Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Freunde Gottes > Leben aus dem Gebet > Kap 15
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Homilie, gehalten am 4. April 1955

Immer wenn wir im Herzen den Wunsch verspüren, besser zu werden und dem Herrn großzügiger zu dienen, und wenn wir dann einen Wegweiser, einen Leitstern für unser christliches Dasein suchen, ruft uns der Heilige Geist die Worte des Evangeliums in Erinnerung, daß man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe (Lk 18,1). Das Gebet ist das Fundament jedes auf Gott ausgerichteten Tuns; mit dem Gebet sind wir allmächtig, und ohne das Gebet erreichen wir nichts.

Ich möchte, daß wir uns heute, in dieser Betrachtung, ein für allemal von der Notwendigkeit überzeugen, kontemplative Seelen zu werden; ob auf der Straße oder bei der Arbeit - unser Gespräch mit Gott soll immerfort andauern und niemals im Laufe des Tages abreißen. Das ist der einzige Weg, um treu den Schritten des Meisters folgen zu können.


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Blicken wir auf Jesus Christus, auf unser Vorbild, der gleichsam der Spiegel ist, in dem wir uns sehen müssen. Wie verhält Er sich - auch äußerlich - bei wichtigen Anlässen? Was berichtet uns das Evangelium über Ihn? Es ist für mich ergreifend zu beobachten, wie der Herr sich jedesmal an den Vater wendet, bevor Er ein großes Wunder wirkt; ergreifend auch das Beispiel, das Er gibt, indem Er sich vierzig Tage und vierzig Nächte zum Gebet in die Wüste zurückzieht (Vgl. Mt 4,2), bevor Er öffentlich zu wirken beginnt.

Entschuldigt, daß ich darauf zurückkomme, aber es ist sehr wichtig, auf die einzelnen Schritte des Messias zu achten, denn Er ist gekommen, um uns den Weg zu zeigen, der zum Vater führt. Zusammen mit Ihm machen wir die Entdeckung, daß man auch den scheinbar unbedeutendsten Kleinigkeiten eine übernatürliche Dimension verleihen kann; wir werden, von ihm lernend, fähig, in jedem Augenblick des Lebens die Ewigkeit mitschwingen zu fühlen; wir vermögen tiefer zu begreifen, daß das Geschöpf Zeiten des vertrauten Gespräches mit Gott nötig hat, Zeiten, in denen wir Umgang mit Ihm haben, Ihn anflehen, Ihn lobpreisen, Ihm danken, Ihm zuhören oder einfach bei Ihm sind.

Schon vor vielen Jahren bin ich beim Betrachten dieser Eigenart unseres Herrn zu dem Schluß gekommen, daß das Apostolat - jede Form des Apostolates - ein Überfließen des inneren Lebens ist. Deshalb erscheint mir jene Stelle im Evangelium, wo von der endgültigen Wahl der ersten Zwölf durch Jesus die Rede ist, so natürlich und übernatürlich zugleich. Lukas berichtet, daß Jesus vorher die ganze Nacht im Gebet verbrachte (Lk 6,2). Oder seht ihn in Bethanien, bevor Er sich anschickt, Lazarus zum Leben zu erwecken; Er hat um den Freund geweint, Er erhebt die Augen zum Himmel und betet: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast (Joh 11,41) Das ist die eindeutige Lehre, die Er uns erteilt: Wenn wir unseren Mitmenschen helfen wollen und aufrichtig bemüht sind, sie zur Entdeckung des wahren Sinnes ihres irdischen Lebens hinzuführen, dann muß diese Absicht im Gebet verankert sein.


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Das Evangelium berichtet uns von so vielen Augenblicken, in denen Jesus mit seinem Vater spricht, daß es unmöglich ist, sie alle einzeln zu betrachten. In besonderem Maße aber sollten wir bei den erschütternden Stunden vor seinem Leiden und Tod verweilen, da Er sich auf die Vollendung des Opfers vorbereitet, das uns in die göttliche Liebe heimholen wird. In der Geborgenheit des Abendmahlsaales entfaltet sich die Fülle seiner Liebe: Er wendet sich flehend an den Vater, kündigt die Herabkunft des Heiligen Geistes an und ermutigt die Seinen zu einer ständigen glühenden Hingabe in Liebe und Glauben.

Dieses innige, brennende Gebet steigert sich noch, da unser Erlöser im Garten Gethsemani sein Leiden herannahen sieht: die Erniedrigung, die Schmerzen, das harte Kreuz, nur den Missetätern vorbehalten, das Er so lange ersehnt hat. Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir (Lk 22,42). Und gleich darauf: Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe (Ebd.). Später dann, am Kreuzesbalken angenagelt, einsam, die Arme in der Haltung des Ewigen Priesters ausgebreitet, verharrt Er im Gespräch mit dem Vater: In deine Hände befehle ich meinen Geist (Lk 23,46).


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Betrachten wir nun seine heilige Mutter, die auch unsere Mutter ist. Auf Golgotha betet sie neben dem Kreuz. Das ist bei ihr keine neue Haltung, immer hat sie gebetet, während sie die alltäglichen Pflichten des Haushalts erfüllte. Inmitten der irdischen Dinge blieb sie mit Gott vereinigt. Christus, perfectus Deus, perfectus homo (Glaubensbekenntnis Quicumque), vollkommener Gott und vollkommener Mensch, hat gewollt, daß auch seine Mutter - das erhabenste Geschöpf, voll der Gnade - uns in dem Drang bestärkt, unsere Augen allezeit auf die göttliche Liebe zu richten. Erinnert euch an das Geschehen der Verkündigung: Als der Erzengel erscheint, um ihr die himmlische Botschaft zu bringen, daß sie Mutter Gottes werden soll, findet er sie versunken in Gebet. Maria ist ganz im Herrn gesammelt, da Gabriel sie anspricht: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir (Lk 1,28). Einige Tage später bricht dann ihr Jubel in die Worte des Magnificat aus, das eine Frucht ihres ständigen Umgangs mit Gott ist, ein marianischer Lobgesang, den uns der Heilige Geist durch die einfühlsame Treue des heiligen Lukas geschenkt hat.

Unsere Mutter hat lange die Worte und Taten der heiligen Männer und Frauen des Alten Bundes betrachtet, die den Erlöser erwarteten. Sie hat die zahllosen Wunder und die verschwenderische Barmherzigkeit Gottes mit seinem Volk, das oft so undankbar war, bestaunt. Beim Bedenken der liebenden, ständig erneuerten Zuneigung des Himmels begeistert sich ihr unbeflecktes Herz: Hochpreiset meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland: Herabgesehen hat Er in Gnaden auf seine niedrige Magd (Lk 1,46-48). Die Kinder dieser guten Mutter, die ersten Christen, haben von ihr gelernt, und auch wir können und müssen von ihr lernen.


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In der Apostelgeschichte kommt eine Stelle vor, die mir teuer ist, weil sie uns ein deutliches, immer aktuelles Beispiel liefert: Sie hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und am Gebet (Apg 2,42). Es ist eine Randbemerkung, die bei den Berichten über das Leben der ersten Jünger Jesu Christi immer wiederkehrt: Sie alle verharrten einmütig im Gebet (Apg 1,14). Auch als Petrus gefangengenommen wird, weil er mutig die Wahrheit gepredigt hat, beschließen sie zu beten: Die Kirche aber betete unablässig für ihn zu Gott (Apg 12,5).

Das Gebet war damals wie heute die einzige Waffe, das mächtigste Mittel, um in den Schlachten des inneren Kampfes zu siegen: Leidet einer unter euch? Er bete! (Jak 5,13) Und der heilige Paulus faßt zusammen: Betet ohne Unterlaß (1 Thess 5,17), werdet niemals müde, Gott anzuflehen.


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Wie beten?

Wie soll man beten? Sicher gehe ich nicht fehl, wenn ich sage, daß es unzählig viele Arten des Gebetes gibt. Aber für uns alle wünsche ich das echte Gebet der Kinder Gottes, nicht den Wortschwall der Heuchler, die vom Herrn hören müssen: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen (Mt 7,21). Über die, die heuchlerisch beten, schreibt der heilige Augustinus, zwar gebe es bei ihnen möglicherweise das Geräusch des Gebetes, nicht aber seine wahre Stimme, denn es fehlt das Leben (Augustinus, Enarrationes in Psalmos, 139, 10 (PL 37, 1809]) und das Verlangen, den Willen des Vaters wirklich zu tun. Möge unser Ruf: Herr! von dem wirksamen Wunsch beseelt sein, die inneren Eingebungen des Heiligen Geistes in unserer Seele in Taten umzusetzen.

Wir müssen uns Mühe geben, damit sich in uns keine Spur von Falschheit findet. Die erste Voraussetzung, um dieses Übel auszurotten, das der Herr so hart verurteilt, besteht darin, daß wir die klare Bereitschaft haben, der Sünde, sowohl im allgemeinen als auch in der konkreten Situation, zu widerstehen. Herz und Verstand müssen heftig und aufrichtig die schwere Sünde verabscheuen, und auch gegenüber der vorsätzlichen läßlichen Sünde muß der Widerwille in uns tief verwurzelt sein, denn sie läßt uns zwar die göttliche Gnade nicht verlieren, erschwert aber ihren Weg zu uns.


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Niemals bin ich müde geworden, vom Gebet zu sprechen, und das wird mit der Gnade Gottes immer so bleiben. Als um 1930 zu mir, einem jungen Priester, Leute aus allen Kreisen - Akademiker und Arbeiter, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Priester und Laien - mit dem Verlangen kamen, näher beim Herrn zu sein, da gab ich ihnen stets den einen Rat: Betet! Und wenn einer mir antwortete, er wisse nicht einmal, wie er es anfangen sollte, dann empfahl ich ihm, sich in die Gegenwart Gottes zu versetzen und Ihm seine Unruhe und seine Beklemmung mit genau dieser Klage vorzutragen: Herr, ich kann nicht! Und oft ist aus jenen bescheidenen Aussprachen eine innige Beziehung zu Christus, ein ständiger Umgang mit Ihm geworden.

Viele Jahre sind seither vergangen, und immer noch ist dies das einzige Mittel, das ich kenne. Wenn du dich nicht imstande fühlst zu beten, geh zu Christus, wie seine Jünger zu Ihm gingen: Herr, lehre uns beten! (Lk 11,1) Du wirst dann erfahren, daß der Heilige Geist uns in unserer Schwachheit beisteht. Wir wissen ja nicht, was rechtes Beten ist. Da tritt der Geist mit unaussprechlichem Seufzen und Flehen für uns ein (Röm 8,26), denn kein Wort vermag jene unauslotbare Tiefe auszudrücken.

Festigkeit soll das Wort Gottes in uns bewirken! Der Rat, den ich im Laufe meiner priesterlichen Arbeit immer wieder gegeben habe und den ich weiterhin gebe, ist keine Erfindung von mir. Er steht in der Heiligen Schrift, und von dort habe ich ihn übernommen: Herr, ich weiß nicht, wie ich mich an Dich wenden soll! Herr, lehre uns beten! Der liebende Beistand des Heiligen Geistes kommt uns dann zu Hilfe. Als Licht, als Feuer, als Sturmwind entzündet Er die Flamme und macht sie fähig, Brände der Gottesliebe zu entfachen.


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Gebet ist Dialog

Wir sind schon auf dem Weg des Gebetes. Wie ihn weitergehen? Habt ihr nicht bemerkt, daß viele Männer und Frauen den Eindruck erwecken, als sprächen sie mit sich selbst und hörten sich selbst auch gerne? Worte, Worte, in einem Selbstgespräch, das unermüdlich um die Probleme kreist, die ihnen Sorge bereiten, das aber keinen Raum für Lösungen läßt; man möchte meinen, die einzige Antriebskraft solcher Leute wäre die krankhafte Lust, bemitleidet oder bewundert zu werden, und sonst nichts.

Wenn wir wirklich ganz offen und einfach unser Herz erleichtern wollen, holen wir uns Rat bei Menschen, die uns lieben und verstehen. Man spricht mit dem Vater, mit der Mutter, mit der Ehefrau, mit dem Ehemann, mit dem Bruder, mit dem Freund. Das ist schon ein Dialog, auch wenn man häufig nicht so sehr hören als sich selbst aussprechen, das Herz ausschütten möchte. Fangen wir an, es auch mit Gott so zu halten, in der Gewißheit, daß Er uns hört und uns antwortet. Wir werden auf sein Wort achten und uns in einem demütigen, vertrauensvollen Gespräch öffnen, in dem alles Platz findet, was unseren Geist und unser Herz beschäftigt: freudige und traurige Erlebnisse, Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfolge, Mißerfolge und selbst unbedeutende Alltagserfahrungen. Denn mittlerweile habe wir schon gemerkt, daß unser himmlischer Vater sich für alles interessiert, was uns betrifft.


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Überwindet die Trägheit, wenn sie sich einschleichen will, und meint nicht, das Gebet könne ja warten. In ihm gehen wir zur Quelle der Gnaden, das dürfen wir niemals auf morgen verschieben. Jetzt ist die richtige Zeit. Gott schaut den ganzen Tag voller Liebe auf uns, Er ist es, der uns in der innigen Begegnung des Gebetes führt: und du und ich - ich wiederhole es -, wir müssen uns Ihm anvertrauen, so wie man sich dem Bruder, dem Freund, dem Vater anvertraut. Sage Ihm - ich tue es jetzt auch -, daß Er der ganz Erhabene, der ganz Gute, der ganz Barmherzige ist. Und sage Ihm weiter: Deshalb will ich Dich ganz lieben, auch wenn ich so ein ungehobelter Kerl bin, und auch wenn diese meine armen Hände schwielig und vom Staub der irdischen Wege schmutzig sind.

Vielleicht merken wir es zunächst kaum, aber wir werden vorankommen: entschlossen und festen Schrittes, im Einklang mit Gott und in der sicheren Überzeugung, daß an der Seite des Herrn auch Schmerz, Selbstverleugnung und Leiden süß sind. Wie stark fühlt sich ein Kind Gottes, wenn es sich so nahe beim Vater weiß! Deshalb bin ich sicher aufgehoben bei Dir, mein Herr und mein Vater, geschehe, was da wolle, denn Du bist mein Fels und meine Burg (Vgl. 2 Sam 22,2).


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Den einen mag all dies bekannt, den anderen neu vorkommen; für jeden aber ist es mühsam. Doch solange ich lebe, werde ich nicht aufhören zu predigen, daß wir mit absoluter Notwendigkeit betende Menschen sein müssen; immer, bei allen Gelegenheiten und in den verschiedensten Umständen, denn Gott verläßt uns niemals. Es ist nicht christlich, sich als allerletzte Zuflucht auf die Freundschaft mit Gott zu besinnen. Oder finden wir es etwa normal, daß wir die Menschen, die wir lieben, ignorieren und vergessen? Nein, natürlich nicht, sie sind uns vielmehr ständig gegenwärtig, und ihnen gelten unsere Worte, unsere Wünsche, unsere Gedanken. Genauso muß es auch im Umgang mit Gott sein.

Wenn wir Gott so suchen, verwandelt sich der ganze Tag in ein einziges Gespräch, innig und voller Vertrauen. Ich habe es sehr oft gesagt und geschrieben, aber ich wiederhole es jetzt noch einmal: durch sein eigenes Beispiel hat der Herr uns erkennen lassen, welches die einzig richtige Art des Umgangs mit Ihm ist: das immerwährende Gebet, vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Geht uns alles leicht von der Hand: Danke, mein Gott! Kommt ein schwieriger Augenblick: Herr, verlaß mich nicht! Und dieser Gott, der sanftmütig und demütig von Herzen (Mt 11,29) ist, Er wird unsere Bitten nicht verschmähen, wird nicht gleichgültig bleiben, denn Er hat gesagt: Bittet, und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan (Lk 11,9).

Seien wir also darum bemüht, niemals die übernatürliche Sicht zu verlieren und Gott in allem Geschehen wahrzunehmen, bei freudigen und bei schmerzlichen Anlässen, wenn wir Trost erfahren... oder wenn wir, etwa wegen des Todes eines geliebten Menschen, untröstlich sind. Allem voran: das Gespräch mit deinem Vater Gott. Ihn müssen wir in der Mitte unserer Seele suchen. Tut das nicht als unbedeutende Kleinigkeit ab. Es ist vielmehr das klare Zeichen für ein inneres Leben, das niemals brachliegt, und für einen Dialog, der sich in echter Liebe entfaltet. Durch solche Übung wird das seelische Gleichgewicht nicht beeinträchtigt, denn für einen Christen sollte sie so selbstverständlich sein wie das Schlagen des Herzens.


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Mündliches und betrachtendes Gebet

In dieses Geflecht eines tätigen christlichen Glaubens sind die mündlichen Gebete wie Juwelen eingelassen: an Gott gerichtete Worte wie Vater unser..., Gegrüßet seist du, Maria..., Ehre sei dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste; oder der Rosenkranz, durch den wir Gott und unsere Mutter Maria lobpreisen; oder so viele andere fromme Anrufungen und Gebete, die unsere christlichen Brüder seit Alters her verrichtet haben.

Der heilige Augustinus kommentiert einen Vers des fünfundachtzigsten Psalms - Sei mir gnädig, o Herr!; denn zu Dir rufe ich allezeit - mit folgenden Worten: Unter "allezeit" verstehe ich "beständig", "ohne aufzuhören" (...). So ist es gleichsam ein einziger Mensch, der bis zum Ende der Welt reicht; sind es doch die Glieder des Christus, die da rufen; einige ruhen schon ihn Ihm, andere beten zu Ihm in dieser Zeit, und wieder andere werden zu Ihm flehen, wenn wir schon gestorben sind, und nach denen abermals andere (Augustinus, Enarrationes in Psalmos, 85, 5 (PL 37, 1085]). Ist es nicht ergreifend, wenn wir uns vorstellen, daß wir an dem durch die Jahrhunderte fortdauernden Lob unseres Schöpfers teilnehmen dürfen? Wie groß ist der Mensch, wenn er sich als von Gott geliebtes Geschöpf erkennt und sich tota die, in jedem Augenblick seines irdischen Weges, an Ihn wendet!


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Nie dürfen in unserem Tagesablauf die Augenblicke fehlen, die eigens dem Umgang mit dem Herrn vorbehalten sind: Wir erheben unsere Gedanken zu Ihm, der Mund braucht nicht zu sprechen, weil das Herz singt. Räumen wir diesem Gebet die genügende Zeit ein und verrichten wir es, wenn möglich, zu festgesetzter Stunde; entweder vor dem Tabernakel, ganz nah bei Ihm, der dort aus Liebe hat bleiben wollen, oder, wenn es anders nicht geht, einfach da, wo wir uns gerade befinden, denn Gott ist in unserer Seele, so sie sich im Stande der Gnade befindet, auf eine unaussprechliche Weise gegenwärtig. Jedoch rate ich dir, immer, wenn du kannst, in die Kapelle zu gehen; absichtlich sage ich nicht Kirche, um deutlich zu machen, daß du nicht die Feierlichkeit, sondern die Erhebung des Geistes zum Himmel in gesammelter Innigkeit suchen sollst, überzeugt davon, daß der Herr vom Tabernakel aus, wo Er unter den sakramentalen Gestalten wirklich gegenwärtig ist, uns sieht und hört, auf uns wartet und unser Zusammensein mit Ihm lenkt.

Jeder von euch kann, wenn er nur will, seinen eigenen Weg finden, um das Gespräch mit Gott zu führen. Ich spreche nicht gern von Methoden und Formeln, denn ich möchte niemanden in ein Korsett zwängen. Mein Bemühen ging stets dahin, alle zum nahen Umgang mit dem Herrn zu ermuntern und dabei doch die Eigenart jeder einzelnen Seele zu achten. Bittet Ihn, Er möge seine Absichten in unser Leben einprägen: nicht nur in unseren Verstand, sondern auch tief in unser Herz und ebenso in alles, was wir nach außen hin wirken. Ich versichere euch, daß ihr euch auf diese Weise viel von den Enttäuschungen und Plagen des Egoismus ersparen und die Kraft finden werdet, in eurer Umgebung das Gute auszubreiten. Wie viele Widerwärtigkeiten lösen sich auf, wenn wir uns innerlich ganz in die Hände Gottes geben, der uns nie verläßt! Die Liebe Jesu zu den Seinen zeigt sich jedesmal neu, jedesmal in anderen Schattierungen: zu den kranken, zu den Gelähmten... Er fragt uns: Was hast du? Ich habe... Und sofort Licht, oder zumindest unser Ja und Frieden.

Wenn ich dich dazu einlade, dich mit dem Herrn auszusprechen, dann denke ich besonders an deine persönlichen Schwierigkeiten. Das meiste, was uns unglücklich macht, rührt von einem mehr oder minder verkappten Hochmut her. Wir halten uns für außergewöhnlich wertvoll und begabt und fühlen uns gedemütigt, sobald die anderen uns anders einschätzen. Welch gute Gelegenheit, zum Gebet zu gehen und umzudenken. Unseren Weg neu auszurichten, dazu ist es nie zu spät, doch ist es angebracht, so früh wie möglich damit anzufangen.

Im Gebet kann sich der Hochmut mit Hilfe der Gnade in Demut verwandeln. Dann keimt in der Seele die wahre Freude auf, auch wenn an unseren Flügeln noch der Schlamm unseres Elends klebt und nur langsam trocknet. Später aber wird, durch Abtötung, diese Schlammkruste abfallen, und wir werden, vom Wind der göttlichen Barmherzigkeit getragen, sehr hoch fliegen können.


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Seht, der Herr sehnt sich danach, uns mit einem wunderbaren Schrittmaß voranzubringen, auf göttliche und auf menschliche Weise, in Schritten, die sich äußern als glückspendende Selbstverleugnung, als schmerzerprobte Freude, als Selbstlosigkeit. Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst (Mt 16,24). Wir alle haben diesen Rat gehört, wir müssen nun entschlossen sein, Ihm wirklich zu folgen. So wird der Herr sich unser bedienen können, damit wir - ganz in Gott verankert - an allen Wegekreuzungen dieser Welt Salz, Sauerteig und Licht sein können. Sei du ganz in Gott - und du wirst die anderen erleuchten, ihnen Geschmack am Ewigen wecken, sie zum Wachsen bringen, sie innerlich verwandeln.

Vergiß aber nie, daß wir dieses Licht nicht hervorbringen, sondern nur widerspiegeln. Nicht wir sind es, die die Seelen retten, indem wir sie zum Guten hinführen; wir sind nur mehr oder minder wertvolle Werkzeuge im Dienste des Heilsplanes Gottes. Bildeten wir uns je ein, daß das Gute, das wir tun, unser Werk sei, dann wäre der Hochmut in uns zurückgekehrt, heimtückischer als vorher: das Salz würde schal werden, der Sauerteig faulen, das Licht sich verfinstern.


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Wie eine weitere Gestalt im Evangelium

Im Laufe dieser dreißig Jahre meines Priestertums habe ich immer wieder die Notwendigkeit des Gebetes betont und darauf hingewiesen, daß man das ganze Leben in ein unaufhörliches Sprechen mit Gott verwandeln kann. Gelegentlich bin ich gefragt worden: Aber ist es wirklich möglich, sich immer so zu verhalten? Ja, es ist möglich. Die Vereinigung mit unserem Herrn sondert uns nicht von der Welt ab, sie macht uns nicht zu weltfremden Wesen, die dem Lauf der Dinge entrückt sind.

Gott hat uns erschaffen, hat uns erlöst, liebt uns so sehr, daß Er seinen eingeborenen Sohn für uns dahingegeben hat (Vgl. Joh 3,16), Er wartet jeden Tag auf uns, so wie im Gleichnis der Vater auf den verlorenen Sohn wartet (Vgl. Lk 15,11-32): Wie sollte Er dann nicht wünschen, daß wir Ihm liebend begegnen? Anormal wäre es vielmehr, mit Gott nicht zu sprechen, sich von Ihm abzuwenden, Ihn zu vergessen, in Tätigkeiten aufzugehen, die uns gegen die nie aussetzenden Impulse der Gnade abriegeln würden.


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Außerdem möchte ich euch zu bedenken geben, daß kein Mensch sich vom Nachahmungstrieb freihalten kann. Der bewußte oder unbewußte Drang, einander nachzuahmen, ist allen gemeinsam. Und da sollten wir ausgerechnet die Aufforderung, Jesus nachzuahmen, ins Leere verhallen lassen? Jeder ist bestrebt, nach und nach mit dem Vorbild gleichförmig zu werden, das er sich seiner Eigenart entsprechend gewählt hat. Er gestaltet dann sein Verhalten nach diesem Ideal. Unser Meister ist Christus, der Sohn Gottes, die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Ahmen wir Christus nach, so eröffnet sich uns die herrliche Möglichkeit, an dem Strom der Liebe teilzuhaben, der das Geheimnis des einen und dreifaltigen Gottes durchwaltet.

Wenn ihr euch einmal nicht in der Lage fühlt, den Spuren Jesu Christi zu folgen, dann tauscht Worte der Freundschaft mit denen, die Ihn während seines Lebens auf Erden gut gekannt haben; vor allem mit Maria, die uns Jesus geschenkt hat, aber auch mit den Aposteln. Einige Heiden wandten sich an Philippus, der aus Bethsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: "Herr, wir möchten gern Jesus sehen". Philippus ging hin und sagte es Andreas, worauf Andreas und Philippus sich an Jesus wandten, um es Ihm auszurichten (Joh 12,20-22). Ist das nicht ermutigend? Jene Fremden wagen es nicht, selbst zum Meister zu gehen, und suchen sich einen guten Fürsprecher.


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Vielleicht denkst du, deine Sünden seien so zahlreich, daß der Herr dich nicht hören könne. Du irrst, denn sein Herz ist voller Barmherzigkeit. Bedrückt dich aber dein Elend trotz dieser tröstlichen Erkenntnis, dann tritt vor Ihn hin wie der Zöllner (Vgl. Lk 18,13): Herr, da bin ich, tue mit mir, was Du willst! Erinnere dich, was uns Matthäus erzählt: wie sie den Gelähmten zu Jesus brachten. Der Kranke spricht kein Wort: Er liegt einfach da, in der Gegenwart Gottes. Diese Zerknirschung, diese Reue eines Menschen, der weiß, daß er nichts verdient, bewegen unseren Herrn, und Er erweist sich, wie immer, barmherzig: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben (Mt 9,2).

Ich rate dir für dein Gebet, daß du dich in die Berichte des Evangeliums so hineinversetzt, als ob du ein weiterer Teilnehmer wärest. Zuerst stellst du dir das Geschehen vor, das du in Sammlung betrachten möchtest. Dann wird dein Geist tätig, und du bedenkst einen bestimmten Zug im Leben des Meisters: sein liebendes Herz, seine Demut, seine Reinheit, die Art, wie Er den Willen des Vaters erfüllt. Erzähle Ihm, wie es bei dir in solchen Fällen ist, was dich im Augenblick bewegt, was in dir vorgeht. Bleib aufmerksam, denn vielleicht will Er dich auf etwas hinweisen; und so regen sich Eingebungen, zeigen sich Entdeckungen, hörst du einen Tadel.


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Um dem Gebet den Weg zu ebnen, pflege ich - und das mag einigen von euch ebenfalls hilfreich sein - auch rein geistige Wirklichkeiten gleichsam greifbar zu machen. Hat es doch unser Herr ebenso gehalten. Er lehrte gerne in Gleichnissen und Bildern, die Er aus der normalen Umwelt seiner Zuhörer nahm: Er spricht vom Hirten und von den Schafen, vom Weinstock und den Reben, von Booten und Netzen, von dem Samen, den der Sämann sät...

Das Wort Gottes ist in unsere Seele gefallen. Wie ist der Erdboden, den wir diesem Samen bieten? Ist er sehr steinig? Mit Dornen überwachsen? Oder vielleicht durch zuviel rein irdische, kleinliche, schwerfällige Schritte festgetreten? Herr, gib, daß ich gutes Erdreich sei, gute, fruchtbare Erde, dem Regen und der Sonne offen; gib, daß Deine Saat aufgeht und volle Ähren, guten Weizen hervorbringt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige (Joh 15,5). Die Zeit der Weinlese naht. An den Weinstöcken hängen lange, dünne, biegsame, knotige Zweige voller Trauben, reif für die Ernte. Betrachtet die Rebzweige: Sie haben den Saft des Weinstocks empfangen und jetzt tragen sie reiche Frucht. Noch vor ein paar Monaten ganz junge Triebe, sind sie jetzt reifes und süßes Fruchtfleisch, das Auge und Herz vieler Menschen erfreuen wird (Vgl. Ps 103,15). Halb von der Erde bedeckt, liegen einige Zweige am Boden, die sich vom Stock losgelöst haben. Auch sie waren Reben, nun aber verdorrt und ausgetrocknet; das anschauliche Sinnbild der Unfruchtbarkeit. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,5).

Das Gleichnis vom verborgenen Schatz. Stellt euch die Freude des glücklichen Finders vor. Für ihn sind Kummer und Not vorüber. Er verkauft alles, was er hat, um den Acker zu kaufen. Sein Herz ist, wo sich sein Schatz verbirgt (Vgl. Mt 6,21). Unser Schatz ist Christus. Es soll uns nichts ausmachen, allen hinderlichen Ballast über Bord zu werfen, um Ihm folgen zu können. Ohne diese unnütze Last wird unser Boot geradewegs zum sicheren Hafen der Liebe Gottes gelangen.


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Und nochmals sage ich euch, daß es tausend Arten zu beten gibt. Die Kinder Gottes bedürfen keiner pedantisch ausgeklügelten Methode, um sich an ihren Vater zu wenden. Die Liebe ist erfinderisch und einfallsreich. Wenn wir lieben, werden wir ganz persönliche, eigene Wege zum ständigen Dialog mit dem Herrn finden.

Möge der Herr bewirken, daß alles, was wir heute betrachtet haben, nicht wie ein Sommergewitter über unsere Seele hinweggeht: ein paar Regentropfen, und dann wieder Sonne und Dürre. Das Wasser, das von Gott kommt, muß sich stauen und die Wurzeln erreichen, damit es die Frucht vieler Tugenden hervorbringt. Die Jahre unseres Lebens werden so in der Gegenwart des Vaters verlaufen, Tag für Tag, mit Arbeit und Gebet. Wenn wir nachlassen, wenden wir uns hin zur Liebe der Gottesmutter, der Lehrmeisterin des Gebetes; und wir gehen auch zum heiligen Josef, unserem Vater und Herrn, den wir alle so sehr verehren; ist er es doch, der den innigsten Umgang mit Maria gehabt hat und nach Maria ihrem göttlichen Sohn am nächsten war. Sie werden unsere Schwachheit vor Jesus bringen, und Er wird sie in Stärke verwandeln.


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