Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Freunde Gottes > Denn sie werden Gott schauen > Kap 11
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Homilie, gehalten am 12. März 1954

Daß Jesus Christus unser Vorbild, das Vorbild aller Christen ist, wißt ihr gut: ihr habt es oft gehört und betrachtet. Ihr habt auch zu vielen Menschen davon gesprochen in eurem Apostolat, das euch schon zur zweiten Natur geworden ist, in dieser menschlichen Freundschaft, in der Gottes Nähe spürbar wird. Ebenso habt ihr bei passenden Gelegenheiten mit dem wunderbaren Mittel der brüderlichen Zurechtweisung andere daran erinnert und ihnen so geholfen, ihr Verhalten am Beispiel unseres erstgeborenen Bruders zu messen, am Sohn Mariens, der Gottesmutter, die auch unsere Mutter ist.

Christus ist das Vorbild. Er selbst hat es gesagt: discite a me (Mt 11,29), lernet von mir; und heute möchte ich zu euch über eine Tugend sprechen, die, obwohl sie weder die einzige noch die wichtigste ist, im christlichen Leben dennoch wie das Salz wirkt, das vor Verderbnis bewahrt; über eine Tugend, die der Prüfstein für die apostolische Seele ist: die heilige Reinheit.

Es ist klar, daß die Gottesliebe die höchste Tugend ist; aber die Keuschheit ist die conditio sine qua non, eine unerläßliche Bedingung, um zu diesem innigen Dialog mit Gott zu kommen. Und wenn sie nicht behütet wird, wenn man nicht um sie kämpft, dann erblindet man, dann erkennt man nichts mehr, denn der natürliche Mensch erfaßt nicht, was vom Geiste Gottes kommt (1 Kor 2,14).

Durch die Predigt des Meisters ermutigt, wollen wir um einen lauteren Blick bemüht sein: Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen (Mt 5,8). Immer hat die Kirche diese Worte als eine Einladung zur Keuschheit aufgefaßt. Jene bewahren ein gesundes Herz, schreibt der heilige Johannes Chrysostomus, die ein ganz reines Gewissen besitzen oder die die Keuschheit lieben. Keine Tugend ist so notwendig, um Gott zu schauen (Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 15, 4 (PG 57, 227]).


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Das Beispiel Christi

Jesus Christus, unser Herr, ist zeit seines irdischen Lebens mit Schmähungen überhäuft worden, man hat Ihn auf jede nur erdenkliche Weise mißhandelt. Erinnert ihr euch? Sie sagen, Er sei ein Aufrührer, er sei vom Teufel besessen (Vgl. Mt 11,18). Ein anderes Mal mißdeuten sie die Äußerungen seiner unendlichen Liebe und beschuldigen Ihn, ein Freund der Sünder zu sein (Vgl. Mt 9,11).

Später werfen sie Ihm, der die Buße und die Mäßigkeit selber ist, vor, Er sitze mit den Reichen zu Tisch (Vgl. Lk 19,7). Abschätzig nennen sie Ihn fabri filius (Mt 13,55), den Sohn des Handwerkers, des Zimmermanns, als wäre das eine Herabwürdigung. Er läßt zu, daß man Ihn als Trinker und Fresser bezeichnet, daß man Ihm alles und jedes ankreidet - ausgenommen den Vorwurf der Unkeuschheit. Darin hat Er sie zum Schweigen gebracht, denn Er will, daß wir sein Beispiel ungetrübt bewahren: ein herrliches Beispiel der Reinheit, der Sauberkeit, des Lichtes, der Liebe, das die ganze Welt in Brand steckt, um sie zu läutern.

Wenn ich von der heiligen Reinheit spreche, betrachte ich am liebsten das Verhalten unseres Herrn. Er hat in dieser Tugend großes Feingefühl an den Tag gelegt. Achtet auf den Bericht beim heiligen Johannes, als Jesus fatigatus ex itinere, sedebat sic supra fontem (Joh 4,6), als Er sich müde von der Wanderung am Brunnen niederließ.

Sammelt euch und erlebt langsam die Szene mit: Jesus Christus, perfectus Deus, perfectus homo (Glaubensbekenntnis Quicumque), ist erschöpft von der Wanderung und von der apostolischen Arbeit. Auch euch wird es manchmal so ergangen sein: Ihr wart am Ende und konntet nicht mehr. Es ist bewegend, den Meister erschöpft zu sehen. Außerdem ist Er hungrig: Die Jünger sind ins Nachbardorf gegangen, um etwas zum Essen zu holen. Und Er hat Durst.

Aber mehr als die Erschöpfung des Leibes verzehrt Ihn der Durst nach Seelen. Als dann die Samariterin kommt, eine sündige Frau, gibt sich das priesterliche Herz Christi bis zum letzten aus, um das verlorene Schaf liebevoll zurückzugewinnen. Er vergißt Müdigkeit, Hunger und Durst.

Während der Herr dieses große Liebeswerk vollbringt, kommen die Apostel aus der Stadt zurück und sind verblüfft, daß Er allein mit einer Frau spricht: Mirabantur quia cum muliere loquebatur (Joh 4,27). Welche Vorsicht! Welche Liebe zur wunderbaren Tugend der heiligen Reinheit, die uns hilft, stärker, mutiger, wirksamer zu sein, fähiger, um für Gott zu arbeiten, fähiger für alles Große.


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Dies ist der Wille Gottes: eure Heiligung (...) Ein jeder wisse seinen Leib in Heiligkeit und Ehrbarkeit zu besitzen und nicht in leidenschaftlicher Lust wie die Heiden, die Gott nicht kennen (1 Thess 4,3-5). Wir gehören ganz Gott, mit Seele und Leib, mit Fleisch und Blut, mit unseren Sinnen und unseren Vermögen. Bittet Ihn vertrauensvoll: Jesus, bewahre unser Herz! Ein großes, starkes, sanftes, liebevolles, zartfühlendes Herz, das überfließt von Liebe zu Dir, um allen Menschen zu dienen.

Unser Leib ist heilig, Tempel Gottes, sagt der heilige Paulus. Diese Feststellung des Apostels erinnert mich an die allgemeine Berufung zur Heiligkeit, die der Herr den Menschen verkündet: Estote perfecti sicut et pater vester caelestis perfectus est - seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48). Von allen ohne Ausnahme verlangt der Herr, daß sie der Gnade entsprechen; jeden einzelnen fordert Er auf, seiner Situation gemäß die Tugenden eines Kindes Gottes zu leben.

Wenn ich euch jetzt daran erinnere, daß für den Christen die Keuschheit eine unteilbare Lebenswirklichkeit sein muß, wende ich mich damit an alle: an die Ledigen, die zur vollständigen Enthaltsamkeit verpflichtet sind, ebenso wie an die Eheleute, die gemäß ihrem Stande die Keuschheit zu leben haben.

Ein gottbegeisterter Mensch empfindet die Keuschheit nicht als eine beschwerliche und demütigende Last. Sie ist ihm eine freudige Bejahung. Denn das Wollen, die Beherrschung, die Überwindung - sie kommen nicht aus dem Fleisch, nicht aus den Trieben, sie sind Frucht des Willens, besonders wenn dieser Wille mit dem des Herrn vereint ist. Um keusch zu sein - und nicht bloß enthaltsam oder anständig -, müssen wir die Leidenschaften der Vernunft unterwerfen, und zwar aus dem höchsten Beweggrund, aus der Kraft der Liebe heraus.

Ich vergleiche diese Tugend mit Flügeln, die uns befähigen, die Gebote, die Lehre Gottes, überall hinzutragen, ohne Furcht, im Schlamm stecken zu bleiben. Freilich, diese Flügel - auch die jener majestätischen Vögel, die bis hoch in die Wolken aufsteigen - wiegen etwas, sie sind schwer; aber ohne sie würden sie nicht fliegen können. Prägt euch das ein, seid entschlossen, nicht nachzugeben, wenn ihr den Ansturm der Versuchung spürt. Sie beginnt fast immer mit der Vorstellung, die Reinheit sei eine unerträgliche Last. Nur Mut, und aufwärts, der Sonne entgegen, Jäger der Liebe.


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Gott in unserem Leibe tragen

Die Art und Weise, wie manche Menschen - recht viele! - aus der Unreinheit ein immer wiederkehrendes Grundthema machen wollen, habe ich stets als bedrückend empfunden; oft habe ich auch feststellen müssen, daß sie dadurch das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezwecken, denn dieses Insistieren auf einer so klebrigen Angelegenheit ist geeignet, das Gewissen durch Komplexe und Ängste zu verbilden, so als wäre die Reinheit der Seele ein schier unüberwindliches Hindernis. Das ist nicht unsere Art. Wir müssen von der heiligen Reinheit positiv und deutlich sprechen, mit Anstand und Klarheit.

Darüber nachzudenken heißt, ein Gespräch über die Liebe zu führen. Dabei hilft es mir - ich sagte es euch eben schon -, mich an die heiligste Menschheit unseres Herrn zu wenden, mich in die unaussprechliche Heilstat Gottes zu versenken, der sich bis zur Menschwerdung verdemütigt und der es aus seiner geradezu wahnsinnigen Liebe zu uns nicht als entwürdigend verschmäht, unser elendes, hinfälliges Fleisch anzunehmen, die Sünde ausgenommen. Er setzt sich durch seine Erniedrigung nicht herab, uns aber erhebt und vergöttlicht Er an Leib und Seele. Auf den Ruf seiner Liebe mit einem Ja zu antworten, sie mit einer klaren, glühenden, geordneten Liebe zu erwidern - darin besteht die Tugend der Keuschheit.

Der ganzen Welt müssen wir mit unserem Wort und mit dem Zeugnis unseres Tuns zurufen: Vergiften wir doch nicht unser Herz, als seien wir, gleich den armen Tieren, von den niedrigsten Instinkten beherrscht! Ein christlicher Schriftsteller erklärt das so: Bedenkt, daß das menschliche Herz nicht klein ist, denn es umfaßt so vieles. Meßt diese Größe nicht an seiner physischen Ausdehnung, sondern an der Kraft seiner Gedanken, die zur Erkenntnis so vieler Wahrheiten gelangen können. Es ist möglich, dem Herrn im Herzen einen Weg zu bereiten, damit das Wort und die Weisheit Gottes dort eintreten. Bereitet den Weg des Herrn durch ein ehrbares Verhalten, durch makellose Werke, ebnet den Pfad, damit das Wort Gottes in euch ohne zu straucheln wandle und euch die Erkenntnis seiner Geheimnisse und seiner Ankunft schenke (Origines, In Lucam homiliae, 21 (PG 13, 18, 56]).

Die Heilige Schrift belehrt uns, daß dieses großartige Werk der Heiligung, dieses verborgene und herrliche Wirken des Trösters, sich in der Seele und im Leibe vollzieht. Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? ruft der Apostel aus. Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern einer Buhlerin machen? (...) Wißt ihr nicht, daß Euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt? Daß ihr somit nicht mehr euch selbst gehört? Ihr seid um einen teuren Preis erkauft. Darum verherrlicht Gott und tragt Ihn in eurem Leibe! (1 Kor 6,15, 19-20)


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Mögen auch manche spotten, wenn sie von Keuschheit hören. Ihr Gelächter ist nur freudlose, kalte Grimasse, die einen verformten Geist verrät. Die große Masse, so meinen sie, glaube nicht an Keuschheit. Den jungen Leuten, die mich durch die Armenviertel und die Spitäler am Stadtrand von Madrid begleiteten - wie lange ist das her! - pflegte ich zu sagen: Schaut, es gibt ein Reich der Mineralien; dann ein Reich der Pflanzen, das vollkommener ist, weil in ihm die Dinge nicht bloß existieren, sondern auch leben; und darüber hinaus ein Reich der Tiere, in dem die Lebewesen kraft ihrer Sinne ihre Umwelt wahrnehmen und sich in ihr fortbewegen können.

Nun, und wir - so fügte ich vielleicht unwissenschaftlich, dafür aber einprägsam hinzu -, wir müssen das Reich der Menschen, im Vollsinn des Wortes, aufrichten; als vernunftbegabte Geschöpfe besitzen die Menschen die herrliche Gabe des Verstandes, der wie ein Funken der göttlichen Weisheit ist und das eigene Denken ermöglicht; und ebenso besitzen sie die nicht minder herrliche Gabe der Freiheit, die eigene Entscheidungen ermöglicht.

In diesem Reich der Menschen also, erklärte ich ihnen, gestützt auf meine reiche priesterliche Erfahrung, nimmt das Thema der Sexualität für eine normale Person den vierten oder fünften Platz ein. An erster Stelle stehen die Ziele und Bedürfnisse des geistlichen Lebens, je nach Individualität verschieden; gleich danach rangieren viele Realitäten, die einen Durchschnittsmenschen bewegen: Vater, Mutter, das Zuhause, die Kinder; dann der Beruf; und dann erst, an vierter oder fünfter Stelle, kommt der Geschlechtstrieb.

Wenn ich daher Leuten begegnet bin, die aus diesem Fragenkreis das Generalthema ihrer Gespräche und Interessen gemacht hatten, dann mußte ich denken, daß sie nicht normal sind, sondern arm und unglücklich, vielleicht krank. Ich empfände, so schloß ich - und meine jungen Zuhörer lockerten den Ernst der Bemerkung durch ihr Lachen auf - mit solch armen Tröpfen Mitleid wie beim traurig-grotesken Anblick eines Kindes mit einem Kopf von einem Meter Umfang. Es sind arme Geschöpfe, und wir fühlen für sie brüderliches Erbarmen und beten darum, daß sie von ihrer traurigen Krankheit geheilt werden. Auf keinen Fall aber sind sie echtere Männer oder echtere Frauen als die, die nicht von der Sexualität wie besessen sind.


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Die Keuschheit ist möglich

In uns allen stecken Leidenschaften; wir alle begegnen in jedem Alter den gleichen Schwierigkeiten. Deshalb müssen wir kämpfen. Erinnert euch an die Worte des heiligen Paulus: Datus est mihi stimulus carnis meae, angelus satanae, qui me colaphizet (2 Kor 12,7), der Stachel des Fleisches bäumt sich auf; er ist wie ein Satansbote, der den Apostel schlägt, damit er nicht hochmütig werde.

Ein reines Leben ohne die Hilfe Gottes zu führen, ist unmöglich. Gott will, daß wir demütig sind und Ihn um seine Hilfe bitten. Du mußt vertrauensvoll die Mutter Gottes anflehen, hier und jetzt, ohne den Lärm von Worten, in der von Gott erfüllten Einsamkeit deines Herzens: Meine Mutter, sieh mein armes Herz, es begehrt so töricht auf... Wenn du mir nicht hilfst... Und sie wird dir beistehen, es rein zu bewahren und den Weg zu gehen, auf den Gott dich gerufen hat.

Meine Kinder: Demut, Demut. Lernen wir, demütig zu sein. Um die Liebe lebendig zu erhalten, muß man klug und wachsam sein und darf sich nicht von Furcht beherrschen lassen. Viele geistliche Klassiker vergleichen den Teufel mit einem tollwütigen Hund, der an der Kette liegt. Wenn wir uns ihm nicht nähern, kann er uns nicht beißen, mag er auch ständig bellen. Wenn ihr in eurem Herzen demütig bleibt, werdet ihr ganz sicher die Gelegenheiten meiden und den Mut haben zu fliehen; und jeden Tag werdet ihr von neuem die Hilfe des Himmels anrufen, um auf diesem eurem Pfad weiter voranzuschreiten als Menschen, die wirklich lieben.


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Seht, wer von lüsterner Sinnlichkeit angefault ist, kann im geistlichen Leben nicht vorwärts kommen. Unfähig zu jedem guten Werk, ist er wie ein Krüppel, der nicht vom Boden aufstehen kann. Habt ihr nicht schon einmal Kranke mit progressivem Knochenschwund gesehen, die ganz hilflos geworden sind? Manchmal bewegen sie nicht einmal mehr den Kopf. Das gleiche widerfährt im Übernatürlichen denen, die, die Demut verachtend, sich aus Feigheit der Unzucht ergeben haben. Sie sehen nichts, sie hören nichts, sie verstehen nichts. Sie sind gelähmt und wie von Sinnen. Hier muß sich jeder von uns an den Herrn und an die Mutter Gottes wenden mit der Bitte, sie mögen uns die Demut schenken und die nötige Entschlossenheit, fromm zum göttlichen Heilmittel der Beichte Zuflucht zu nehmen. Laßt nicht zu, daß sich in eurem Herzen ein Eiterherd bildet, mag er noch so klein sein. Sprecht euch aus. Fließendes Wasser ist sauber; wenn es aber steht, wird es zur abstoßenden, schlammigen Pfütze und zu einem Tummelplatz für Ungeziefer.

Daß Keuschheit möglich ist und zu einem Quell der Freude wird, wißt ihr genauso gut wie ich; und ebenso ist euch bekannt, daß sie dann und wann ein wenig Kampf verlangt. Hören wir erneut den heiligen Paulus: Dem inneren Menschen nach habe ich zwar Freude am Gesetz Gottes, aber ich nehme in meinen Gliedern ein anderes Gesetz wahr, das im Streite liegt mit dem Gesetze meines Geistes. Es macht mich zum Gefangenen unter dem Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern herrscht. Ich unglückseliger Mensch! Wer erlöst mich von diesem todbringenden Leibe? (Röm 7,22-24) Schrei noch lauter, wenn dir danach zumute ist, aber übertreiben wir auch nicht: Sufficit tibi gratia mea (2 Kor 12,9), meine Gnade genügt dir, antwortet uns der Herr.


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Manchmal ist mir aufgefallen, wie die Augen eines Sportlers leuchten, wenn er vor dem Hindernis steht, das er überwinden muß. Und er schafft es! Seht nur, wie er mit den Schwierigkeiten fertig wird! So schaut Gott, unser Herr, auf uns. Er liebt unseren Kampf: Wir werden immer Sieger bleiben, denn nie entzieht Er uns die Allmacht seiner Gnade. Und da Er uns nicht im Stich läßt, macht es nichts aus, daß wir kämpfen müssen.

Es ist Kampf, aber kein Verzicht. Wir antworten mit einem frohen Ja, mit einer freien und freudigen Hingabe. Dein Verhalten darf sich nicht darauf beschränken, dem Sturz nur auszuweichen, nur die Gelegenheit zu meiden; es darf keinesfalls bloß ein kaltes, berechnendes Nein sein. Hast du dich davon überzeugt, daß die Keuschheit eine Tugend ist und daß sie folglich wachsen und sich vervollkommnen muß? Ich sage es noch einmal: Es genügt nicht, daß wir, unserem Stand gemäß, enthaltsam sind. Wir müssen keusch leben, mit heroischer Haltung. Es geht also um eine positive Einstellung, in der wir bereitwillig der göttlichen Forderung entsprechen: Praebe, fili mi, cor tuum mihi et oculi tui vias meas custodiant (Spr 23,26), schenke mir, mein Sohn, dein Herz, und laß deinen Blick schweifen über die Felder meines Friedens.

Und jetzt frage ich dich: Wie rüstest du dich für diesen Kampf? Du weißt sehr gut, daß er schon gewonnen ist, wenn du ihn nur von Anfang an aufnimmst. Fliehe sofort die Gefahr, wenn du die ersten Funken der Leidenschaft spürst, ja noch früher. Sprich außerdem sofort mit deinem geistlichen Leiter. Besser noch vorher, denn nur wenn ihr das Herz ganz öffnet, werdet ihr keine Niederlage erleiden. Die stete Wiederholung ähnlicher Handlungen läßt eine Gewohnheit entstehen, eine Neigung, der man mit Leichtigkeit folgt. Also ist Kampf nötig, um die Neigung zur Tugend zu erlangen, die Neigung zur Abtötung, um die höchste Liebe nicht von sich zu stoßen.

Bedenkt den Rat, den der heilige Paulus Timotheus gibt: Te ipsum castum custodi (1 Tim 5,22), bewahre dich rein, damit auch wir immer wachsam und entschlossen den Schatz behüten, den Gott uns anvertraut hat. Wie viele Menschen habe ich in meinem Leben klagen hören: Ach, hätte ich doch nur den Anfängen gewehrt! Und sie sagten es bedrückt und voll Scham.


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Hingabe des ganzen Herzens

Ich muß euch immer wieder daran erinnern, daß ihr abseits eurer Pflichten als Christen das Glück nicht finden werdet. Gäbet ihr sie auf, so blieben nur bohrende Gewissensbisse zurück, und ihr wäret beklagenswerte Menschen. Selbst ganz alltägliche Dinge, die ein bißchen Glück bereiten können und die erlaubt sind, können dann bitter werden wie Galle, sauer wie Essig, widerlich wie ein Brechmittel.

Vertrauen wir uns dem Herrn an, ihr wie ich: Herr, ich will kämpfen, und ich weiß, daß Du keine Schlacht verlierst; und wenn ich eine Schlacht verliere, weiß ich, weshalb: weil ich mich von Dir entfernt habe! Führe mich an der Hand, trau mir nicht, halte mich fest!

Ihr werdet denken: Aber Vater, ich bin doch so glücklich. Ich liebe doch Jesus Christus so sehr! Ich will doch, auch wenn ich zerbrechlich wie Ton bin, mit der Hilfe des Herrn und der Gottesmutter heilig werden! Ohne Zweifel, aber ich möchte dich dennoch warnen für den Fall, daß es vielleicht einmal schwieriger wird.

Zugleich auch möchte ich erneut daran erinnern, daß das Leben des Christen - deines und meines - ein Leben aus der Liebe ist. Unser Herz ist für die Liebe geschaffen. Und wenn man ihm einen reinen und edlen Gegenstand für diese Liebe versagt, dann rächt es sich und füllt sich an mit Elend. Die wahre Gottesliebe - und folglich die Reinheit des Lebens - ist gleich weit entfernt von der Sinnlichkeit wie von der Empfindungslosigkeit, von der Sentimentalität wie von der Kälte oder der Herzenshärte.

Es ist traurig, kein Herz zu haben. Bedauernswerte Menschen, die nie gelernt haben, zärtlich zu lieben. Wir Christen sind in die Liebe verliebt. Der Herr will uns nicht trocken und starr wie leblosen Stoff. Er will uns durchtränkt von seiner Liebe! Wer Gott zuliebe auf eine menschliche Liebe verzichtet, ist alles andere als ein trauriger, unglücklicher, flügellahmer Sonderling, der die Großzügigkeit einer reinen Liebe zurückweist.


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Menschliche Liebe und Keuschheit

Ich habe euch oft erzählt - und man darf das ruhig wissen -, daß ich im Umgang mit dem Herrn gerne Volkslieder zu Hilfe genommen habe. Immer wieder besingen sie die Liebe; sie gefallen mir so sehr. Da der Herr mich und einige von euch ganz und gar für sich in Anspruch genommen hat, übertragen wir all das Schöne, das die menschliche Liebe besingt, auf das Göttliche. So lehrt es uns der Heilige Geist im Hohenlied, und die großen Mystiker aller Zeiten haben dasselbe getan.

Hört die Verse der heiligen Theresia von Avila: Begehrst du, daß ich mäßig bliebe, / dann ruhe ich, der Muße froh. / Soll ich hart schaffen, dir zuliebe / bis hin zum Tode schaff ich so. / Nur sag mir: wie? Sag wann und wo? / O süße Liebe, mit Begier / frag ich: Wozu nur taug ich dir? (Theresia von Avila, Gedichte, Einsideln 1959, S. 28) Oder jenes Lied des heiligen Johannes vom Kreuz, das so herrlich einsetzt: Ein junger Hirt verweilt in sich gekehrt, / von Lust entfremdet, von Zufriedenheit; / an seine Hirtin denkt er allezeit, / das Herz von seiner Liebe Wucht beschwert (Johannes vom Kreuz, Gedichte, Einsiedeln 1959, S. 54)

Tiefe Achtung und eine unaussprechliche Ehrfurcht empfinde ich für die menschliche Liebe, wenn sie rein ist. Ist es denn überhaupt vorstellbar, daß man die heilige, edle Zuneigung unserer Eltern nicht schätzen könnte, der wir ein Gutteil unserer Freundschaft mit Gott verdanken? Ich segne diese Liebe mit beiden Händen, und auf die Frage, weshalb ich mit beiden Händen sage, habe ich immer sofort geantwortet: weil ich nicht vier Hände habe.

Gepriesen sei die menschliche Liebe! Doch von mir hat der Herr mehr verlangt. Und - so lehrt die katholische Theologie - sich um des Himmelreiches willen Jesus allein hinzugeben und durch Jesus allen Menschen, steht höher als die eheliche Liebe, obwohl die Ehe ein Sakrament ist, sacramentum magnum (Eph 5,32), ein großes Sakrament.

Auf jeden Fall muß sich aber jeder an seinem Platz bemühen - ob ledig, verheiratet, verwitwet oder Priester -, die Keuschheit feinfühlig zu leben, denn sie ist eine Tugend für alle, und von allen verlangt sie Kampf, Umsicht, Zartgefühl, Stärke und jene Innigkeit, die wir nur dann ahnen, wenn wir uns dem liebenden Herzen des gekreuzigten Christus nähern. Seid ohne Sorge, wenn ihr euch einmal von der Versuchung bedrängt fühlt; denn das Empfinden ist eine Sache und das Einwilligen eine ganz andere. Die Versuchung kann man mit der Gnade Gottes leicht von sich weisen. Was wir aber nicht tun sollen, ist, uns auf einen Dialog mit ihr einlassen.


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Die Mittel, um zu siegen

Überlegen wir einmal, welche Mittel uns Christen bei diesem Kampf um die Keuschheit zur Verfügung stehen. Wir sind Männer und Frauen, gesund, kräftig, normal aber keine Engel. Die Engel verehre ich aus ganzem Herzen, ich fühle mich mit den Heerscharen Gottes innig verbunden, aber sie haben eine andere Natur als wir, und deshalb wäre es nicht richtig, uns mit ihnen zu vergleichen.

In vielen Lebensbereichen hat sich ein Klima der Sinnlichkeit breitgemacht, das - Hand in Hand mit der Orientierungslosigkeit in Glaubensdingen - viele dazu verleitet, jedwede Verirrung zu rechtfertigen oder zumindest freizügige Gewohnheiten jeder Art gleichgültig hinzunehmen.

Wir müssen so rein sein, wie wir nur können, Achtung haben vor unserem Leib, aber keine Angst, denn die Geschlechtlichkeit ist als Teilhabe an der Schöpfermacht Gottes etwas Heiliges und Edles, sie ist da für die Ehe. Auf diese Weise, rein und unverkrampft, werdet ihr durch euer Verhalten Zeugnis dafür ablegen, daß die heilige Reinheit möglich und schön ist.

In erster Linie werden wir danach trachten, unser Gewissen zu schärfen. Wir werden keine Mühe scheuen, uns klare Begriffe anzueignen, damit wir das geschärfte Gewissen - das eine echte Gnade Gottes ist - von einem skrupelhaften Gewissen unterscheiden können.

Wahrt sorgsam die Keuschheit zusammen mit den anderen Tugenden - Scham und Anstand -, die ihr das schützende Geleit geben. Seid nicht leichtfertig in eurem Benehmen, sondern beachtet alle jene äußeren und inneren Verhaltensregeln, die uns so wirksam helfen, unsere Würde vor Gott nicht zu verlieren: die aufmerksame Bewahrung der Sinne und des Herzens; den Mut, feige zu sein, das heißt, der verführerischen Gelegenheit zu entfliehen; den häufigen Empfang der Sakramente, insbesondere der heiligen Beichte; die volle Aufrichtigkeit in der geistlichen Leitung; die Reue, die Zerknirschung, die Sühne für unsere Fehler; und all das durchdrungen von einer herzlichen Andacht zu Unserer Lieben Frau, damit sie uns von Gott das Geschenk eines heiligen und reinen Lebens erlangt.


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Wenn wir unglücklicherweise zu Fall kommen, müssen wir sofort wieder aufstehen. Mit der Gnade Gottes, die uns - wenn wir die genannten Mittel anwenden - nicht fehlen wird, müssen wir sofort die Reue, die demütige Aufrichtigkeit und die Sühne suchen, damit sich die Niederlage eines Augenblicks in einen großen Sieg Jesu Christi verwandelt.

Gewöhnt euch daran, den Kampf schon weit vor den Mauern der Festung aufzunehmen. Gleichgewichtskünste am Rande des Abgrunds sind schlecht. Wir müssen in uns entschlossen bereits den Willen zur bloß möglichen Ursache des Bösen bekämpfen, müssen selbst eine kleine Lieblosigkeit vermeiden; ferner müssen wir den Wunsch nach einem beharrlichen und fruchtbaren christlichen Apostolat haben, das die heilige Reinheit als Fundament braucht und überdies eine ihrer charakteristischen Früchte sein wird. Schließlich ist es notwendig, die Zeit immer gut auszunützen, indem wir intensiv und verantwortungsbewußt arbeiten und dabei die Gegenwart Gottes suchen, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir um einen hohen Preis erkauft und Tempel des Heiligen Geistes sind.

Welche anderen Ratschläge könnte ich euch noch geben? Nun, daß ihr all das tut, was die Christen immer getan haben, die wirklich Christus nachfolgen wollten, angefangen bei jenen ersten, die Jesu unmittelbare Nähe erfuhren: häufiger Umgang mit dem Herrn in der Eucharistie, kindliche Anrufung der allerseligsten Jungfrau, Demut, Mäßigkeit, Abtötung der Sinne - man soll nicht anschauen, was man nicht begehren darf, hat der heilige Gregor der Große gesagt (Gregor der Große, Moralia, 21, 2, 4 (PL 76, 190]) - und die Buße.

Ihr werdet mir sagen, das alles sei wie eine Zusammenfassung des ganzen christlichen Lebens. Tatsächlich kann man die Reinheit - die ja Liebe ist - nicht vom Kern unseres Glaubens trennen: von der Liebe, vom immer wieder neu Sich-in-Gott-Verlieben, in Gott, der uns geschaffen und erlöst hat, der ständig unsere Hand ergreift, auch wenn wir uns dessen vielfach gar nicht bewußt werden. Er kann uns nicht im Stich lassen: Sion sprach: Der Herr hat mich verlassen und mein vergessen. Kann denn ein Weib ihr Kind vergessen, daß sie kein Mitleid träge mit dem Sohne ihres Schoßes? Und wenn sie seiner vergessen könnte, so werde doch ich nie deiner vergessen (Jes 49,14-15). Erfüllen euch diese Worte nicht mit Freude?


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Drei Dinge sind es, so pflege ich zu sagen, die uns die Freude auf Erden schenken und uns zur ewigen Glückseligkeit des Himmels führen: die starke, zartfühlende, freudige und unerschütterliche Treue zum Glauben, zur empfangenen Berufung und zur Reinheit. Nur wer es so will, bleibt ins dornige Gestrüpp des Weges - in Stolz und Sinnlichkeit - verstrickt; und ändert er sich nicht, so wird er unglücklich bleiben, weil er der Liebe Christi den Rücken gekehrt hat.

Laßt mich noch einmal betonen: Wir alle sind voller Erbärmlichkeiten. Aber diese unsere Armseligkeiten dürfen uns nie dazu führen, so zu tun, als wüßten wir nichts von der Liebe Gottes. Im Gegenteil, sie müssen uns Anlaß sein, zu dieser Liebe und Güte unsere ganze Zuflucht zu nehmen, ähnlich wie die alten Ritter, wenn sie in ihre Rüstung stiegen. Jenes Ecce ego, quia vocasti me (1 Sam 3,6; 8) - rechne auf mich, denn Du hast mich berufen - ist unser Schild. Wir dürfen uns nicht von Gott entfernen, weil wir wissen, daß wir zerbrechlich sind wie Ton; vielmehr müssen wir unsere Erbärmlichkeiten bekämpfen, gerade weil Gott auf uns vertraut.


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Wie werden wir diese unsere Armseligkeiten überwinden? Ich sage es noch einmal, denn es ist so sehr wichtig: durch die Demut und durch die Aufrichtigkeit in der geistlichen Leitung und im Sakrament der Buße. Geht zu den Menschen, die eure Seele leiten, und öffnet ihnen das Herz. Verschließt es nicht, denn wenn der "stumme Teufel" eindringt, ist es schwer, ihn wieder loszuwerden.

Verzeiht mir meine Hartnäckigkeit, aber ich halte es für unbedingt notwendig, eurem Geist wie mit Feuer die Erkenntnis einzubrennen, daß die Demut und - als unmittelbare Folge davon - die Aufrichtigkeit alle anderen Mittel nach sich ziehen und die Grundvoraussetzung für den Sieg sind. Wenn der stumme Teufel sich in eine Seele einschleicht, dann verdirbt er alles. Wirft man ihn hingegen sofort hinaus, dann ist alles gewonnen; wir sind glücklich, und unser Leben verläuft in geordneten Bahnen. Seien wir immer geradezu wild aufrichtig, freilich dabei auch klug und taktvoll.

Und um es noch deutlicher zu sagen: Nicht so sehr das Herz und das Fleisch machen mir Sorge, sondern der Hochmut. Deshalb Demut. Wenn ihr im Recht zu sein meint, seid ihr es noch lange nicht. Sucht die geistliche Leitung mit offenem Herzen, schließt es nicht zu, denn sonst, ich wiederhole es, dringt der stumme Teufel ein, und es ist schwer, ihn zu verjagen.

Erinnert ihr euch an den armen Besessenen, den die Jünger nicht zu heilen vermochten? Nur der Herr konnte es - durch Gebet und Fasten. Und damit wirkte der Meister drei Wunder: zuerst, daß der unglückliche Mensch wieder hören konnte, denn unter der Macht des stummen Teufels will die Seele nicht hören; zweitens, daß er zu reden begann; und drittens, daß der Teufel den Ärmsten verließ.


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Packt zuerst das aus, was ihr lieber verbergen möchtet. Weg mit dem stummen Teufel! Sonst geht es euch am Ende so wie bei einer Schneelawine: Aus einer Winzigkeit wird, wenn man sie nur lange genug hin- und herrollt, ein riesiger Ball, in den ihr eingeschlossen seid. Warum denn? Öffnet euer Herz! Wenn ihr aufrichtig seid, werdet ihr, das versichere ich euch, jenes Glück finden, das in der Treue zu eurem Weg als Christen liegt. Klarheit und Einfachheit sind unbedingt notwendig. Wir müssen die Seele weit öffnen, damit die Sonne Gottes und die höchste aller Lieben eindringen können.

Mangelnde Aufrichtigkeit muß nicht immer trübe Ursachen haben. Bisweilen kann es sich um einen Gewissensirrtum handeln. Manche Leute haben ihr Gewissen so geformt - verformt -, daß sie ihr Verschlossensein und ihren Mangel an Einfachheit für richtig halten: Sie glauben, es sei gut zu schweigen. Das gibt es sogar bei Menschen mit entwickelter Bildung, die von Gott und Religion wissen. Vielleicht sind sie gerade deshalb davon überzeugt, es sei besser zu schweigen. Aber sie täuschen sich. Die Aufrichtigkeit ist immer nötig. Da gibt es keine noch so begründet erscheinende Ausreden.

Wir beenden dieses Gespräch, das für uns - für dich und für mich - eine Zeit des Gebetes zu unserem Vater gewesen ist, und wir bitten Ihn um die Gnade, die christliche Tugend der Keuschheit in freudiger Bejahung zu leben.

Wir bitten Ihn auf die Fürsprache der heiligen Maria hin. Sie ist die makellose Reinheit. An sie - tota pulchra! - wenden wir uns, und wir wollen dabei dem Rat folgen, den ich vor vielen Jahren denen gab, die in ihrem täglichen Kampf um die Demut, die Reinheit, die Aufrichtigkeit, die Freude, die Großzügigkeit voller Unruhe waren: Es scheint, als ob alle Sünden deines Lebens wieder aufstehen. Verliere nicht den Mut. Im Gegenteil: Rufe zu deiner Mutter, der heiligen Maria, mit dem Glauben und Vertrauen eines Kindes. Sie wird Ruhe in deine Seele bringen (Consideraciones espirituales, Cuenca 1934, S. 53).


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