Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Christus begegnen > Christliche Berufung > Textabschnitt 5
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Die Begierde des Fleisches ist nicht allein das ungeordnete Streben der Sinne im allgemeinen; auch nicht das sexuelle Begehren, das geordnet sein soll und in sich nicht böse, sondern vielmehr etwas echt Menschliches ist, das geheiligt werden kann. Gerade deshalb rede ich nie von Unreinheit, sondern von Reinheit, denn an alle richten sich die Worte des Herrn: Selig, die reinen Herzens sind! Sie werden Gott anschauen (Mt 5,8). Aufgrund göttlicher Berufung sollen die einen diese Reinheit in der Ehe leben, die anderen im Verzicht auf diese menschliche Liebe, um ausschließlich und leidenschaftlich der Liebe Gottes zu entsprechen. Weder diese noch jene aber werden Knechte der Sinnlichkeit sein, sondern Herren ihres Leibes und ihres Herzens, um sie mit Opfergeist anderen schenken zu können.

Wenn ich von der Tugend der Reinheit spreche, so sage ich: die heilige Reinheit. Denn die christliche Reinheit ist heilig. Sie hat nichts mit der hochmütigen Haltung gemeinsam, sich als rein, als unbefleckt zu betrachten. Vielmehr besteht sie in dem Wissen darum, daß unsere Füße aus Lehm sind (Dtn 2,33), auch wenn die Gnade Gottes uns Tag für Tag von den Nachstellungen des Feindes befreit. Ich halte es für eine Entstellung des Christentums, wenn einige fast ausschließlich über diese Dinge schreiben und predigen und dabei andere Tugenden vernachlässigen, die von entscheidender Bedeutung für den Christen sind sowie allgemein für das Zusammenleben der Menschen.

Die heilige Reinheit ist weder die einzige noch die wichtigste Tugend für den Christen. Aber sie ist unentbehrlich bei unserem täglichen Bemühen um die Heiligkeit; wenn sie nicht gelebt wird, dann ist apostolischer Einsatz unmöglich. Die Reinheit ist eine Folge der Liebe, in der wir dem Herrn Seele und Leib, Geist und Sinne geschenkt haben. Sie ist nicht Verneinung, sondern freudige Bejahung.

Ich sagte, daß die Begierde des Fleisches nicht auf eine ungeordnete Sinnlichkeit beschränkt bleibt; ihre Folgen sind auch Bequemlichkeit, mangelnder Schwung, die Neigung, das Leichtere, das Angenehmere, den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen, auch wenn es um den Preis eines Nachlassens in der Treue zu Gott geschieht.

Ein solches Verhalten würde bedeuten, sich der Herrschaft jenes anderen Gesetzes, des Gesetzes der Sünde, bedingungslos zu unterwerfen, vor dem uns der heilige Paulus warnt: Und so finde ich das Gesetz vor: Wenn ich das Gute tun will, stoße ich auf ein Gesetz, nach dem mir das Böse näher liegt. Dem inneren Menschen nach habe ich zwar Freude am Gesetze Gottes. Aber ich nehme in meinen Gliedern ein anderes Gesetz wahr, das im Streit liegt mit dem Gesetze meines Geistes und mich dem Gesetz der Sünde unterwirft... Infelix ego homo! Ich unglückseliger Mensch! Wer erlöst mich von diesem todgeweihten Leibe? (Röm 7,21-24) Hört, was der Apostel antwortet: Die Gnade Gottes, durch Jesus Christus unseren Herrn (Röm 7,25). Wir können und müssen gegen die Begierde des Fleisches kämpfen, denn die Gnade des Herrn fehlt nie, wenn wir demütig sind.

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