Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer > Einleitung > Kap 0
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Der vorliegende Band faßt Interviews zusammen, die Msgr. Escrivá de Balaguer Journalisten aus verschiedenen Ländern gegeben hat. Ausgewählt wurden vor allem solche Beiträge, die das Denken des 1975 verstorbenen Gründers des Opus Dei besonders charakterisieren. Den Abschluß der Textsammlung bildet eine Predigt, die Escrivá auf dem Campus der Universität von Navarra (Nordspanien) vor mehr als 40000 Menschen gehalten hat. Es handelt sich dabei um einen Schlüsseltext hinsichtlich der Spiritualität des Opus Dei.

Für viele ist der Name von Josemaría Escrivá mit dem Buch Der Weg (Camino) verbunden, das man auch die Nachfolge Christi der Moderne genannt hat; in der Tat wurde diese Publikation zu einem Bestseller der geistlichen Literatur. Seit seinem Ersterscheinen im Jahre 1934 (unter dem Titel Consideraciones espirituales) sind 236 Auflagen in 38 Sprachen mit mehr als dreieinhalb Millionen Exemplaren erschienen. Viele Menschen haben mit Hilfe des kleinen Buches zu einem selbstverständlicheren Umgang mit Gott gefunden.

Wer mit dem Leben der Kirche näher vertraut ist, verbindet den Namen von Msgr. Escrivá mit der Personalprälatur Opus Dei. Das Werk will seit seiner Gründung im Jahre 1928 daran erinnern, daß die Heiligkeit keine Sache für Privilegierte ist, daß vielmehr alle Wege der Erde Wege Gottes sein können. Dem Christen wird hier ein Weg mitten in der Welt gewiesen, in einer wirklichen Ganzhingabe und gemäß einer spezifisch auf den Laien zugeschnittenen Spiritualität nach der eigenen Heiligung zu streben und den Glauben weiterzugeben.

Die Bedeutung, die die Prälatur als pastorales und soziologisches Phänomen innerhalb der Kirche besitzt, liegt auf der Hand. Als Msgr. Escrivá am 26. Juni 1975 starb, war das Opus Dei bereits mit mehr als 60000 Mitgliedern aus 80 Nationen auf allen Kontinenten verbreitet. Am 15. September 1975 wurde Msgr. Alvaro del Portillo als Escrivás Nachfolger an die Spitze des Werkes gewählt, nachdem er mehr als vierzig Jahre lang dessen engster Mitarbeiter gewesen war.

Del Portillo, der 1991 die Bischofsweihe empfing, setzt die Ausbreitung des Opus Dei in aller Welt fort. Im Geiste des Gründers erlangte er dem Opus Dei seine endgültige Rechtsform. Entsprechende Vorarbeiten hatte Msgr. Escrivá auf Anregung von Paul VI. bereits eingeleitet. Sie fanden am 28. November 1982 ihren Abschluß, als Papst Johannes Paul lI. das Opus Dei als Personalprälatur errichtete. Damit war jener kirchenrechtliche Status erlangt, den bereits Msgr. Escrivá gemäß dem Gründungscharisma im Auge hatte. Die bis dahin gebräuchliche Einordnung des Opus Dei als "Säkularinstitut“ wurde damit hinfällig. Nunmehr handelt es sich um eine Personalprälatur internationaler Ausdehnung mit eigenen Statuten. Ihr Zentralsitz befindet sich in Rom.

Wo die vorliegenden Beiträge auf rechtliche und organisatorische Seiten des Opus Dei zu sprechen kommen, sollte man den damaligen Kontext der entsprechenden Ausführungen berücksichtigen: Das Werk befand sich in einer vorläufigen rechtlichen Situation. So konnte der Gründer noch nicht die der endgültigen Rechtsform entsprechende Terminologie benutzen, obwohl er sie manchmal durchblicken läßt. Dieser Umstand erklärt beispielsweise, warum in diesem Band das Opus Dei häufig als Vereinigung bezeichnet und sein Prälat Generalpräsident genannt wird. Weitere im kirchenrechtlichen Provisorium begründete Ausdrücke werden im laufenden Text durch Fußnoten erläutert.

Die Schwierigkeit, hier und da unangemessene juristische Begriffe verwenden zu müssen, weiß Msgr. Escrivá jedoch auszugleichen. So kann der Leser dennoch ein authentisches Bild von der geistlichen, pastoralen und juristischen Wirklichkeit des Opus Dei gewinnen. Fruchtbarer wird die Lektüre jedoch, wenn man über eine gewisse Vorkenntnis der jetzigen Rechtsform verfügt, auf die sich der Interviewte einige Male implizit bezieht. Deshalb der folgende Überblick.

* * *

Die Personalprälatur Opus Dei besteht aus einem Prälaten als ihrem Ordinarius, aus dem Klerus oder Presbyterium der Prälatur - den im Opus Dei inkardinierten Priestern - und aus den Laien, die sich in die Prälatur eingliedern.

Die Priester gehen ausschließlich aus den Reihen der dem Opus Dei angehörenden Laien hervor; sie empfangen die Priesterweihe nach den notwendigen theologischen Studien. Den Diözesen werden damit keine Priester oder Priesteramtskandidaten entzogen. Die Laien der Prälatur sind Männer und Frauen, Ledige oder Verheiratete, Menschen jeglicher gesellschaftlicher Stellung.

Sie schließen sich dem Opus Dei an, weil sie ihre spezifische Berufung für diesen Weg der Heiligung erkannt haben und auf diese Weise Christus und seiner Kirche dienen wollen. Die Gläubigen der Prälatur, ob Kleriker oder Laien, haben dieselbe Berufung. Sie übernehmen daher auch dieselben aszetischen und bildungsmäßigen Verpflichtungen, die freilich dem jeweiligen Stand des einzelnen und seinen persönlichen Lebensverhältnissen angepaßt sind. So nimmt jeder Angehörige der Prälatur auf seine Weise in vollem Sinne an der spezifischen apostolischen Sendung des Opus Dei teil.

Die Prälatur Opus Dei ist eine organische pastorale Einheit. Sie nimmt ihre apostolische Arbeit - mit der seelsorglichen Hilfe der Kleriker der Prälatur - in einer männlichen und einer weiblichen Abteilung wahr, die beide dem Prälaten unterstehen. In ihm als dem Ordinarius ist die vollkommene Einheit der Spiritualität und der Jurisdiktion zwischen beiden Abteilungen gegeben und gewährleistet. Er leitet das Opus Dei mit seinen Vikaren und Beratern, die für jede Abteilung verschieden sind. Analog werden die Regionalvikare bei ihrer Leitungsarbeit in den verschiedenen Ländern unterstützt.

Dem Prälaten kommt eine ordentliche Leitungsgewalt (Jurisdiktion) zu, die durch das spezifische Ziel der Prälatur umschrieben wird. Sie unterscheidet sich aufgrund des unterschiedlichen Zuständigkeitsbereiches von der Jurisdiktionsgewalt, die die Diözesanbischöfe für die allgemeine Seelsorge der Gläubigen besitzen. Außer der Leitung des eigenen Klerus umfaßt sie die spezifische geistliche wie apostolische Bildung und Betreuung der Laien der Prälatur.

Die Angehörigen der Prälatur Opus Dei wollen inmitten der säkularen Gesellschaft in ihrem Stand und ihrer Arbeit ein konsequent christliches Leben führen und so die Heiligung in der Christusnachfolge für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung anstreben. Die Eingliederung in das Opus Dei erfolgt durch eine wechselseitige vertragliche dauerhafte Bindung zwischen der Prälatur und demjenigen, der die Aufnahme wünscht.

Die Gläubigen erklären ihre Bereitschaft, den Erfordernissen der Aszese, der Bildung und des Apostolats nachzukommen, insofern sie das spezifische Recht der Prälatur betreffen, und in ihrem Verhalten die Normen zu pflegen, die das Leben im Opus Dei leiten. Weiterhin verpflichten sie sich, ihren Lebensunterhalt und den ihrer eigenen Familie durch ihre berufliche Arbeit zu verdienen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten tragen sie mit ihrem Verdienst auch dazu bei, die Bildungsaufgaben und apostolischen Initiativen der Prälatur zu unterstützen.

Die Angehörigen des Opus Dei sind untereinander ebenso verschiedenartig wie dies in jedem anderen säkularen Jurisdiktionsbereich der Fall ist, etwa in einer Diözese: Es gibt Priester und Laien, Männer und Frauen, Junge und Alte, Ledige und Verheiratete, Kranke und Gesunde. Sie gehen unterschiedlichen Berufen nach und nehmen verschiedene soziale Positionen an.

Die Prälatur Opus Dei besitzt eine zweifache apostolische bzw. pastorale Zielsetzung: Einerseits entwickelt der Prälat mit seinem Presbyterium eine besondere Seelsorge, um den Mitgliedern des Opus Dei die nötigen Hilfen zu geben, damit sie ihren anspruchsvollen aszetischen, apostolischen und Bildungs-Verpflichtungen nachkommen können. Andererseits widmet sich die Prälatur durch ihre Priester und Laien einem spezifischen Apostolat, um Menschen aller Gesellschaftsschichten die universale Berufung zur Heiligkeit und damit auch zum Apostolat wieder ins Bewußtsein zu rufen, die wesentlich mit dem heiligenden Wert der gewöhnlichen Berufsausübung jedes einzelnen verbunden ist.

Ferner rufen einzelne Mitglieder des Werkes zusammen mit Menschen, die nicht der Prälatur angehören und die oft nicht katholisch sind, in der ganzen Welt verschiedenste apostolische Initiativen ins Leben. In manchen Fällen übernimmt die Prälatur Opus Dei ausdrücklich die besondere Seelsorge und bietet so jedem, der es wünscht, im Rahmen der Bildungstätigkeit dieser Initiativen eine angemessene geistliche Betreuung an. Diese Einrichtungen haben eine apostolische Zielsetzung und werden sachlich kompetent und in laikaler Weise verantwortet.

Untrennbar mit der Prälatur verbunden ist die Priesterliche Gesellschaft vom Heiligen Kreuz, deren Ziel es ist, auch unter Weltpriestern, die nicht aus den Laien des Opus Dei hervorgegangen sind, das Gründungscharisma des Werkes wirksam werden zu lassen.

Der Prälat des Opus Dei ist zugleich Generalpräsident der Priesterlichen Gesellschaft vom Heiligen Kreuz. Die in der Prälatur inkardinierten Priester sind ipso iure auch Mitglieder dieser Vereinigung. Außerdem können andere Weltpriester als Mitglieder aufgenommen werden, die in einer Diözese inkardiniert sind und unter der ausschließlichen Jurisdiktion ihres Bischofs verbleiben. Dieser ist nach wie vor ihr einziger kirchlicher Vorgesetzter.

Im Dekret des II. Vatikanischen Konzils über Dienst und Leben der Priester werden Vereinigungen von Klerikern ausdrücklich angeregt. Aufgabe der Priesterlichen Gesellschaft vom Heiligen Kreuz ist es, die Heiligkeit der Priester in der Ausübung ihres eigenen Amtes zu fördern. Die Mitglieder solcher Vereinigungen erhalten eine angemessene geistliche und aszetische Betreuung, die ihnen unter anderem helfen soll, ihren Diözesanbischöfen bereitwilliger zur Verfügung zu stehen und sich selbstlos für die Belange ihrer Diözese einzusetzen.

* * *

Die Verbreitung des Opus Dei und der Einfluß seiner Spiritualität und seiner apostolischen Einrichtungen im Leben der Kirche und der Gesellschaft erklären das Augenmerk, das die öffentliche Meinung auf es lenkt. So stellten verschiedene Zeitschriften und Zeitungen Msgr. Escrivá konkrete, auf die Interessen der jeweiligen Leser abgestimmte Fragen.

Pedro Rodriguez, Chefredakteur der theologischen Zeitschrift Palabra (Madrid), bat Msgr. Escrivá um seine Meinung zu zentralen Fragen der Kirche in unserer Zeit: die gegenwärtige Lage des Katholizismus, das Apostolat der Laien, die Rolle des Priesters in der Gesellschaft, die christliche Durchdringung des Zeitlichen usw.

Gleichzeitig werden die Rolle, die dem Opus Dei in der Kirche und in der Welt zukommt, und einige wichtige Züge seines Geistes sichtbar. Besonders kennzeichnet dieses lange Interview der ausgeprägt kirchliche Sinn Msgr. Escrivás, der ihn konkrete Erfordernisse unserer Zeit erspüren und mit apostolischem Geist aufgreifen läßt. Diese Haltung wird begleitet von einer unmißverständlichen Bejahung des Pluralismus, der sich nicht nur aus der Achtung für die Freiheit in der Kirche ergibt, sondern auch aus dem Glauben an das Wirken Gottes, der die Kirche leitet und seine Gaben und Charismen in unerschöpflicher Vielfalt austeilt.

Auf dem Hintergrund der in diesem ersten Text zum Ausdruck gebrachten Gedanken sind die Antworten auf die erheblich spezielleren Fragen der drei folgenden Interviews zu sehen. Peter Forbarth (Time), Jacques Guilleme-Brulon (Le Figaro) und Tad Szulc (New York Times) formulierten ihre Fragen im Hinblick auf die Millionen Leser dieser Blätter. Die behandelten Themen nehmen daher häufig zunächst auf aktuelle Fragestellungen, auf konkrete Personen und Begebenheiten des internationalen politischen Lebens Bezug, die für den jeweiligen Leser einen vertrauten Rahmen darstellen, um dann zu tieferen geistlichen und apostolischen Anliegen oder spezifisch theologischen und kirchenrechtlichen Fragen überzugehen. Das im vatikanischen Wochenblatt L´Osservatore della Domenica veröffentlichte Interview von Enrico Zuppi und Antonio Fugardi beschäftigt sich gleichfalls auf dem aktuellen Hintergrund der kirchlichen Situation mit dem Geist und dem Apostolat des Opus Dei.

Am 16. Mai 1966 wurde das Interview mit der Pariser Tageszeitung Le Figaro veröffentlicht - zeitlich der erste der hier vorgelegten Texte. Die Antworten auf die Fragen von Peter Forbarth und Tad Szulc dienten als Hintergrund-Material für verschiedene Artikel.

Das Interview von Andrés Garrigó, Chefredakteur der Gaceta Universitaria, bezieht sich speziell auf den universitären Bereich. Hier spricht Msgr. Escrivá nicht nur als Gründer des Opus Dei über apostolische Anliegen, sondern er äußert zugleich auch seine ganz persönlichen Ansichten zu einer Thematik, die ihn zeitlebens stark interessiert hat und die er sowohl persönlich - Msgr. Escrivá war unter anderem Konsultor der Kongregation für das katholische Unterrichtswesen - als auch durch die Tätigkeit der Mitglieder des Opus Dei wesentlich mitgeprägt hat.

Eine seiner ersten apostolischen Initiativen richtete sich auf den Aufbau eines Studentenheims zur Zeit der zweiten spanischen Republik in Madrid. Dieses Studentenheim war als eine Einrichtung gedacht, die den reinen Lehrbetrieb der Universität ergänzen und den Studenten eine ganzheitliche Bildung ermöglichen sollte. Heutzutage bestehen in vielen Ländern derartige Studentenheime. Eine weitere bedeutende Bildungsinitiative ist die Universität von Navarra, deren Großkanzler Msgr. Escrivá war. Sie wurde 1952 gegründet und genießt heute einen internationalen Ruf. Durch ihr besonderes Wohnheimsystem, ihr Bemühen, angelsächsische und romanische Universitätstraditionen zu verbinden, durch den wissenschaftlichen Ernst in Forschung und Lehre sowie die Internationalität von Studentenschaft und Lehrkörper stellt die Universität von Navarra eine Pionierleistung im Hochschulwesen dar.

In dem Interview mit Pilar Salcedo, Chefredakteurin von Telva, einer bekannten Frauenzeitschrift in spanischer Sprache, geht Msgr. Escrivá humorvoll auf Probleme ein, denen sich Frau und Familie in der heutigen Gesellschaft gegenübergestellt sehen. Seine Analyse umfaßt nicht nur Grundlagen einer Soziologie der Familie, sondern auch aktuelle Fragen wie das Spannungsverhältnis zwischen beruflichem und privatem Leben, Probleme der Haushaltsführung und der aktiven Teilnahme der Frau am kirchlichen Leben.

Der Leser wird in den Worten von Msgr. Escrivá wahrscheinlich zweierlei entdecken: einen Sinn für das Übernatürliche und menschliche Herzlichkeit. Zwischen den Zeilen taucht ein weiterer Charakterzug auf, der in Gesprächen mit dem Gründer des Opus Dei immer wieder spürbar wurde: seine Liebe zur Freiheit. Sie zeigte sich sowohl in seinem nachdrücklichen Einsatz für die Ideale, an die er glaubte, als auch in seiner besonderen Fähigkeit, Respekt und Verständnis für Mitmenschen aufzubringen, die andere Auffassungen als er selbst vertreten.


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