Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Die Spur des Sämanns > Persönlichkeit > Kap 13
416

Der Herr braucht starke, tapfere Seelen, die nicht mit dürftigem Mittelmaß paktieren; Menschen, die mit einer klaren und festen Ausrichtung zu jedem Milieu Zugang finden.


417

Heiterer und ausgeglichener Charakter, unbeugsamer Wille, tiefer Glaube und glühende Frömmigkeit: das sind die unverzichtbaren Kennzeichen eines Kindes Gottes.


418

Der Herr kann aus Steinen Abraham Kinder erwecken... Allerdings ist es an uns, Ihm nicht nur Bruchstein darzubieten... Ein harter, wenn auch noch formloser Felsbrocken läßt sich eher zu einem prachtvollen Quader behauen.


419

Ein apostolischer Mensch darf nicht in der Mittelmäßigkeit steckenbleiben. Gott hat ihn ja dazu berufen, daß er in seinem Dasein die echte Humanität verwirklicht und so die ewige Neuheit der göttlichen Botschaft verkündigt. Um das zu können, muß er eine "große" Seele haben, reich an Geduld und heroisch hingegeben!


420

Jeden Tag, so sagtest du mir, mache ich in meinem Innern eine neue Entdeckung... Und meine Antwort: Du fängst nun an, dich selbst zu erkennen.

Wer wirklich liebt, der findet tausend liebenswerte Aufmerksamkeiten und in ihnen tausend Gründe, um noch tausendmal mehr zu lieben...


421

Es wäre ein Jammer, wenn man aus der Art, wie sich Katholiken im gesellschaftlichen Leben verhalten, schlösse, daß sie eingeschüchtert und sozusagen minderbemittelt seien.

Wir dürfen nie vergessen, daß unser Meister "perfectus Homo", vollkommener Mensch war, nein: ist!


422

Wenn der Herr dir gute Anlagen oder ein besonderes Talent geschenkt hat, dann nicht bloß, damit du sie genießt oder mit ihnen angibst, sondern damit du sie in dienender Liebe zum Nächsten entfaltest.

Und wo kannst du eine bessere Gelegenheit finden, um zu dienen, als in deiner gegenwärtigen Lage, da du mit so vielen Menschen zusammenlebst, die deine Ideale teilen?


423

Unter dem gewaltigen Druck einer materialistischen Welt ohne Glauben, die den brutalen Gesetzen der "Lustmaximierung" gehorcht - kann man da überhaupt noch die Freiheit verlangen und rechtfertigen, anders zu denken und anders zu handeln als sie?

Ein Kind Gottes hat es nicht nötig, diese Freiheit eigens zu erbitten, denn Christus hat sie uns ein für allemal erworben. Freilich muß sie in jeder Lebenssituation verteidigt und offen praktiziert werden. Nur dann werden die anderen begreifen, daß kein noch so krankes und verderbtes Milieu unsere Freiheit abwürgen kann.


424

Deine Verwandten, deine Kollegen, deine Freunde - alle nehmen immer deutlicher deine Veränderung wahr. Sie merken, daß es sich bei dir nicht um eine vorübergehende Entwicklungsphase handelt. Du bist nicht mehr derselbe wie früher.

Laß dich nicht irritieren! Weiter auf deinem Wege! Das Wort des Apostels wird in dir Wirklichkeit: "Vivit vero in me Christus" - Christus ist es, der in dir lebt.


425

Menschen, die nein sagen können, verdienen zunächst einmal Achtung. Doch darüber hinaus bitte sie, ihr Nein zu begründen. Entweder lernst du dabei, oder du vermagst etwas richtigzustellen.


426

Früher warst du ein Schwarzseher, unentschlossen und lustlos. Jetzt bist du wie verwandelt: wagemutig, optimistisch und selbstsicher... Denn endlich hast du dich dazu durchgerungen, in Gott allein Halt zu suchen.


427

Wie traurig ist die Lage eines Menschen, der hervorragende natürliche Tugenden besitzt, nicht aber das leiseste Gespür für das Übernatürliche. Wie leicht wird es dazu kommen, daß er jene Tugenden ausschließlich seinen persönlichen Zwecken nutzbar macht. - Denke einmal darüber nach!


428

Du möchtest dir eine wirklich katholische, eine "universale" Geisteshaltung aneignen. Ich schreibe dir hier einige ihrer Merkmale auf:

Weiter Horizont! Die unwandelbare, lebendige Wahrheit des katholischen Glaubens in ihrer Tiefe zu ergründen versuchen;

das gesunde und solide - nicht oberflächliche! - Streben danach, die fundamentalen Lehren der Tradition zu erneuern, etwa in der Philosophie und Geschichtsinterpretation;

ein waches Gespür für die zeitgenössischen Denkströmungen und wissenschaftlichen Tendenzen;

schließlich eine positive und offene Haltung gegenüber den zeitbedingten Strukturwandlungen in der Gesellschaft und auch gegenüber den veränderten und sich weiterhin verändernden Lebensformen.


429

Du mußt lernen, von den gängigen Auffassungen deiner Umgebung, wann und wo immer es erforderlich ist, abzuweichen, ohne dabei die Liebe zu verletzen und ohne unsympathisch zu wirken.


430

Mit der Gnade Gottes und einer gründlichen Bildung kannst du dich den Ungebildeten verständlich machen... Aber sie werden dir kaum folgen, wenn dir die "Sprachengabe" abgeht, das heißt, wenn du nicht imstande bist oder zumindest dich darum bemühst, ihre Denkweise zu treffen...


431

Das Gebot der Höflichkeit gilt immer und gegenüber allen. Besonders aber gegenüber denen, die als deine Gegner auftreten. Du darfst niemandem feindlich gesonnen sein, weil er in einem Irrtum befangen ist, aus dem du ja versuchen sollst, ihn zu befreien.


432

Das verzogene Kind tat dir richtig leid, nicht wahr? - Also verwöhne dich selbst nicht so sehr! Siehst du nicht, daß du Gefahr läufst, ein Weichling zu werden?

Außerdem: Weißt du nicht, daß die wildwachsenden Blumen in der freien Natur, die Hitze und Unwettern ausgesetzt sind, am würzigsten duften?


433

Er wird es sehr weit bringen, so hört man, und an seine zukünftige Verantwortung zu denken kann einen erbleichen lassen... Niemand kennt von ihm irgendeine uneigennützige Arbeit, irgendeinen klugen Satz, eine gehaltvolle Schrift... Eine totale "Niete"...

Dabei erweckt er stets den Eindruck, er sei in tiefes Sinnen versunken, aber jedermann weiß, daß er noch nie ernstlich und gründlich nachgedacht hat. Miene und Allüren verleihen ihm den ernsthaften Ausdruck eines Maultieres, und daher steht er im Ruf eines "klugen Menschen", der es sehr weit bringen wird. Aber ich frage mich: Was wird er anderen beibringen können, wie und womit wird er ihnen dienen, wenn wir ihm nicht helfen, sich zu ändern?


434

Der besserwisserische Bildungsprotz hält die Einfachheit und Demut des wirklich Gebildeten für Ignoranz.


435

Ahme nicht das Beispiel derer nach, die, kaum daß sie eine Weisung erhalten haben, schon überlegen, wie sie sie abändern können. Man möchte meinen, sie haben zuviel "Persönlichkeit"! Sie stiften nur Zwietracht und Durcheinander.


436

Deine Erfahrung und Gewandtheit, die Gewohnheit, zwischen den Zeilen zu lesen, ein routinierter Scharfblick und das professionelle Kritisieren - all das hat dich im Gesellschaftlichen und im Geschäftsleben weit, vielleicht zu weit gebracht, so daß du etwas zynisch geworden bist. Nun hat dieser übersteigerte "Realismus", dem es an Gespür für die geistlich-übernatürliche Dimension des Lebens fehlt, dein inneres Leben erfaßt. - Weil du die Einfachheit verloren hast, bist du manchmal kalt und herzlos.


437

Im Grunde bist du ein lieber Kerl, aber du hältst dich für einen Machiavelli. - Mach dir einmal klar, daß man als guter und rechtschaffener Mensch in den Himmel kommt und nicht als unangenehmer Intrigant.


438

Deine gute Laune - wunderbar. Aber alles und jedes als einen Spaß aufzufassen - gib es zu -, das ist einfach zuviel des Guten...

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Weil dir die Willenskraft fehlt, um deine Angelegenheiten ernst zu nehmen, suchst du dich selbst zu rechtfertigen, indem du dich über die anderen lustig machst, die besser sind als du.


439

Ich bestreite nicht, daß du begabt bist. Aber deine unbeherrschte Aufgeregtheit bringt dich dazu, wie ein Dummkopf zu handeln.


440

Diese Unausgeglichenheit deines Charakters! Mit der Tastatur stimmt etwas nicht: Die hohen und die tiefen Töne kommen gut heraus, aber nicht die mittleren... Und das eben sind die des gewöhnlichen Alltags! Die hören die anderen am meisten.


441

Lerne aus folgendem: Bei einem denkwürdigen Anlaß machte ich einen ausgezeichneten Mann - gelehrt und mutig war er! - darauf aufmerksam, daß er seine einflußreiche, hohe gesellschaftliche Stellung aufs Spiel setze, wenn er weiterhin jene heilige Sache in Schutz nähme, die so viele "gute Katholiken" bekämpften. - Gemessen und ernst, in einem Ton, der die Verachtung irdischer Ehren zum Ausdruck brachte, antwortete er mir: "Meine Seele setze ich aufs Spiel"!


442

Diamanten erhalten ihren Schliff durch Diamanten - und die Seelen durch andere Seelen.


443

"Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt".

Du und ich und wir alle sollen die Gewißheit haben, daß nichts die Persönlichkeit so sehr vervollkommnet, als das Ja zur Gnade zu sprechen.

Gib dir Mühe, dem Vorbild Marias zu folgen, und du wirst ein Mann - eine Frau - aus einem Guß werden.


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