen Orden und die Kirche verließ, standesamtlich heiratete und heute protestantischer Pastor ist.

Ist eine Verleumdung einmal in der Welt, so lebt sie durch das Gesetz der Trägheit noch einige Zeit fort, denn es gibt Menschen, die zur Feder greifen, ohne sich vorher ausreichend informiert zu haben. Nicht alle halten es mit den guten Journalisten, die sich nicht unfehlbar wähnen und aufrichtig genug sind, sich zu berichtigen, wenn sie die Wahrheit erfahren. Das also ist geschehen, auch wenn diese Verleumdungen - abgesehen davon, daß sie schon auf den ersten Blick unglaubwürdig wirken - durch Tatsachen widerlegt worden sind, die jedermann nachprüfen kann. Der Hinweis mag genügen, daß das von Ihnen erwähnte Gerede sich lediglich auf Spanien bezieht. Schon allein der Gedanke, eine internationale Institution wie das Opus Dei könnte an den Problemen eines einzigen Landes orientiert bleiben, zeugt von einem recht beschränkten Horizont, von Provinzialismus.

Außerdem sind die meisten Mitglieder des Opus Dei (in Spanien und in allen anderen Ländern) Hausfrauen, Arbeiter, Kaufleute, Büroangestellte, Landarbeiter usw., also Menschen, deren Aufgaben kein besonderes politisches oder gesellschaftliches Gewicht haben. Daß es viele Arbeiter gibt, die Mitglieder des Opus Dei sind, erregt keinerlei Aufsehen, wohl aber, daß ihm einige Politiker angehören. Für mich ist die Berufung eines Gepäckträgers zum Opus Dei genauso wichtig wie die eines Industrieunternehmers. Die Berufung kommt von Gott, und in den Werken Gottes ist kein Platz für Diskriminierungen, schon gar nicht für demagogische.

Wer die Mitglieder des Opus Dei in den verschiedensten Bereichen arbeiten sieht und dennoch an nichts anderes denken kann als an vermeintlichen Druck und an Kontrollen, verrät damit seine dürftige Auffassung vom christlichen Leben. Das Opus Dei beherrscht keinen weltlichen Bereich und will keinen beherrschen; es will lediglich die Botschaft des Evangeliums verbreiten. Gott möchte, daß alle Menschen, die in der Welt leben, ihn gerade im Vollzug ihrer weltlichen Tätigkeiten lieben und ihm darin dienen. Dementsprechend arbeiten die Mitglieder des Opus Dei, da sie ja normale Christen sind, wo und wie sie es für richtig halten. Das Werk kümmert sich nur um ihre geistliche Betreuung, damit sie immer nach ihrem christlichen Gewissen handeln.


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Nehmen wir den konkreten Fall Spaniens. Die wenigen Mitglieder des Opus Dei, die in diesem Land einflußreiche Stellungen innehaben oder überhaupt öffentliche Aufgaben erfüllen, tun es wie die übrigen Mitglieder in anderen Ländern auch, in Freiheit und persönlicher Verantwortung; jeder folgt seinem Gewissen. So erklärt sich, daß sie in ihrer Handlungsweise verschiedene und oft entgegengesetzte Haltungen eingenommen haben.

Außerdem möchte ich anmerken, daß diejenigen, die die Präsenz einiger Mitglieder des Opus Dei in der spanischen Politik als etwas Besonderes herausstellen, die Wirklichkeit bis an die Grenze der Verleumdung entstellen; denn jene Mitglieder des Opus Dei, die im öffentlichen Leben Spaniens wirken, sind auf diesem Gebiet eine Minderheit im Vergleich zur Gesamtheit der dort öffentlich tätigen Katholiken. Fast die gesamte Bevölkerung Spaniens ist katholisch. Daher ist es schon aus statistischer Sicht logisch, daß es Katholiken sind, die am politischen Leben teilnehmen. Darüber hinaus gibt es auf allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung Spaniens, vom Minister bis zum Bürgermeister, überaus viele Katholiken, die aus den verschiedensten Gläubigenvereinigungen hervorgehen; aus Zweigen der katholischen Aktion, aus der nationalen katholischen Vereinigung der "Propagandistas", deren erster Präsident Kardinal Herrera Oria war, aus den marianischen Kongregationen usw.

Ich möchte mich nicht weiter darüber verbreiten, wohl aber die Gelegenheit benutzen, um noch einmal zu erklären, daß das Opus Dei mit keinem Land, mit keiner Regierung, mit keiner politischen Richtung, mit keiner Ideologie verbunden ist. Seine Mitglieder handeln in weltlichen Angelegenheiten immer mit voller Freiheit und wissen ihre eigene Verantwortung auf sich zu nehmen. Sie lehnen entschieden jeden Versuch ab, sich der Religion zugunsten politischer Zwecke und Parteiinteressen zu bedienen.

Einfache Dinge sind manchmal schwer zu erklären. Darum habe ich mich bei dieser Frage länger aufgehalten. Jedenfalls gehört das erwähnte Gerede der Vergangenheit an. Die Verleumdungen sind seit längerer Zeit völlig entkräftet, niemand glaubt mehr daran. Wir haben vom ersten Augenblick an in aller Offenheit gehandelt, denn es gab wirklich keinen Grund, uns anders zu verhalten. Wir haben mit aller Klarheit das Wesen und die Ziele unseres Apostolates dargelegt, und alle, die es wünschten, konnten die Wirklichkeit kennenlernen. Tatsächlich schätzen viele Menschen - Katholiken und Nichtkatholiken, Christen und Nichtchristen - unsere Arbeit und beteiligen sich an ihr.


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Überdies hat die Entwicklung in der Geschichte der Kirche zur Überwindung einer gewissen Art von Klerikalismus geführt, der zur Verzerrung all dessen neigt, was sich auf die Laien bezieht, und sofort Hintergedanken unterstellt. Heute ist es leichter zu verstehen, daß das Opus Dei nichts anderes lebt und lehrt als die göttliche Berufung des gewöhnlichen Christen in einem klarumgrenzten Engagement aus dem Glauben.

Wenn ich einen Satz höre wie: Die Katholiken dringen in alle Gesellschaftsschichten ein, so sehne ich den Augenblick herbei, in dem jeder begreift, daß es sich da um eine klerikale Redewendung handelt. Jedenfalls gilt ein solcher Satz in keiner Weise für das Apostolat des Opus Dei. Die Mitglieder des Werkes haben es nicht nötig, in die weltlichen Gegebenheiten einzudringen, denn als gewöhnliche Bürger waren sie wie alle anderen schon immer darin.

Wenn Gott einen Menschen, der in einer Fabrik oder in einem Krankenhaus oder im Parlament arbeitet, zum Opus Dei ruft, dann bedeutet das, daß dieser Mensch von nun an entschlossen sein wird, die Mittel anzuwenden, um diesen Beruf mit der Gnade Gottes zu heiligen. Es ist nichts anderes als ein Bewußtwerden der Grundforderungen, welche die Botschaft des Evangeliums enthält, im Einklang mit der spezifischen Berufung eines jeden.

Der Gedanke, daß dieses Bewußtwerden ein Verlassen des gewöhnlichen Lebens bedeute, gilt nur für jene, die von Gott zum Ordensleben berufen werden, zum contemptus mundi, zur Verachtung oder Geringschätzung der weltlichen Dinge. Aus diesem Verlassen der Welt aber das Wesen oder die Vollendung des Christentums machen zu wollen ist einfach eine Ungeheuerlichkeit.

Das Opus Dei schleust also seine Mitglieder nicht in dieses oder jenes Milieu ein, denn die Mitglieder - ich wiederhole es - waren schon immer dort; und es ist nicht einzusehen, weshalb sie es verlassen sollten. Außerdem kommen aus allen Gesellschaftsschichten Berufungen zum Opus Dei, die durch die Gnade Gottes und durch das vorher erwähnte Apostolat der Freundschaft und des Vertrauens geweckt werden.

Vielleicht stellt gerade eine solche Einfachheit im Wesen und Handeln des Opus Dei eine Schwierigkeit für jene verschrobenen Leute dar, die offenbar unfähig sind, etwas Geradliniges und Ursprüngliches zu begreifen.

Natürlich wird es immer Leute geben, die das Wesen des Opus Dei nicht verstehen. Das wundert uns nicht. Schon der Herr warnte seine Jünger vor diesen Schwierigkeiten, als er ihnen sagte: non est discipulus super magistrum (Mt 10,24), der Jünger steht nicht über dem Meister. Niemand kann verlangen, daß er von allen Menschen geschätzt wird, aber jeder hat das Recht, als Mensch und als Kind Gottes geachtet zu werden. Leider gibt es Fanatiker, die ihre Ideen den anderen diktatorisch aufzuzwingen suchen. Diese werden nie die Liebe verstehen, die die Mitglieder des Opus Dei für die persönliche Freiheit aller anderen empfinden und natürlich auch für die eigene persönliche Freiheit, die immer mit persönlicher Verantwortung verbunden ist.

Ich erinnere mich an eine dafür bezeichnende Begebenheit. In einer Stadt, deren Namen ich aus Gründen des Taktes nicht nennen möchte, berieten die Stadtväter über die finanzielle Unterstützung einer Bildungsstätte, die von Mitgliedern des Opus Dei geleitet wird. Sie ist, wie alle körperschaftlichen Einrichtungen des Werkes, von offensichtlichem gesellschaftlichem Nutzen. Die Mehrzahl der Ratsmitglieder war für die Unterstützung. Einer von ihnen, ein Sozialist, erwähnte bei der Begründung des Antrages, daß er die Arbeit dieser Einrichtungen aus eigener Anschauung kenne. Er fuhr wörtlich fort: "Die Arbeit dieses Studentenheimes zeichnet sich deshalb besonders aus, weil seine Leiter die persönliche Freiheit des einzelnen hoch schätzen. Es leben dort Studenten aller Religionen und Weltanschauungen zusammen." Die kommunistischen Ratsmitglieder stimmten gegen den Antrag. Einer von ihnen erklärte dem sozialistischen Kollegen seine Entscheidung: "Ich habe dagegen gestimmt, denn wenn Sie recht haben, dann ist dieses Haus eine wirksame Reklame für den Katholizismus."

Wer die Freiheit der anderen nicht achtet oder der Kirche entgegensteht, kann apostolische Arbeit nicht schätzen. Aber selbst in solchen Fällen bin ich als Mensch verpflichtet, jenen anderen zu achten und zu versuchen, ihn zur Wahrheit zu führen; und als Christ bin ich verpflichtet, ihn zu lieben und für ihn zu beten.


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Nach der Klärung dieser Frage würde mich jetzt folgendes interessieren: Welche Besonderheiten in der geistlichen Ausbildung der Mitglieder des Werkes bewirken, daß niemand aus materiellen Gründen dem Opus Dei angehört?

Jeder Beweggrund, der nicht rein geistlichen Charakter hat, bleibt deshalb absolut ausgeschlossen, weil das Werk viel verlangt - Loslösung, Opfer, Selbstverleugnung, ununterbrochene Arbeit für die Menschen - und nichts gibt. Ich will damit sagen, das Werk bietet nichts an weltlichen Vorteilen. Dafür vermittelt es um so mehr auf der Ebene des geistlichen Lebens. Es gibt Mittel an die Hand, um im asketischen Kampf zu siegen, es führt die Menschen auf die Wege des Gebetes, es lehrt, sich Christus als Bruder zuzuwenden, Gott in allen Wechselfällen des Lebens zu sehen, sich als Sohn Gottes und daher zur Verbreitung seiner Lehre verpflichtet zu wissen.

Wer nicht auf dem Weg des inneren Lebens vorangeht und nicht versteht, daß es die Mühe lohnt, sich ganz zu verschenken, das eigene Leben im Dienst am Herrn ganz hinzugeben, der kann im Opus Dei nicht beharren. Denn die Heiligkeit ist kein Aushängeschild, sondern eine tiefgreifende Forderung.

Außerdem verfolgt das Opus Dei keine politischen, wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen, es entwickelt keine zeitlichen Tätigkeiten. Sein Wirken ist ausschließlich auf die geistliche Ausbildung seiner Mitglieder und auf die apostolischen Werke ausgerichtet, das heißt auf die ständige geistliche Betreuung aller Mitglieder und auf die korporativen apostolischen Werke der Sozialhilfe, der Wohltätigkeit, der Erziehung usw.

Die Mitglieder des Opus Dei tun sich einzig und allein zusammen, um einem klar umrissenen Weg der Heiligkeit zu folgen und um an bestimmten apostolischen Werken mitzuarbeiten. Ihre gegenseitigen Verpflichtungen schließen jede Art zeitlichen Interesses aus, und zwar einfach deshalb, weil auf diesem Gebiete alle Mitglieder des Opus Dei frei sind, so daß jeder seinen eigenen Weg geht mit verschiedenen und manchmal entgegengesetzten Zielen und Interessen.

Als Folge der ausschließlich auf das Übernatürliche gerichteten Ziele ist der Geist des Werkes ein Geist der Freiheit und der Liebe zur persönlichen Freiheit aller. Weil diese Liebe zur Freiheit aufrichtig ist und nicht nur Theorie, lieben wir auch die notwendige Folge der Freiheit, den Pluralismus. Im Opus Dei wird der Pluralismus gewollt und geliebt, nicht bloß toleriert und auf keinen Fall behindert. Wenn ich mir so ansehe, wie verschieden die Einstellungen und Ansichten der Mitglieder des Werkes in politischen, wirtschaftlichen, sozialen, künstlerischen und anderen Fragen sind, dann ist dieses Panorama für mich eine wahre Freude, weil sich darin zeigt, daß vor Gott alles seinen richtigen Weg nimmt. Einheit im Religiösen und Vielfalt im Weltlichen sind dann vereinbar, wenn weder Fanatismus noch Intoleranz herrschen, und vor allem, wenn man aus dem Glauben lebt und wenn man weiß, daß uns Menschen nicht allein gegenseitige Zuneigung oder gemeinsame Vorteile verbinden, sondern auch das Wirken des einen Geistes, der uns zu Brüdern Christi macht und uns so zu Gott, unserem Vater, führt.

Ein echter Christ kommt nie auf den Gedanken, daß die Einheit im Glauben, die Treue zum Lehramt und zur Überlieferung der Kirche und das Bestreben, allen Menschen die Heilsbotschaft Christi zu bringen, im Widerspruch zu den vielen unterschiedlichen Haltungen in den Dingen stehen könnten, die Gott, wie man so sagt, der freien Diskussion der Menschen überlassen hat. Mehr noch, ein wahrer Christ ist sich vollkommen darüber im klaren, daß diese Vielfalt Teil des göttlichen Planes, daß sie von Gott gewollt ist, der seine Gaben und sein Licht austeilt, wie er will. Der Christ soll die anderen Menschen lieben und deshalb seinen Auffassungen entgegengesetzte Ansichten achten und brüderlich mit jenen Menschen zusammenleben, die anders denken als er.

Gerade weil die Mitglieder des Werkes sich diesen Geist zueigen gemacht haben, ist es unvorstellbar, daß jemand daran denken könnte, seine Zugehörigkeit zum Werk für irgendwelche persönlichen Vorteile auszunutzen oder anderen seine politischen oder kulturellen Auffassungen aufzudrängen; die anderen Mitglieder würden dies gar nicht erst dulden. Entweder würde der Betreffende seine Haltung ändern oder aber er müßte das Werk verlassen. In diesem Punkt darf niemand im Werk je die geringste Abweichung zulassen, denn hier geht es um die Verteidigung nicht nur der eigenen Freiheit, sondern auch des übernatürlichen Charakters einer Aufgabe, der man in Hingabe dient. Deshalb halte ich dafür, daß persönliche Freiheit und persönliche Verantwortung die beste Garantie für die übernatürliche Ausrichtung des Werkes Gottes sind.


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Man könnte vielleicht denken, das Opus Dei habe bisher von der Begeisterung seiner ersten Mitglieder gelebt, mögen sie mittlerweile auch Tausende zählen. Was bürgt für den Fortbestand des Werkes und schützt es vor der jeder Institution innewohnenden Gefahr, daß Eifer und Schwung des Anfangs erlahmen?

Das Werk ist nicht auf die Begeisterung gegründet, sondern auf den Glauben. Die Jahre des Anfangs - viele Jahre - waren sehr hart, und man sah nichts als Schwierigkeiten. Das Opus Dei kam voran durch die Gnade Gottes und durch das Gebet und Opfer der ersten Mitglieder, ohne über menschliche Mittel zu verfügen. Das einzige, was wir besaßen, war Jugend, gute Laune und der Wunsch, den Willen Gottes zu tun.

Von Anfang an waren die Waffen des Opus Dei das Gebet, ein Leben der Hingabe, der stille Verzicht auf alles, was Egoismus bedeutet, um so den Menschen zu dienen. Wie ich Ihnen schon sagte, kommt man zum Opus Dei nur, um einen Geist zu empfangen, der gerade zur völligen Selbsthingabe führt, während die berufliche Arbeit aus Liebe zu Gott, und um seinetwillen zu seinen Geschöpfen, weitergeht.

Die Garantie gegen jenes Erlahmen liegt nur darin, daß meine Kinder im Opus Dei nie diesen Geist verlieren. Ich weiß, die Werke der Menschen nutzen sich mit der Zeit ab; mit den Werken Gottes ist es anders, es sei denn, sie würden durch die Menschen herabgewürdigt. Nur wenn der göttliche Antrieb verlorengeht, treten Verfall und Niedergang auf. In unserem Fall wird die Vorsehung des Herrn sichtbar, die in einer so kurzen Zeit von nur vierzig Jahren bewirkte, daß in so verschiedenen Ländern gewöhnliche Bürger, die sich in nichts von den anderen unterscheiden, diese spezifische göttliche Berufung erhalten und verwirklichen.

Das Ziel des Opus Dei, ich sage es noch einmal, ist die Heiligkeit jedes einzelnen seiner Mitglieder, von Männern und Frauen, die weiter an ihrem Platz in der Welt bleiben. Wenn einer nicht mit dem Willen zum Werk kommt, trotz allem, das heißt trotz seiner Armseligkeiten und seiner persönlichen Fehler, heilig zu werden, dann wird er bald wieder gehen. Ich bin der Ansicht, Heiligkeit zieht Heiligkeit nach sich, und ich bete zu Gott, daß nie im Opus Dei diese feste Überzeugung und dieses Leben aus dem Glauben fehlen mögen. Wie Sie sehen, bauen wir nicht auf bloße menschliche oder juristische Sicherheiten. Die Werke, die den Geist Gottes atmen, gehen im Gleichschritt mit der Gnade voran. Mein einziges Rezept ist dies: in persönlicher Heiligkeit heilig sein zu wollen und heilig zu werden.


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Warum gibt es Priester in einer so betont laikaIen Vereinigung wie dem Opus Dei? Kann jedes Mitglied des Opus Dei Priester werden oder nur diejenigen, die die Leiter auswählen?

Die Berufung zum Opus Dei kann jeder empfangen, der sich in seinem eigenen Stand heiligen will, sei er nun ledig, verheiratet oder verwitwet, sei er Laie oder Kleriker.

Daher kommen zum Opus Dei auch Diözesanpriester, die dann weiterhin Diözesanpriester bleiben, denn das Werk hilft ihnen, durch die Heiligung ihrer alltäglichen Arbeit nach der christlichen Vollkommenheit in ihrem Stand zu streben. Diese Arbeit ist nun genau ihr priesterliches Amt im Dienst ihres Bischofs, der Diözese und der ganzen Kirche. Auch in ihrem Fall ändert die Zugehörigkeit zum Opus Dei nichts an ihrem Stand: Sie widmen sich weiterhin ganz den Aufgaben, die der Bischof ihnen anvertraut hat, und allen apostolischen Tätigkeiten, die ihnen obliegen, ohne daß sich das Werk je in diese Tätigkeiten einmischen würde; und sie heiligen sich, indem sie die Tugenden, die einem Priester eigen sind, so vollkommen wie möglich ausüben.

Außer den Priestern, die zum Opus Dei kommen, nachdem sie die Priesterweihe schon empfangen haben, gibt es im Werk andere Weltpriester, die das Sakrament der Priesterweihe empfangen, nachdem sie bereits dem Opus Dei zuvor als Laien, als normale Christen, angehörten. Es handelt sich dabei um eine sehr kleine Zahl im Vergleich zur Gesamtheit der Mitglieder, es sind weniger als zwei Prozent. Sie widmen sich in ihrem Priesteramt den apostolischen Zielen des Opus Dei und verzichten, je nachdem in stärkerem oder geringerem Maße, auf die Ausübung ihres früheren bürgerlichen Berufes. Es sind also Berufstätige, die zum Priestertum berufen werden, nachdem sie ihre Qualifikation als Arzt, Ingenieur, Schlosser, Landarbeiter, Lehrer, Journalist usw. erlangt haben und jahrelang beruflich tätig gewesen sind. Sie widmen sich obendrein gründlich und ohne Übereilung den kirchlichen Studien bis zur Erlangung eines Doktorgrades. Dabei büßen sie nicht jene Geisteshaltung ein, die durch ihren bürgerlichen Beruf vorgegeben war, so daß sie, wenn sie zum Priester geweiht werden, Ärzte und Priester, Rechtsanwälte und Priester, Arbeiter und Priester sind.

Sie sind für das Apostolat des Opus Dei notwendig. Dieses Apostolat wird, wie gesagt, hauptsächlich von Laien ausgeübt. Jedes Mitglied versucht in seiner eigenen beruflichen Umgebung apostolisch zu wirken und die Menschen Christus näherzubringen durch Beispiel und Wort: durch den Dialog. Doch im Apostolat, bei der Anleitung auf den Wegen des christlichen Lebens, stößt man auf die sakramentale Mauer. Die heiligende Aufgabe des Laien bedarf der heiligenden Aufgabe des Priesters, der das Sakrament der Buße spendet, die Eucharistie feiert und das Wort Gottes im Namen der Kirche verkündet. Und da das Apostolat des Opus Dei eine spezifische Spiritualität voraussetzt, ist es nötig, daß auch der Priester lebendiges Zeugnis von diesem besonderen Geiste ablegt.

Außer dem Dienst an den Mitgliedern des Werkes können diese Priester auch vielen anderen Menschen dienen, und sie tun es in der Tat. Der priesterliche Eifer, der ihr Leben prägt, soll sie dazu führen, daß jeder, der ihnen begegnet, etwas vom Licht Christi empfängt. Darüber hinaus drängt sie der Geist des Opus Dei, dem Gruppendenken und dergleichen fern liegt, sich eng und auf wirksame Weise mit ihren Brüdern, den anderen Weltpriestern, verbunden zu fühlen. In allen Diözesen, in denen sie wirken und tatkräftige Unterstützung leisten, fühlen sie sich als Diözesanpriester und sind es auch.

Ich möchte noch betonen, weil es sehr wichtig ist, daß sich die Berufung der Laien des Opus Dei, die die Priesterweihe empfangen, nicht ändert. Wenn sie in freier Entscheidung der Einladung der Leiter des Werkes folgen und Priester werden, tun sie es nicht in der Meinung, sie kämen auf diese Weise Gott näher oder sie könnten nun wirksamer nach der Heiligkeit streben. Sie wissen genau, daß die Berufung eines Laien in sich vollkommen ist und keiner Hinzufügung bedarf und daß die Hingabe an Gott im Opus Dei vom ersten Augenblick an ein deutlicher Weg zur Erlangung der christlichen Vollkommenheit ist. Die Priesterweihe ist daher keineswegs so etwas wie die "Krönung" der Berufung zum Opus Dei, sie ist ein Ruf, der an einige ergeht, damit sie auf eine neue Weise den anderen dienen. Im Werk gibt es keine zwei Klassen von Mitgliedern, etwa die Klasse der Laien und die der Priester. Sie alle sind und fühlen sich gleich, sie alle leben denselben Geist, nämlich den der Heiligung im eigenen Stand.

(A.d.Ü.: Msgr. Escrivá spricht hier von zwei Formen, wie Weltpriester dem Opus Dei angehören können:

a) Sie gehen aus den Laienmitgliedern des Opus Dei hervor, werden vom Prälaten zum Priestertum berufen, sind in der Prälatur inkardiniert und bilden deren Presbyterium. Sie betreuen seelsorglich hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, die zum Opus Dei gehörenden Gläubigen. Mit ihnen zusammen widmen sie sich dem spezifischen apostolischen Bemühen, in allen Gesellschaftsschichten das Bewußtsein von der universalen Berufung zur Heiligkeit und zum Apostolat zu verbreiten (vgl. Einleitung).

b) Es können auch Weltpriester, die in einer Diözese inkardiniert sind, am geistlichen Leben des Opus Dei teilnehmen, wie Msgr. Escrivá zu Beginn dieser Antwort sagt. Sie schließen sich der Priesterlichen Gesellschaft vom Heiligen Kreuz an, die mit der Prälatur verbunden ist und deren Generalpräsident der Prälat des Opus Dei ist. Man vergleiche auch den Text der Einleitung, Seite 15, der diese priesterliche Vereinigung in der neuen kirchenrechtlichen Terminologie kurz erläutert. Diese Begrifflichkeit stand Msgr. Escrivá zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht zur Verfügung.)


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Sie haben oft von der Arbeit gesprochen. würden Sie uns sagen, welche Stellung die Arbeit in der Spiritualität des Opus Dei einnimmt?

Die Berufung zum Opus Dei verändert oder beeinträchtigt in keiner Weise die Lebensbedingungen und den Stand des Berufenen. Da die Arbeit die Lebensbedingung des Menschen ausmacht, wird die menschliche Berufung zur Arbeit gerade durch die übernatürliche Berufung zur Heiligkeit und zum Apostolat im Geiste des Opus Dei bekräftigt. Die überwiegende Zahl der Mitglieder des Werkes sind Laien, gewöhnliche Christen - Menschen also, zu deren Dasein ein Beruf gehört: eine Arbeit, eine sie oft voll beanspruchende Tätigkeit, durch die sie ihren Lebensunterhalt verdienen, die Familie ernähren, zum Gemeinwohl beitragen und ihre Persönlichkeit entfalten.

Die Berufung zum Opus Dei bekräftigt all dies, so daß eines der Wesensmerkmale dieser Berufung gerade darin besteht, in der Welt zu leben und hier eine Arbeit auszuüben, und zwar vom Menschlichen wie vom Übernatürlichen her, trotz der menschlichen Unzulänglichkeit, so vollkommen wie möglich. Es soll eine Arbeit sein, die wirkungsvoll zum Aufbau des Irdischen und zur Heiligung der Welt beiträgt, weshalb sie mit fachlichem Können und im Geist des Dienens getan werden muß. Wenn es so ist, dann ist die Arbeit etwas Heiligendes und Geheiligtes.

Wer seinen Glauben vollkommen leben und ein Apostolat im Geiste des Opus Dei ausüben will, der muß sich durch seinen Beruf heiligen, seinen Beruf heiligen und die anderen durch seinen Beruf heiligen. So lebt er, ohne sich deshalb von den anderen Bürgern zu unterscheiden, genau wie sie. Während er so mit ihnen zusammen arbeitet, bemüht er sich, Christus gleichförmig zu werden und seine dreißig Jahre der Arbeit in der Werkstatt von Nazareth nachzuahmen.

Denn diese alltägliche Aufgabe ist nicht bloß der Rahmen, in dem man sich heiligen muß, sondern sie selbst ist der Stoff der Heiligkeit: in all dem Trubel des Tages entdeckt er die Hand Gottes und findet Impulse für ein Leben des Gebetes. Das berufliche Tun selbst bringt ihn in Kontakt mit anderen Menschen - Verwandten, Freunden, Kollegen - und mit den großen Problemen, die seine Gesellschaft und die ganze Welt angehen. Damit bietet sich ihm die Gelegenheit, seine Hingabe im Dienste für die anderen zu leben, und das ist wesentlich für einen Christen. So muß er sich bemühen, ein wahrhaftiges und glaubwürdiges Zeugnis für Christus abzulegen, damit alle anfangen, den Herrn kennen und lieben zu lernen und zu entdecken, daß das normale Leben in der Welt und die Arbeit des Alltags zur Begegnung mit Gott werden können.

Mit anderen Worten: Heiligkeit und Apostolat bilden im Leben der Mitglieder des Werkes eine Einheit. Deshalb ist die Arbeit der Angelpunkt ihres geistlichen Lebens. Ihre Hingabe an Gott dringt in jene Arbeit ein, die sie ausübten, bevor sie zum Werk kamen, und der sie auch weiterhin nachgehen.

Als ich in den ersten Jahren meiner priesterlichen Arbeit begann, solches zu verkünden, verstanden mich manche nicht; andere nahmen Anstoß, denn sie waren gewohnt, von der Welt immer nur in einem abwertenden Sinne sprechen zu hören. Der Herr hatte mich begreifen lassen - und ich wollte es an die anderen weitergeben -, daß die Welt gut ist, denn die Werke Gottes sind immer vollkommen; nur wir Menschen machen die Welt schlecht durch die Sünde.

Ich sagte damals und ich sage es wieder und wieder, daß wir die Welt lieben müssen, weil wir in ihr Gott begegnen. In den Vorgängen und Ereignissen der Welt zeigt und enthüllt sich uns Gott.

Das Gute und das Böse vermengen sich in der Geschichte der Menschheit. Deshalb muß der Christ eine gute Unterscheidungsfähigkeit besitzen. Diese darf ihn aber niemals dazu verführen, zu bestreiten, daß die Werke Gottes gut sind. Vielmehr muß er im Gegenteil das Göttliche erkennen, das sich im Menschlichen zeigt, sogar hinter unseren eigenen Schwächen. Ein gutes Motto für das christliche Leben könnte man in den Worten des Apostels finden: Alle Dinge sind euer, Ihr seid Christi und Christus ist Gottes (1 Kor 3,22-23). So kann man die Absichten Gottes verwirklichen, der die Welt retten will.


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Könnten Sie sich zur Ausbreitung des Werkes in den vierzig Jahren seines Bestehens äußern? Welche sind seine wichtigsten apostolischen Tätigkeiten?

An erster Stelle möchte ich betonen, wie dankbar ich Gott bin, daß er es mir gewährt hat, das Werk bereits vierzig Jahre nach seiner Gründung in der ganzen Welt verbreitet zu sehen. Als das Werk 1928 in Spanien entstand, war es schon römisch, was für mich soviel wie katholisch und weltweit bedeutet. Und wie es nicht anders kommen konnte, wohnte ihm von Anfang an der Drang inne, sich über den ganzen Erdball hin auszubreiten.

Wenn ich an jene vergangenen Jahre zurückdenke, erinnere ich mich voll Freude an viele Ereignisse; denn sie rufen mir, zugleich freilich mit den Schwierigkeiten und Sorgen, die wie das Salz des Lebens sind, die Wirksamkeit der Gnade Gottes ins Gedächtnis und die opferbereite und freudige Hingabe so vieler Männer und Frauen, die treu gewesen sind. Denn ich möchte sehr deutlich hervorheben, daß das wesentliche Apostolat des Opus Dei dasjenige ist, das jedes Mitglied für sich an seinem Arbeitsplatz, in seiner Familie, unter seinen Freunden und Bekannten ausübt. Diese Arbeit fällt nicht auf; es ist nicht leicht, sie statistisch zu erfassen, aber sie läßt Früchte der Heiligkeit in Tausenden von Menschen wachsen, die still und wirksam in ihrer alltäglichen Berufsarbeit Christus folgen.

Es ist kaum mehr über dieses Thema zu sagen. Wohl könnte ich vom vorbildlichen Leben vieler Menschen erzählen, aber es würde die menschliche und göttliche Schönheit dieser Aufgabe entstellen, wenn man ihre Intimität preisgäbe. Noch schlimmer wäre es, das alles in Zahlen und Statistiken ausdrücken zu wollen, weil das dem vergeblichen Versuch gleichkäme, die Wirkungen der Gnade in der menschlichen Seele zu katalogisieren.

Wohl kann ich Ihnen von den apostolischen Einrichtungen erzählen, die Mitglieder des Werkes in vielen Ländern leiten. In diesen Tätigkeiten mit rein geistlicher und apostolischer Zielsetzung ist man bemüht, sorgfältig und mit dem Willen zur Vollkommenheit auch im Menschlichen zu arbeiten. In ihnen arbeiten viele andere Menschen mit uns, die nicht dem Opus Dei angehören, die jedoch den übernatürlichen Wert dieser Aufgabe begreifen oder ihren natürlichen Wert schätzen, wie es zum Beispiel bei vielen Nichtchristen der Fall ist, die uns wirksam helfen.

Immer handelt es sich um Aufgaben laikaIen und säkularen Charakters. Sie werden durchgeführt von normalen Staatsbürgern in Ausübung ihrer selbstverständlichen bürgerlichen Rechte, im Einklang mit den Gesetzen des jeweiligen Landes und immer getragen vom beruflichen Können. Es handelt sich also um Aufgaben, die keinerlei Sonderstellung oder Bevorzugung beanspruchen.

Wahrscheinlich ist Ihnen ein Beispiel solcher Arbeit in Rom bekannt: das Centro ELIS, das sich durch Schulen, sportliche und kulturelle Tätigkeiten, Bibliotheken usw. der beruflichen und ganzheitlichen Bildung von Arbeitern widmet. Das Zentrum entspricht den Bedürfnissen in Rom und den besonderen Umständen des sozialen Milieus, in dem es entstanden ist, nämlich im Tiburtino-Viertel. Ähnliche Einrichtungen bestehen an vielen anderen Orten, so in Madrid, Chicago, Mexiko.

Als ein weiteres Beispiel könnte ich das Strathmore College of Arts and Science in Nairobi nennen. Es handelt sich um ein College zur Vorbereitung auf die Universität, das bisher Hunderte von Schülern aus Kenia, Uganda und Tansania besucht haben. In diesem College leisten einige Mitglieder des Opus Dei aus Kenia gemeinsam mit anderen Landsleuten eine Arbeit von großer Tragweite im schulischen und sozialen Bereich. Strathmore war die erste Einrichtung in Ostafrika, die eine vollständige Rassenintegration verwirklichte und durch ihre Arbeit viel zur Afrikanisierung der Kultur beigetragen hat. Ähnliches kann man vom Kianda College sagen, ebenfalls in Nairobi, das Bedeutendes für die zeitgemäße Stellung der afrikanischen Frau tut.

Als weiteres Beispiel sei die Universität von Navarra genannt, die, 1952 gegründet, heute insgesamt achtzehn Fakultäten, Schulen und Institute zählt, in denen mehr als sechstausend Studenten immatrikuliert sind. Im Gegensatz zu den kürzlich von einigen Zeitungen vorgetragenen Behauptungen muß ich sagen, daß die Universität von Navarra nicht von staatlichen Subventionen unterhalten wird. Der spanische Staat gewährt ihr keine Zuschüsse für Unterhaltskosten, er hat lediglich einige Beiträge zur Schaffung von neuen Studienplätzen zur Verfügung gestellt. Die Universität von Navarra trägt sich mit der Hilfe von Privatpersonen und privaten Vereinigungen. Das Lehrsystem und das Universitätsleben sind geprägt von der persönlichen Verantwortung und der Solidarität aller, die dort arbeiten. Dieses System hat sich als sehr wirksam erwiesen und kann als eine positive Erfahrung in der augenblicklichen Lage der Universität in der Welt betrachtet werden.

Ich könnte auch von Einrichtungen anderer Art in den Vereinigten Staaten, Japan, Argentinien, Australien, England, Frankreich oder auf den Philippinen sprechen. Aber das ist nicht nötig; es genügt zu erwähnen, daß das Opus Dei zur Zeit in den fünf Erdteilen verbreitet ist und daß ihm Menschen der verschiedensten Rassen und Gesellschaftsschichten aus mehr als siebzig Ländern angehören.


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Um zum Schluß zu kommen: Sind Sie mit diesen vierzig Jahren Ihrer Tätigkeit zufrieden? Haben die Erfahrungen der letzten Jahre, die sozialen Umwälzungen, das Zweite Vatikanische Konzil usw. Sie dazu angeregt, Veränderungen im Aufbau des Werkes vorzunehmen?

Zufrieden? Ich kann gar nicht anders als zufrieden sein, wenn ich sehe, daß der Herr trotz meiner persönlichen Armseligkeit in diesem Werke Gottes so viele wunderbare Dinge gewirkt hat. Für einen Menschen, der aus dem Glauben lebt, wird sein Leben stets die Geschichte des Erbarmens Gottes sein. In manchen Augenblicken dieser Geschichte mag es schwer werden, dies zu erfassen, alles kann nutzlos und mißglückt erscheinen. Zu anderen Zeiten aber läßt der Herr uns reiche Frucht sehen, dann ist es nur natürlich, daß das Herz sich in Danksagungen ergießt.

Eine meiner größten Freuden bestand gerade darin zu sehen, wie das Zweite Vatikanische Konzil mit großer Klarheit die göttliche Berufung der Laien verkündet hat. Ohne Anmaßung darf ich sagen, daß das Konzil, was unseren Geist angeht, keinerlei Anlaß zu irgendeiner Änderung gegeben, sondern vielmehr all das bestätigt hat, was wir mit der Gnade Gottes seit so vielen Jahren schon leben und lehren. Das Hauptmerkmal des Opus Dei besteht nicht in einigen Techniken oder Methoden des Apostolates, auch nicht in einem bestimmten Aufbau, sondern in einem Geist, der geradewegs zur Heiligung der alltäglichen Arbeit hinführt.

Fehler und persönliche Armseligkeiten - ich wiederhole es - haben wir alle. Wir alle müssen uns ernsthaft in der Gegenwart Gottes prüfen und unser eigenes Leben dem gegenüberstellen, was der Herr von uns fordert. Aber ohne dabei das Wichtigste zu vergessen: Si scires donum Dei (Joh 4,10): Wüßtest du um das Gottesgeschenk, sagt Jesus zu der Samariterin. Und der heilige Paulus fügt hinzu: Diesen Schatz tragen wir freilich in irdenen Gefäßen, damit der Überschwang an Kraft Gott zugemessen und nicht von uns hergeleitet werde (2 Kor 4,7).

Die Demut, die Gewissenserforschung des Christen, beginnt mit der Anerkennung dieses Gottesgeschenkes. Das ist etwas ganz anderes als ein Sich-Zurückziehen vor dem Lauf der Dinge, als etwa Minderwertigkeitsgefühle oder Mutlosigkeit gegenüber der Geschichte. Im eigenen Leben und manchmal auch im Leben der Vereinigungen und Institutionen können Veränderungen, sogar viele Veränderungen, notwendig werden. Aber die Haltung, in welcher der Christ solchen Problemen gegenübertritt, muß vor allem im Staunen vor der Herrlichkeit der Werke Gottes bestehen, wenn man sie mit der menschlichen Niedrigkeit vergleicht.

Das aggiornamento muß sich vor allem im persönlichen Leben verwirklichen, um es in Einklang mit jener alten Neuheit des Evangeliums zu bringen. Hier mit dem Lauf der Zeit zu gehen heißt Einswerden mit Christus, der ja keine überholte Gestalt ist. Christus lebt und wird immer leben: gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8).

Was nun das Opus Dei insgesamt angeht, so darf man ohne Anflug von Überheblichkeit mit Dank die Güte Gottes preisen, daß es niemals Anpassungsschwierigkeiten in der Welt haben wird. Niemals wird es nötig haben, sich zu modernisieren. Gott, unser Herr, hat das Werk ein für allemal modern gemacht, als er ihm seine besonderen laikaIen Merkmale gab. So wird das Werk es niemals nötig haben, sich der Welt anzupassen, denn all seine Mitglieder sind von der Welt. Es braucht niemals hinter dem menschlichen Fortschritt herzuhinken, denn alle Mitglieder des Werkes leben mit den anderen Menschen zusammen in der Welt und ermöglichen diesen Fortschritt durch ihre gewöhnliche Arbeit.


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