Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Freunde Gottes > Umgang mit Gott > Textabschnitt 146
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Frömmigkeit, Kindschaft

Die Frömmigkeit, die aus der Gotteskindschaft stammt, ist eine zutiefst in der Seele verwurzelte Haltung, die schließlich das ganze Dasein eines Menschen erfaßt; sie ist gegenwärtig in jedem Gedanken, in jedem Wunsch, in jeder Gemütsregung. Habt ihr nicht bemerkt, wie in einer Familie die Kinder, wenn auch unbewußt, die Eltern nachahmen und ihre Gebärden, Gewohnheiten und Verhaltensweisen übernehmen?

Im Verhalten eines guten Kindes Gottes geschieht etwas ganz Ähnliches. Auch hier gelangt man zu einer wunderbaren Vergöttlichung, ohne zu wissen, wie und auf welchem Weg. Sie hilft uns, alle Ereignisse aus der übernatürlichen Perspektive des Glaubens her zu beurteilen. Man liebt dann alle Menschen so, wie unser Vater im Himmel sie liebt, und - das ist wohl das wichtigste - in der Seele entsteht ein neuer Schwung im täglichen Bemühen um die Nähe Gottes. Unsere Armseligkeiten zählen dann nicht mehr - ich möchte es noch einmal betonen -, denn wir werfen uns in die liebenden Arme Gottes, die uns aufnehmen.

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, wie groß der Unterschied zwischen dem Sturz eines Kindes und dem Sturz eines Erwachsenen ist. Für ein Kind bedeutet ein Sturz in den meisten Fällen nicht viel, es fällt ja so oft hin. Wenn es losweinen möchte, sagt ihm sein Vater: Männer weinen nicht! Das Kind gibt sich dann Mühe, seinem Vater zu gefallen, und alles ist gut.

Wie ist es aber, wenn ein Erwachsener das Gleichgewicht verliert und plötzlich am Boden liegt? Fühlte man nicht Mitleid, so fände man das nur komisch, einen Anlaß zum Lachen. Hinzukommt, daß der Sturz eines Erwachsenen unter Umständen ernste Folgen nach sich zieht, oder bei einem älteren Menschen einen unheilbaren Bruch verursacht. Es ist gut für uns, im inneren Leben quasi modo geniti infantes zu sein: wie diese kleinen Kinder, die - man könnte meinen, sie seien aus Gummi - lachend fallen und sogleich wieder aufstehen und weiter herumtollen und außerdem, wenn es nötig ist, von ihren Eltern getröstet werden.

Versuchen wir, uns wie sie zu verhalten, dann werden die Schläge und Mißerfolge - die übrigens unvermeidlich sind - uns niemals verbittern. Wir werden mit Schmerz, aber nicht entmutigt reagieren, ja, wir werden sogar lächeln; denn ein solches Lächeln ist wie das klare Wasser, das aus der Freude entspringt, uns als Kinder des unfaßbar großen, weisen, barmherzigen Gottes, unseres Vaters, zu wissen. Im Verlauf meiner Jahre im Dienste des Herrn habe ich gelernt, wie ein kleiner Sohn Gottes zu sein. Und auch euch bitte ich darum, daß ihr quasi modo geniti infantes seid: Kinder, die nach dem Wort Gottes, nach dem Brot Gottes, nach der Nahrung Gottes, nach der Stärke Gottes verlangen, um uns dann wie reife Christen zu verhalten.

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