Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Freunde Gottes > Zur Einführung > Kap 0
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Gott weiß es besser. Wir Menschen begreifen recht wenig die väterliche, milde Art, wie Er uns zu sich führt. Als ich 1973 die Einführung zu dem Homilienband Christus begegnen schrieb, konnte ich nicht ahnen, daß jener heiligmäßige Priester, der diese Betrachtungen gehalten hatte, so bald in die himmlische Wohnung einziehen würde. Wir alle, Tausende von Männern und Frauen in der ganzen Welt, die wir sämtlich Kinder seines Gebetes, seines Opfers und seiner großzügigen Hingabe an den Willen Gottes sind, übertragen auf ihn mit unendlicher Dankbarkeit jenes ergreifende Lobeswort, das einst der heilige Augustinus von unserem Vater und Herrn, dem heiligen Josef, sprach: Besser erfüllte er die Vaterschaft des Herzens, als jeder andere die des Fleisches (Augustinus, Sermo, 51, 26 (PL 38, 348]). Es war an einem Donnerstag, dem 26. Juni 1975 um die Mittagsstunde, als er von uns ging; er starb in Rom, in der Stadt, die er liebte, weil sie Sitz des Petrus, Mitte der Christenheit und Haupt der allumfassenden Liebe der heiligen Kirche ist. Wir hatten noch den Klang der Glocken im Ohr, die zum Engel des Herrn geläutet hatten - da vernahm schon der Gründer des Opus Dei mit einer Kraft, die nun niemals mehr nachlassen wird, den Ruf: amice, ascende superius (Lk 14,10), Du, mein Freund, rücke höher hinauf, komm, um den Himmel zu besitzen.

Während er an einem gewöhnlichen Tag seiner priesterlichen Arbeit nachging - dabei in einer tiefen Gemeinschaft mit dem, der das Leben ist -, verließ er diese Erde. So ist er nicht tot, denn er ist beim Herrn. Mitten in seiner seelsorgerischen Arbeit erfuhr er jene selige Bestürzung - wie es in der Homilie Auf dem Weg zur Heiligkeit (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 296) heißt -, die Begegnung mit Christus von Angesicht zu Angesicht. Er durfte endlich das herrliche Antlitz schauen, nach welchem er sich so oft mit dem Ruf gesehnt hatte: Vultum tuum, Domine, requiram! (Ps 26,8) - Herr, ich suche Dein Angesicht!

Unmittelbar nachdem er von dieser Erde in die himmlische Heimat abberufen worden war, erreichten mich Zeugnisse von unzähligen Menschen, die sein heiliges Leben gekannt hatten. Es waren und sind Äußerungen, denen man heute schon freien Lauf geben kann; zu seinen Lebzeiten schwiegen viele, weil sie die Demut eines Menschen respektieren wollten, der sich als einen Sünder, welcher Christus bis zur Torheit liebt, ansah. Mir wurde der Trost zuteil, aus dem Munde des Heiligen Vaters selbst warme Worte des Lobes für den Gründer des Opus Dei zu hören. Zeitungen und Zeitschriften in der ganzen Welt haben zahlreiche Nachrufe und Beiträge, voll von Dankbarkeit, veröffentlicht; sie sind nicht nur von Christen geschrieben, sondern sie stammen auch von Menschen, welche sich zwar noch nicht als Christen bekennen, aber durch das Wort und die Schriften von Msgr. Escrivá de Balaguer begonnen haben, Christus zu entdecken.

"Solange ich lebe, werde ich nicht aufhören zu predigen, daß wir mit absoluter Notwendigkeit betende Menschen sein müssen, immer, bei allen Gelegenheiten und in den verschiedensten Umständen, denn Gott verläßt uns niemals“ (Leben aus dem Gebet, 247). Das war seine einzige Aufgabe: Beten und andere zum Gebet ermuntern. Deshalb löste er, mitten in der Welt, eine erstaunliche Mobilisierung von Menschen aus, die - wie er gern sagte - bereit sind, das christliche Leben ernst zu nehmen, und zwar dadurch, daß sie den kindlichen Umgang mit Gott suchen. Viele von uns sind durch ihn, der ganz und gar Priester war, in "das große Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit: daß wir Kinder Gottes sind“ (Umgang mit Gott, 145), eingeweiht worden.

Dieser zweite Band mit Homilien von Msgr. Escrivá de Balaguer enthält einige Betrachtungen, die schon zu seinen Lebzeiten erschienen waren; andere aber gehören zu der großen Menge derer, die er erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht sehen wollte; denn er arbeitete sehr viel, in Gelassenheit, doch unermüdlich. Niemals hatte er sich vorgenommen, ein Autor zu sein, obwohl er zu den Meistern der christlichen Spiritualität gehört. Der Schauplatz, auf dem seine ebenso liebenswerte wie Forderungen stellende Lehre gelebt werden soll, ist die Arbeit, das Zuhause, der Bereich der menschlichen Beziehungen, ja, alle Bereiche überhaupt. Er besaß die Gabe, dem Hörer oder Leser unendlich viel mehr zu geben, als er auf den ersten Anhieb vermutet. Man liest ihn einfach gern. Die präzisen Formulierungen und anschaulichen Bilder erreichen jeden - über alle Unterschiede der Denkweise oder der Bildung hinweg. Er ist bei den Evangelien selbst zur Schule gegangen; daher die Klarheit, die Fähigkeit, an die Tiefen der Seele zu rühren, und die Kunst, niemals veraltet, weil niemals modisch zu sein.

Diese achtzehn Homilien umreißen eine Gesamtschau der natürlichen und christlichen Tugenden, die für jeden, der Christus aus der Nähe folgen will, grundlegend sind. Uns werden weder theoretische Abhandlungen noch wird uns ein Kompendium geistlichen Wohlverhaltens geboten. Die Homilien enthalten gelebte Lehre, in welcher sich die Tiefe des Theologen mit der Klarsichtigkeit verbindet, die der gute Seelenhirt aus dem Evangelium schöpft. Das Wort wird bei Msgr. Escrivá zu einem Gespräch mit Gott, zu einem Gebet, ohne daß es dabei aufhört, herzliche Unterhaltung über die Sorgen und Hoffnungen der Zuhörer zu sein. Deshalb sind diese Betrachtungen eine Katechese, eine Glaubensstunde über die christliche Lehre und das christliche Leben; man spricht zugleich von Gott und mit Gott. Dies mag der Grund für das außerordentlich Ansprechende der Homilien sein: daß man immer die Liebe schlechthin im Blick hat, daß man auf Ihn schaut, beständig und mühelos (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 296).

Gleich zu Beginn begegnet uns ein ständiges Anliegen in der Verkündigung von Msgr. Escrivá: Gott ruft alle Menschen zur Heiligkeit. Er greift die Worte des Apostels auf - dieser ist der Wille Gottes, eure Heiligung (1 Thess 4,3) - und sagt uns: "Heilig müssen wir sein, und zwar - laßt es mich so sagen - vom Scheitel bis zur Sohle: Christen, die man für einen Heiligsprechungsprozeß vorschlagen könnte, wahr und echt; alles andere hieße, daß wir als Jünger des einzigen Meisters gescheitert wären“ (Die Würde des Alltags, 5). Genauer heißt es dann: "Die Heiligkeit, die der Herr von dir will, ist nur zu erlangen durch das Ernstnehmen der Arbeit und der alltäglichen, meistens unscheinbaren Pflichten, aus Liebe zu Gott“ (Ebd., 7).

Worauf stützt sich ein Christ, daß er solch erstaunliche Hoffnungen in sich nähren kann? Was berechtigt ihn dazu? Die Antwort ist wie ein Kehrreim, der im Verlauf dieser Homilien immer wieder anklingt: die demütige Kühnheit "eines Menschen, der sich arm und schwach, aber auch Kind Gottes weiß“ (Demut, 108).

Für Msgr. Escrivá de Balaguer ist es offenkundig, daß die menschliche Existenz von einer entscheidenden Alternative geprägt ist: "Sklaverei oder Gotteskindschaft - das ist die Alternative unseres Lebens. Entweder Kinder Gottes oder Sklaven des Stolzes“ (Das Gottesgeschenk unserer Freiheit, 38). Seitdem der Herr den zu sich nahm, den ich am meisten in dieser Welt liebte, hat mich das heiligmäßige Vorbild jener treuen und heroischen Hingabe, die der Gründer des Opus Dei gelebt hat, diese Alternative noch eindringlicher in meinem Gebet betrachten lassen: Ohne die Demut und die Einfachheit des Kindes vermögen wir keinen einzigen Schritt auf dem Weg unseres Dienstes an Gott zu tun. "Demut bedeutet, daß wir uns so sehen, wie wir sind, ungeschminkt; wahrhaftig. Indem wir unsere Armseligkeit begreifen, öffnen wir uns der Größe Gottes, und das ist es, was unsere eigentliche Größe ausmacht“ (Demut, 96).

Er muß wachsen, ich muß abnehmen (Joh 3,30), lehrte Johannes den Täufer, der Wegbereiter Christi. Und Christus sagt: Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29). Demut ist nicht menschliches Gehemmtsein; die Demut, die in der Verkündigung des Gründers des Opus Dei spürbar wird, ist eine lebendige, tief empfundene Wirklichkeit, "denn sie bedeutet, sein Kleinsein vor Gott anzuerkennen: als Kind, als Sohn“ (Demut, 108). Msgr. Escrivá prägte einen Ausdruck, der wahrscheinlich niemals zuvor verwendet worden ist: vibrierende Demut (Leben aus dem Glauben, 202), denn das Kleinsein des Kindes, das sich unter dem väterlichen Schutz des Allmächtigen weiß, bewirkt im Menschen ein tätiges Vibrieren im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und in allen anderen Tugenden, die der Heilige Geist der Seele einflößt.

Das Leitthema der ersten Homilie ist auch in allen anderen gegenwärtig: das gewöhnliche Leben, der Alltag, das, was immer wiederkehrt. Msgr. Escrivá de Balaguer spricht über alle Tugenden unter ständigen Hinweisen auf das Leben eines Christen, der mitten in der Welt steht, weil dies sein Platz ist, dies der Ort, an den Gott ihn hat hinstellen wollen. An diesem Ort also entfalten sich die natürlichen Tugenden: Klugheit, Wahrhaftigkeit, Gelassenheit, Gerechtigkeit, Großmut, Arbeitsamkeit, Zucht und Maß, Aufrichtigkeit, Starkmut usw. Diese Tugenden sind menschlich-natürlich, aber auch christlich, denn Zucht und Maß werden durch den Geist der Buße und der Abtötung vervollkommnet, und die trockene Pflichterfüllung wird durch den göttlichen Hauch der Liebe erhöht, "die einem verschwenderischen Überfließen der Gerechtigkeit gleicht“ (Vor Gott und den Menschen, 173). Wir machen so von den Dingen zwar Gebrauch, aber wir bleiben von ihnen innerlich losgelöst und bewahren ein reines Herz.

Der Christ muß lernen, mit der Zeit verantwortlich hauszuhalten, denn: Treiben wir die Geschäfte Gottes, so ist die Zeit mehr als Geld: Zeit ist Herrlichkeit (Vgl. Der Weg, 355). Er zeigt so seine Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen, indem er die Arbeit heiligt, sich in der Arbeit heiligt und die anderen durch die Arbeit heiligt. Dies bringt ein gewissenhaftes Ernstnehmen der kleinen Dinge mit sich, das allen unfruchtbaren Träumereien abhold ist und sich im Menschlichen wie im Übernatürlichen im stillen Heroismus eines Menschen entfaltet, der die Wirklichkeit des Alltags mit Christus lebt. "Nirgends steht geschrieben, daß der Christ sich der Welt entfremden müsse. Jesus Christus, unser Herr, hat in Worten und Taten gerade eine Tugend gelobt, die mir besonders am Herzen liegt: die Natürlichkeit, die Einfachheit. (...) Manchmal jedoch gewöhnen sich die Menschen so sehr an das Einfache, Alltägliche, daß sie dann unbewußt das Auffällige, Künstliche bevorzugen. Jeder hat schon irgendwann einmal erlebt, daß die Schönheit einer frischgeschnittenen, duftenden Rose mit den Worten gepriesen wird: wie aus Stoff!“ (Natürliche Tugenden, 89)

Frisch wie soeben erblühte Rosen erreichen uns diese Worte des Gründers des Opus Dei: als die Frucht eines Lebens, das ganz dem Umgang mit Gott und einem weiten Apostolat, vergleichbar einem Meer ohne Ufer, gewidmet war. Ein durchgehendes Charakteristikum dieser Betrachtungen ist die Verschmelzung von Einfachheit und leidenschaftlicher, überfließender Liebe, die uns, "im Herzen tief erschüttert“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 294); "habt es eilig damit, zu lieben“ (Auf den Spuren Christi, 140), denn "ein Menschenleben reicht nicht, um den Radius deiner Liebe ganz auszuschreiten“ (Der Wert der Zeit, 43).

Dies führt uns zu einem weiteren Generalthema in seinen Homilien. Es ist "das Geflecht der drei göttlichen Tugenden, die die Unterlage bilden, auf der das wahre Leben eines christlichen Mannes und einer christlichen Frau gewoben wird“ (Die Hoffnung des Christen, 205). Immer wieder wird darauf Bezug genommen: "aus dem Glauben zu leben; beharrlich zu sein in der Hoffnung; uns ganz nah an Christus zu halten, Ihn wirklich und wahrhaftig und ganz zu lieben“ (Die Würde des Alltags, 22); "die Gewißheit, mich als Sohn Gottes fühlen zu dürfen, erfüllt mich (...) mit wirklicher Hoffnung“ (Die Hoffnung des Christen, 208); "dann ist die Zeit gekommen, mitten in deinem Alltag dich im Glauben zu bewähren, die Hoffnung neu zu stärken und die Liebe wieder zu beleben“ (Arbeit Gottes, 71).

Den drei Homilien über den Glauben, die Hoffnung und die Liebe folgt eine, die dem Gebet gewidmet ist. Doch die Notwendigkeit eines Lebens des Umgangs mit Gott ist schon von der ersten Seite an ständig gegenwärtig. "Das Gebet muß nach und nach in der Seele Wurzeln schlagen“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 295), in einer natürlichen, einfachen, vertrauensvollen Art, denn "die Kinder Gottes bedürfen keiner pedantisch ausgeklügelten Methode, um sich an ihren Vater zu wenden“ (Leben aus dem Gebet, 255). Das Gebet ist der Faden, der die das Leben tragende Unterlage der drei göttlichen Tugenden durchzieht. Alles wird zu einer Einheit: im Leben erklingt das Echo des Göttlichen, denn "die Vereinigung mit unserem Herrn sondert uns nicht von der Welt ab, sie macht uns nicht zu weltfremden Wesen, die dem Lauf der Dinge entrückt sind“ (Ebd., 251).

Inmitten der treffenden, präzisen Kommentare zu Stellen der Heiligen Schrift und der häufigen Erwähnung von Texten aus dem Schatz der christlichen Überlieferung brechen immer wieder wie ein reißender Strom Ausrufe der Liebe durch: "Wie groß ist die Liebe, wie groß die Barmherzigkeit unseres Vaters! Wenn ich auf solche Werke der Liebe Gottes gegenüber seinen Kindern blicke, auf Wohltaten, die geradezu von einem göttlichen Verrücktsein vor Liebe künden, dann möchte ich tausend Herzen und tausend Münder haben, um Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist ohne Ende zu preisen“ (Das Gottesgeschenk unserer Freiheit, 33).

Woher eine so starke Liebe? Einmal - Gott gab sie ihm; dann aber auch: Er war fähig, mit seinem freien Willen auf sie zu antworten und sie Tausenden und Abertausenden von Menschen weiterzugeben. Er liebte und er wollte diese Liebe, um der Gnade zu entsprechen, die Gott ihm in die Seele gesenkt hatte. Die Freiheit zu lieben - sie verkündete er mit Leidenschaft: "In Freiheit, ohne Zwang, entscheide ich mich für Gott: weil ich es so will, und ich entscheide mich dafür, zu dienen und mein Dasein in Hingabe an die anderen zu verwandeln - aus Liebe zu meinem Herrn, zu Jesus Christus. Dann darf ich kraft dieser Freiheit behaupten, daß nichts auf dieser Erde mich trennen wird von der Liebe Christi“ (Ebd., 35).

Der Weg zur Heiligkeit, den uns Msgr. Escrivá weist, ist durch und durch ein Weg der tiefsten Achtung für die Freiheit. Der Gründer des Opus Dei kostet die Worte des heiligen Augustinus aus, der einmal schrieb: Gott dachte, daß, seine Diener besser sein würden, wenn sie ihm in Freiheit dienten (Augustinus, De vera religione, 14, 27, (PL 34, 134]). Dieser Weg führt zum Himmel, und zugleich ist er der gewiesene Pfad für die, die inmitten der Gesellschaft, im Berufsleben und in Bereichen tätig sind, die manchmal dem Gesetz Christi gleichgültig oder sogar feindselig gegenüberstehen. Der Gründer des Opus Dei spricht nicht für Menschen, die sich in eine Art Treibhaus wohlbehütet zurückgezogen haben, sondern zu Menschen, die auf freier Wildbahn, in den verschiedensten Lebenssituationen, ihren Kampf bestehen müssen. Dort fällt die freie Entscheidung, Gott zu dienen und Ihn über alles zu lieben. Freiheit ist unerläßlich, und erst in Freiheit wird die Liebe stark und schlägt Wurzeln: "Vergeßt nicht, daß niemand schon von Geburt an heilig ist: der Heilige wird, er wird im ständigen Zusammenspiel von göttlicher Gnade und menschlichem Mitwirken“ (Die Würde des Alltags, 7).

Der Umgang mit dem Herrn wird von zwei Kraftfeldern bestimmt: von der Liebe und von der Freiheit. Sie vereinen sich, sobald die Freiheit sich für die Liebe zu Gott entschieden hat. Dieser Sturzbach der Gnade und der freien Entsprechung vermag es, alle Hindernisse fortzuschwemmen: den psychologischen Terror (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 298), der gegen die entfesselt wird, die Gott treu bleiben wollen; die persönlichen Erbärmlichkeiten, die niemals verschwinden, aber zu Gelegenheiten werden, uns die Liebe in der Freiheit der Reue neu zu stärken; und die Schwierigkeiten des Milieus, die es mit einer Saat des Friedens und der Freude (Demut, 105) zu überwinden gilt.

In manchen Anmerkungen zu dem großartigen göttlichen und menschlichen Zusammenspiel von Freiheit und Liebe schimmert etwas von dem Leiden durch, das das Leben von Msgr. Escrivá de Balaguer ständig begleitet hat:

Leiden aus Liebe, weil die Menschen so schwerfällig auf die göttliche Barmherzigkeit reagieren. Wer ihn sah, vermochte kaum etwas von diesem Leiden wahrzunehmen, denn nur wenige Menschen sind mit soviel Freude, soviel guter Laune und soviel stets erneuerter Jugendlichkeit des Geistes durch die Welt gegangen wie er. Schwermut kannte er nicht, es sei denn als die Sehnsucht nach der Liebe Gottes. Aber er hat viel gelitten. Zahlreiche seiner Kinder, die ihn nahe gekannt haben, sagten mir später: Wie war es möglich, daß unser Vater soviel litt? Denn wir haben ihn nur froh, nur wach für die kleinsten Aufmerksamkeiten und immer ganz an uns hingegeben gesehen.

Einige der hier vorliegenden Homilien geben auf diese Fragen eine indirekte Antwort: "Vergeßt eines nicht: bei Jesus sein heißt auch, mit Sicherheit seinem Kreuz begegnen. Wenn wir uns in die Hand Gottes geben, läßt Er es häufig zu, daß wir den Schmerz spüren, Einsamkeit, Widerwärtigkeiten, Verleumdungen, üble Nachrede, Spott, von innen und von außen; denn Er möchte uns nach seinem Bild und Gleichnis gestalten, und so erlaubt Er auch, daß man uns für verrückt hält und Narren nennt“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 301).

Weil er so sehr dazu fähig war, das Kreuz des Herrn leidenschaftlich zu umarmen, konnte Msgr. Escrivá von sich sagen: "Ich bin in meinem Leben zu einem besonders tiefen Bewußtsein der Gotteskindschaft geführt worden. Ich habe das Glück erfahren, mich im Herzen meines Vaters bergen zu dürfen, um von da aus - auf dem Fundament seiner Liebe und meiner Demütigung - manches zu begradigen, mich zu läutern, dem Herrn zu dienen, alle Menschen zu verstehen und zu entschuldigen“ (Umgang mit Gott, 143). Immer ist er den Eingebungen des Heiligen Geistes gefolgt, voller Fügsamkeit, damit sich in seinem Leben und Verhalten das liebenswerte Antlitz Christi widerspiegele. Er schenkte den Worten des Herrn uneingeschränkten Glauben. Oft wurde er von Menschen angefeindet, die anscheinend nicht vertragen können, daß jemand aus dem Glauben, in Hoffnung und mit Liebe leben kann. "Manch einer wird mich für naiv halten. Mir macht es nichts aus, so eingeschätzt zu werden, weil ich noch an die Liebe glaube... Und ich versichere euch, daß ich nie und nimmer aufhören werde, an sie zu glauben! Solange der Herr mir noch zu leben gibt, werde ich als Priester Jesu Christi im Bemühen fortfahren, Eintracht und Frieden unter denen auszubreiten, die Brüder sind, weil sie alle Gott zum Vater haben; im Bemühen darum, daß die Menschen sich besser verstehen und daß alle am selben Ideal teilhaben: am Glauben“ (Vor Gott und den Menschen, 174).

Die Grundgestimmtheit der Liebe und der Freiheit und das Bewußtsein, daß wir uns im göttlichen Bereich des Glaubens und der Hoffnung zu bewegen haben, setzen sich um in Apostolat. Die Homilie Damit alle gerettet werden ist ganz diesem Thema gewidmet: "Jesus steht am Ufer des Sees Genezareth, während das Volk Ihn umdrängte, um das Wort Gottes zu hören (Lk 5,1). So wie heute, seht ihr es nicht? Die Menschen wollen die Botschaft Gottes hören, auch wenn sie es nach außen nicht zeigen. Bei einigen ist die Lehre Christi vielleicht in Vergessenheit geraten, anderen, die ohne eigene Schuld mit dieser Lehre niemals vertraut gemacht wurden, erscheint die Religion als etwas Fremdes. Aber seid von einer Tatsache überzeugt, die ständig aktuell bleibt: Es kommt immer der Augenblick, in dem die Seele nicht mehr weiterkann, sich mit den üblichen Erklärungen nicht mehr zufrieden gibt und in den Lügen der falschen Propheten keine Befriedigung mehr findet. Dann hungern diese Menschen danach, ihre innere Unruhe mit der Lehre des Herrn zu stillen, auch wenn sie es nicht zugeben“ (Damit alle gerettet werden, 260).

Der apostolische Nerv, dieser ungestüme Wille, die drängende Liebe Gottes zu den Menschen weiterzugeben, durchzieht jede Seite dieses Bandes. Es geht darum, "den Seelen den wahren Frieden zu bringen“ und "die Welt umzugestalten“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 294). Der Blick von Msgr. Escrivá de Balaguer ist ständig dem Meister zugewandt, der uns Menschen von der ewigen Seligkeit zu sprechen dadurch lehrte, daß Er auf Erden seine göttlichen Spuren hinterließ. Ich möchte es nicht unterlassen, den ganzen Abschnitt aus der Homilie Auf dem Weg zur Heiligkeit zu zitieren, in welchem der Gründer des Opus Dei eine Begebenheit aus dem Evangelium erläutert, die ihm besonders liebgeworden war: das apostolische Gespräch zwischen Jesus und den beiden Jüngern von Emmaus, die vielleicht schon alle Hoffnung verloren hatten.

"Es war ein gewöhnlicher Weg, wie der Weg so vieler anderer Wanderer dorthin. Da gesellt sich, ganz natürlich, Jesus zu ihnen. Das Gespräch mit Ihm verscheucht die Müdigkeit. Ich stelle mir die Szene vor. Der Tag neigt sich bereits, eine leichte Brise weht. Ringsum Felder. Der Weizen ist schon fast reif, die alten Ölbäume schimmern silbrig im schwächer werdenden Licht“ (Ebd., 313).

Christus begegnen, wenn Er vorübergeht. Die zwei Jünger merken, daß der Herr weiterziehen will, und so sagen sie Ihm: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt (Lk 24,29). "So sind wir, immer wenig kühn, vielleicht aus Unaufrichtigkeit, vielleicht aus Scham. Im Grunde denken wir: Bleibe bei uns, denn unsere Seele ist von Finsternis umhüllt, und nur Du bist das Licht, nur Du kannst die Sehnsucht in uns stillen, die uns verzehrt“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 314).

Diese Sehnsucht nach Gott, die wir alle in uns tragen, bietet einem Christen jeden Tag Gelegenheiten zum Apostolat. Wir Menschen rufen nach Ihm, wir suchen Ihn, auch wenn manchmal das Gewissen schwankt oder der Blick an die Erde geheftet ist: "Jesus bleibt. Wie dem Kleophas und seinem Begleiter gehen uns die Augen auf, da Christus das Brot bricht. Mag Er auch unseren Blicken wieder entschwinden, fortan werden wir fähig sein, uns von neuem auf den Weg zu machen, während die Nacht hereinbricht, um zu den anderen über Ihn zu sprechen, denn soviel Freude kann ein Herz allein nicht fassen“ (Ebd., 314).

Meine Gedanken kehren zum 26. Juni 1975 zurück, zu jenem Tag, den ich mir ständig gegenwärtig halte und den ich nie vergessen werde. Msgr. Escrivá wurde an diesem Tag geboren, geboren für immer der göttlichen Liebe, weil sein Herz ein nie endendes Emmaus, die nie mehr endende Nähe Christi brauchte. In der Betrachtung Auf dem Weg zur Heiligkeit hatte er geschrieben: "Es entsteht in uns ein Durst nach Gott und das Verlangen, seine Tränen zu begreifen, sein Lächeln und sein Antlitz zu sehen. (...) Die Seele schreitet fort, in Gott geborgen, vergöttlicht: Der Christ ist zu einem dürstenden Wanderer geworden, der seinen Mund über die Wasserquellen beugt“ (Ebd., 310). Und weiter heißt es: "Ich pflege gern von einem Weg zu sprechen, denn wir sind ja unterwegs zu den himmlischen Wohnungen, zu unserer Heimat“ (Ebd., 313).

Dort weilt er jetzt in der Gegenwart der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der heiligen Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter, und des heiligen Josefs, den er so innig liebte. Viele von uns, überall in der Welt, vertrauen ihm ihre Gebete an, denn wir sind davon überzeugt, daß Gott gern den erhört, der bestrebt war, ein guter und getreuer Knecht (Mt 25,21) zu sein, und der es während seines ganzen irdischen Lebens gewesen ist.

Die bisher veröffentlichten Schriften des Gründers des Opus Dei - besonders Der Weg, Der Rosenkranz, Christus begegnen, Gespräche - haben eine Auflage von über fünf Millionen erreicht und sind in mehr als dreißig Sprachen übersetzt worden. Wie all diese Werke, will auch der hier vorgelegte zweite Band seiner Homilien nur eins: dazu beitragen, daß mehr Menschen Gott näherkommen. Die Kirche erlebt schwierige Zeiten. Der Heilige Vater mahnt unermüdlich zum Gebet, zur übernatürlichen Sicht, zur Treue gegenüber dem heiligen Glaubensgut, zum brüderlichen Verstehen, zum Frieden. Wir dürfen in einer solchen Situation nicht mutlos werden; es ist an der Zeit, die Tugenden, die die Gestalt eines Christen und Gotteskindes bestimmen und verdeutlichen, auch in heroischer Form zu leben. "Unser Kopf soll den Himmel berühren, aber beide Füße müssen fest auf der Erde stehen“ (Natürliche Tugenden, 75), während wir durch die irdische Stadt gehen.

Das Leben eines Christen, der sich dazu entschließt, im Einklang mit der Erhabenheit seiner Berufung zu leben, erscheint wie ein Echo auf die Worte unseres Herrn: Nicht mehr Knechte nenne ich euch; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Freunde habe ich euch genannt; denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater gehört habe (Joh 15,15). Ungeahnte Perspektiven öffnen sich, wenn wir bereit sind, dem göttlichen Willen fügsam zu folgen. Msgr. Escrivá de Balaguer genießt es förmlich, das herrliche Paradoxon hervorzuheben: es gebe "keine bessere Wahl, als sich aus Liebe in die göttliche Knechtschaft zu geben. In demselben Augenblick, da wir das tun, ändert sich unsere Stellung, und wir werden aus Sklaven zu Freunden und Kindern“ (Das Gottesgeschenk unserer Freiheit, 35).

Kinder Gottes, Freunde Gottes: das ist die Wahrheit, die Msgr. Escrivá de Balaguer allen, die ihn kannten, wie mit Feuer hat einprägen wollen. Seine Verkündigung ist darauf gerichtet, die Seelen zu einem ständigen Umgang mit Gott anzuhalten, denn "es ist nicht christlich, sich als allerletzte Zuflucht auf die Freundschaft mit Gott zu besinnen“ (Leben aus dem Gebet, 247). Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, unser Bruder, unser Freund; wenn wir die Vertrautheit mit Ihm suchen, "werden wir das Glück der Gottesfreundschaft kosten“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 300); wenn wir nach Kräften bemüht sind, Ihn auf seinem Weg von Bethlehem bis nach Golgotha zu begleiten, und dabei seine Freude und sein Leid mit Ihm teilen, dann werden wir seines freundschaftlichen Umgangs gewürdigt: calicem Domini biberunt - heißt es im Stundengebet der Kirche - et amici Dei facti sunt (Antwortvers der zweiten Lesung im Officium der Kirchweihe der Basiliken von St. Peter und St. Paul), sie tranken aus dem Kelch des Herrn und wurden zu seinen Freunden.

Für die, die Gott lieben, gehören das Bewußtsein der Kindschaft und der freundschaftliche Umgang mit Ihm untrennbar zusammen. Als Kinder eilen wir zum Herrn und führen mit Ihm ein vertrautes Gespräch, das unser ganzes Leben erfüllen soll; und auch als Freunde eilen wir zu Ihm, denn "wir Christen sind in die Liebe verliebt“ (Denn sie werden Gott schauen, 183). Das Bewußtsein der Gotteskindschaft drängt dann dazu, den Überfluß des inneren Lebens in Werke des Apostolates auszuströmen, und gleichzeitig führt die Freundschaft mit Gott dazu, daß wir uns die uns anvertrauten Gaben "in den Dienst aller stellen: es sind Gaben Gottes, die zu dem Werkzeug werden müssen, mit dem wir vielen helfen, Christus zu entdecken“ (Damit alle gerettet werden, 258).

Alle, die den Alltag, das Zeitliche, den Lauf der Geschichte von der Liebe Gottes wie durch eine Kluft getrennt sehen, irren sich. Der Herr ist ewig; die Welt ist sein Werk; und uns hat Er in sie hineingestellt, damit wir auf unserem irdischen Weg Gutes tun und dann die endgültige Heimat erreichen. Im Leben eines Christen ist alles wichtig, denn alles kann zum Anlaß für eine Begegnung mit dem Herrn werden und dadurch einen bleibenden Wert erhalten. "Die Menschen lügen, wenn sie in irdischen Dingen für immer sagen. Nur im Angesicht Gottes ist das für immer Wahrheit, wesenhafte Wahrheit. Und so mußt du leben, mit einem Glauben, der dich bei dem Gedanken an die Ewigkeit, die ja wirklich für immer ist, schon hier einen seligen Vorgeschmack des Himmels erfahren läßt“ (Leben aus dem Glauben, 200).

Msgr. Escrivá de Balaguer erfährt jetzt all dies nicht mehr als Vorgeschmack, sondern unmittelbar. Er ist in die Ewigkeit eingetreten. Deshalb gewinnen seine Worte - auch die, die ich hier in diesen Homilien vorlege -, Worte, die immer voller Kraft waren, noch mehr Gewalt, die Herzen zu durchdringen und mitzureißen. Ich schließe mit einigen Sätzen von ihm, die uns helfen können, eine weitere leidenschaftliche Liebe des Gründers des Opus Dei uns zu eigen zu machen: "Liebt die Kirche und dient ihr in Freude als Menschen, die sich aus Liebe zu diesem Dienst entschlossen haben. Wenn wir auf Menschen ohne Hoffnung, wie die beiden Emmaus-Jünger, treffen, dann wollen wir - nicht im eigenen, sondern in Christi Namen voller Glauben auf sie zugehen und ihnen sagen, daß die Verheißung Jesu nicht fehlgehen kann, daß Er immer über seine Braut wacht und sie niemals verläßt. Die Finsternis wird schwinden, denn wir sind Kinder des Lichtes (vgl. Eph 5,8) und zum ewigen Leben berufen“ (Auf dem Weg zur Heiligkeit, 316).

Alvaro del Portillo


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