Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Die Spur des Sämanns > Wahrhaftigkeit > Kap 18
567

Vor einem Kruzifix betend faßtest du den Entschluß: Lieber will ich um der Wahrheit willen leiden, als daß die Wahrheit durch meine Schuld leidet.


568

Oft ist die Wahrheit ganz und gar gegen alle Vorstellungen von ihr... Vor allem deshalb, weil sie immer eine konsequente Art zu leben verlangt.


569

Wenn es dir unangenehm ist, die Wahrheit zu hören - warum fragst du dann?

Vielleicht möchtest du, daß man dir mit "deiner" Wahrheit antwortet, um so deine Irrwege zu rechtfertigen?


570

Du versicherst, wie sehr du die Wahrheit respektierst - ist das etwa der Grund, weshalb du immer so "respektvollen" Abstand von ihr hältst?


571

Verhalte dich nicht wie ein Schwächling! Es ist doch kein Fanatismus, die Wahrheit, die man genau kennen, lieben und verteidigen sollte, auch tatsächlich jeden Tag tiefer erkennen, mehr lieben und sicherer verteidigen zu wollen.

Dagegen - das sage ich ganz offen - kennzeichnet es gerade die Sektierer, daß sie sich dieser logischen Forderung unter Berufung auf eine falsche Freiheit widersetzen.


572

Es ist leicht, von vornherein "Nein" zu sagen und eine Glaubenswahrheit zu bestreiten oder zu bezweifeln. Das war zur Zeit Jesu Christi schon so. Du, der du dich als Katholik bekennst, mußt vom "Ja" ausgehen.

Danach wirst du sie studieren und in der Lage sein, die Gewißheit hinsichtlich dieses "Ja" zu begründen. Denn es gibt zwischen Wahrheit und Wissenschaft, zwischen Wahrheit und Leben keinen Widerspruch - es kann ihn auch gar nicht geben.


573

Gib deine Tätigkeit nicht auf, gehe von deinem Weg nicht ab, auch wenn du dazu gezwungen bist, mit Menschen voller Vorurteile zu verkehren, die so tun, als ob ihre Art, zu leben und zu denken, das einzig mögliche Richtmaß für alle Motive, Überlegungen und Begriffsbestimmungen abgäbe.

Bemühe dich darum, daß sie dich verstehen, aber setze deinen Weg fort, wenn dir das nicht gelingt.


574

Sicherlich werden dir manchmal Menschen begegnen, die du wegen ihrer Sturheit schwerlich überzeugen kannst. Jedoch lohnt es sich immer - sieht man einmal von solchen Fällen ab - Unstimmigkeiten zu klären und sie mit aller nur erforderlichen Geduld auszuräumen.


575

Manche Leute hören nur die Worte oder wollen nur die Worte hören, die sie selbst im Kopf haben.


576

Für viele Menschen besteht das Verständnis, das sie von den anderen erwarten, in deren Übertritt zur eigenen "Partei"...


577

Ich vermag nicht an deine Wahrhaftigkeit zu glauben, wenn du kein Unbehagen - kein unangenehmes Gefühl - schon bei der kleinsten, an sich harmlosen Lüge verspürst. Sie beleidigt Gott und ist deshalb weder klein noch harmlos.


578

Warum von vornherein diese Unterstellung des Üblen, wenn du dies oder das siehst, hörst, liest oder besprichst? Warum dieser Hang, "Böses" darin aufzuspüren, das eigentlich nicht in der Absicht der anderen, sondern nur in deiner eigenen Seele liegt?


579

Wer etwas mit unlauterer Gesinnung liest, wird kaum die lautere Gesinnung des Schreibers wahrnehmen können.


580

Der Sektierer sieht in allem, was andere unternehmen, nur Sektierertum. Er mißt die Mitmenschen mit dem dürftigen Maß seines Herzens.


581

Jener Staatsmann tat mir leid. Er ahnte wohl, daß es einige ungelöste Fragen gab - wie könnte es im Leben je anders sein -, aber er wich zurück und wurde ärgerlich, als man sie ihm beim Namen nannte. Er wollte sie lieber ignorieren, lieber alles im Dämmerlicht oder Halbdunkel belassen und so Ruhe haben.

Ich riet ihm, die Probleme klar und ohne Beschönigung anzugehen, denn nur so könnten sie verschwinden. Und ich versicherte ihm, danach werde er wirklich in Frieden leben.

Versuche nicht, eigene oder fremde Probleme dadurch zu lösen, daß du sie ignorierst: das wäre Bequemlichkeit und Faulheit. Dem Teufel würden so Tür und Tor geöffnet.


582

Hast du deine Pflicht erfüllt?... Und in lauterer Absicht?... Ja? - Dann mach dir weiter keine Sorgen wegen mancher absonderlicher Menschen, die das Böse entdecken - das allerdings nur in ihrer eigenen Sehweise existiert.


583

In inquisitorischer Manier fragten sie dich, ob du deine Entscheidung, die in ihren Augen wertfrei war, für gut oder schlecht hieltest.

Du antwortetest mit ruhigem Gewissen: "Ich kann nur soviel sagen, daß meine Absicht lauter ist, und - außerdem: Ich allein weiß, was mich mein Entschluß gekostet hat..." Dann fügtest du noch hinzu: Da Gott der Grund und das Ziel meines Lebens ist, gibt es für mich nichts "Wertfreies".


584

Du hast ihm deine Ideale erklärt und deine Lebensweise erläutert: die sichere, feste Lebensweise eines katholischen Christen. Er schien überzeugt zu sein und deinen Weg verstanden zu haben. - Aber dann kamen dir doch Zweifel: Vielleicht war inzwischen dieses Verständnis von seinen recht fragwürdigen Lebensgewohnheiten erstickt worden...

Suche ihn von neuem auf und mache ihm klar, daß das Ja zur Wahrheit nur dann echt ist und Wirkung zeitigt, wenn man auch entsprechend leben will und sich darum bemüht.


585

Was fällt diesen Leuten eigentlich ein, fragst du mich, daß sie mit uns "Experimente machen" möchten? Und warum ihr Mißtrauen gegen uns?

Hör zu, antworte ihnen in meinem Auftrag, sie sollten ihrer eigenen Misere mißtrauen... Und dann geh ruhig deines Weges.


586

Sie tun dir leid. Bar allen Anstands werfen sie die Steine - und verstecken sofort die Hände auf dem Rücken.

Höre, was der Heilige Geist über sie sagt: "Alle Ränkeschmiede sollen verwirrt und beschämt werden, Schande wird jäh über sie kommen". Dieses Wort wird unerbittlich in Erfüllung gehen.


587

Du bist irritiert, weil es Leute gibt, die den guten Ruf jenes apostolischen Unternehmens angreifen und es bekritteln? Das mag schon sein... Um so mehr sage du, wie es sich damit in Wahrheit verhält. Zumindest gibt es dann einen Kritiker weniger.


588

Auch aus dem herrlichsten, ertragreichsten Weizenfeld lassen sich unschwer Disteln, Mohn und Unkraut in Mengen einsammeln.

Über die persönliche Geschichte eines rechtschaffenen, gewissenhaften Menschen kann man ebenso Seite um Seite voll dunkler Schilderungen schreiben... Bedenke nur, wieviel gegen unseren Herrn Jesus Christus gesagt und geschrieben worden ist.

Ich rate dir, auf deinem Weizenfeld die satten, goldgelben Ähren zu sammeln: die wirkliche Wahrheit.


589

Du versicherst mir, du möchtest ein zuverlässig gebildetes Gewissen haben. Vergiß dann nicht, daß jeder, der einer Verleumdung nicht entgegentritt, zu einem Sammler von Unrat wird.


590

Du sprichst von "Aufgeschlossenheit" und meinst damit deine Neigung, leichthin jede beliebige, gegen jenen Mitmenschen gerichtete Behauptung anzunehmen, ohne ihn zu hören. Dies ist keine Gerechtigkeit... und noch viel weniger Nächstenliebe.


591

Manchmal schadet die Verleumdung denen, die sie erleiden... Aber in Wahrheit entehrt sie diejenigen, die sie in die Welt setzen und verbreiten... Und die tragen dann diesen Makel tief in ihrer Seele.


592

Warum, fragst du dich betroffen, gibt es so viele gehässige Schwätzer? Nun, die einen sind unwissend, andere verbohrt, wieder andere böswillig - die meisten aber geben einfach das Aufgeschnappte weiter aus Trägheit, aus Leichtfertigkeit oder aus Unwissenheit!

Deshalb möchte ich dir von neuem einschärfen: Wo du nicht loben kannst und wo du nicht reden mußt, da schweige!


593

Erträgt das Opfer die Verleumdung schweigend, dann lassen die Verleumder ihre "tapfere Feigheit" an ihm aus.

Mißtraue den allzu kategorischen Behauptungen, wenn die, die sie aufstellen, das Gespräch mit dem Betroffenen nicht gesucht oder sogar gemieden haben.


594

Es gibt viele Methoden, eine "Umfrage" zu veranstalten. Man braucht dazu nur eine Prise Böswilligkeit und ein offenes Ohr für üble Nachrede, und schon kann man ein Dutzend Foliobände gegen jeden unbescholtenen Menschen, jede bewährte Institution zusammentragen. - Und gerade dann, wenn dieser Mensch oder diese Institution erfolgreich arbeiten! - Und noch viel mehr, wenn die Erfolge auf dem Feld des Apostolates liegen.

Es ist schon traurig genug, daß manche Leute derartige "Umfragen" organisieren, aber noch trauriger ist die Haltung derer, die sich dafür hergeben, die Rolle von "Lautsprechern" für die schäbigen und haltlosen Behauptungen zu übernehmen.


595

Schmerzlich berührt sagte jemand: Manche Menschen haben nichts vom Charakter Jesu Christi an sich, sondern sie tragen nur eine Maske von Ihm. Deshalb gehen ihnen die christlichen Maßstäbe ab: sie verfehlen die Wahrheit und bringen keine Frucht.

Wir, die wir uns als Kinder Gottes zu verhalten versuchen, sollten nicht vergessen, daß der Meister gesagt hat: "Wer euch hört, der hört mich..." - Seien wir also darum bemüht, Christus gegenwärtig zu machen, niemals aber eine Karikatur von Ihm.


596

In diesem Fall, wie in vielen anderen Fällen, regen sich die Menschen, und jeder meint, er sei im Recht - und Gott lenkt sie. Mit anderen Worten: Jenseits aller speziellen und partiellen Motive des einzelnen wird am Ende die unerforschliche, liebenswerte Vorsehung Gottes triumphieren.

Laß dich also vom Herrn "lenken", und widersetze dich nicht seinen Plänen, auch wenn sie deinen eigenen Vorstellungen von vermeintlicher "Wichtigkeit" zuwiderlaufen.


597

Es berührt einen unangenehm zu sehen, wie manche - an echter Wissensbereicherung wenig interessiert - die von den Wissenschaften zusammengetragenen Erkenntnisse zurückweisen, dafür aber mit mehr oder weniger willkürlichen Methoden eine "Wissenschaft" nach ihrem eigenen Geschmack zu kreieren versuchen.

Diese Beobachtung wird deine Entschlossenheit erst recht bekräftigen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.


598

Bequemer, als selbst zu forschen, ist es, gegen diejenigen, die die Wissenschaft und die Technik mit neuen Erkenntnissen bereichern, zu polemisieren. - Wir sollten keinesfalls zulassen, daß inkompetente, kleingeistige "Möchte-gern-Kritiker" sich zu Tyrannen über Denken und Fühlen der normalen Nicht-Fachleute aufwerfen.


599

"So klar ist das nicht, so klar ist das nicht..." - Gegenüber der entschlossenen Geradlinigkeit seiner Gesprächspartner war das alles, was ihm einfiel. Dafür wurde diesen eines klar: daß er nichts verstanden hatte.


600

Es widerstrebt dir, jemanden zu verletzen, Gegensätze aufzudecken oder Mangel an Toleranz zu zeigen... Und so gibst du immer wieder rasch nach: bezüglich deiner Haltung oder deines Standpunktes... Es handle sich um unwichtige Sachen, versicherst du mir. Dennoch hat das für viele verheerende Folgen.

Verzeih mir, wenn ich dir aufrichtig sage: Mit einer solchen Einstellung praktizierst du eine besonders törichte und schädliche Form eben jener Ignoranz, die dir so zuwider ist: du verhinderst nämlich, daß die Wahrheit Stimme gewinnt.


601

Gott behandelt in seiner unendlichen und vollkommenen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit seine ungleichen Kinder mit der gleichen Liebe, aber auf ungleiche Art.

Denn Gleichheit bedeutet nicht, alle mit derselben Elle zu messen.


602

Du sagst die Wahrheit - zur Hälfte, so daß viele Interpretationen möglich sind. Das ist eine Form der Lüge.


603

Auf dem Feld der Wissenschaft und hinsichtlich des Rufes ist der Zweifel eine Pflanze, die sich leicht säen, aber nur schwer jäten läßt.


604

Du erinnerst mich an Pilatus: "Quod scripsi, scripsi!" - was ich geschrieben habe, ist endgültig -, nachdem er ein schreckliches Verbrechen zugelassen hat.

Du bist "unerschütterlich"! Aber du hättest es vorher sein müssen... nicht danach!


605

In den eigenen Entscheidungen konsequent zu bleiben, ist eine Tugend. Aber wenn im Laufe der Zeit sich die Umstände verändern, verpflichtet eben diese Tugend auch dazu, die Sicht und die Lösung der Probleme zu überprüfen und eventuell zu korrigieren.


606

Verwechsle nicht unbeugsames Festhalten mit borniertem Starrsinn.

"Man kann mich brechen, aber nicht beugen!" verkündest du mit fröhlicher Überheblichkeit.

Hör gut zu: Ein zerbrochenes Werkzeug ist unbrauchbar. An seine Stelle treten andere Instrumente. Unter dem Anschein der Toleranz werden sie ihre giftige Intoleranz verbreiten.


607

"Sancta Maria, Sedes Sapientiae" - Heilige Maria, Sitz der Weisheit. - Rufe oft unsere Mutter mit diesem Stoßgebet an, auf daß sie ihre Kinder - beim Studium, bei der Arbeit, im Umgang mit dem Nächsten - mit der Wahrheit erfülle, die Christus uns gebracht hat.


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