Josemaría Escrivá Obras
 
 
 
 
 
 
  Christus begegnen > Fronleichnam > Kap 15
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Homilie, gehalten am 28. Mai 1964, Fronleichnam

Heute, am Fronleichnamsfest, betrachten wir gemeinsam die Tiefe der Liebe, die Christus dazu führte, unter den sakramentalen Gestalten verborgen zu bleiben; es ist, als würden wir mit unseren eigenen Ohren hören, wie der Herr die Volksmenge lehrt: Ein Sämann ging aus zu säen. Beim Säen fiel einiges auf den Weg, und die Vögel kamen und pickten es auf. Anderes fiel auf steinigen Grund, wo es nicht viel Erde hatte. Es schoß schnell auf, weil es nicht tief in der Erde lag. Als aber die Sonne heraufstieg, wurde es versengt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Wieder anderes fiel unter die Dornen. Die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Anderes fiel auf gutes Erdreich und brachte hundertfältige, sechzigfältige, dreißigfältige Frucht (Mt 13,3-8).

Heute ist es nicht anders. Auch heute wirft der göttliche Sämann den Samen aus. Das Werk der Erlösung setzt sich fort, und der Herr will sich dabei unser bedienen: Er will, daß wir Christen alle Wege der Erde seiner Liebe erschließen; Er fordert uns auf, die göttliche Botschaft durch Lehre und Beispiel bis in die letzten Winkel der Erde zu tragen. Er bittet uns, daß wir, als Glieder der Kirche und des Staates, unseren Aufgaben treu nachkommen, daß jeder von uns ein zweiter Christus wird durch die Heiligung seiner beruflichen Arbeit und der Pflichten des eigenen Standes.

Wenn wir um uns schauen in dieser Welt, die wir lieben, weil sie ein Werk Gottes ist, stellen wir fest, wie sich das Gleichnis erfüllt: Das Wort Jesu Christi ist fruchtbar, es ruft in vielen Seelen den Wunsch nach Hingabe und Treue wach. Das Leben und Verhalten derer, die Gott dienen, hat die Geschichte verändert. Selbst viele, die den Herrn nicht kennen, richten sich - ohne es vielleicht zu wissen - nach Idealen, die dem Christentum entstammen.

Wir sehen aber auch, daß ein Teil des Samens auf unfruchtbares Erdreich oder unter Dornen und Disteln fällt, daß es Herzen gibt, die sich dem Licht des Glaubens verschließen. Die Ideale des Friedens, der Versöhnung, der Brüderlichkeit werden wohl akzeptiert und verkündet, aber nicht selten durch die Tat verleugnet. Einige Menschen setzen vergeblich alles daran, die Stimme Gottes zum Schweigen zu bringen, und sie versuchen, ihre Resonanz gewaltsam oder durch eine Waffe, die weniger vernehmbar, aber grausamer ist, weil sie den Geist einschläfert, zu unterbinden: durch die Gleichgültigkeit.


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Das Brot des ewigen Lebens

Während wir dies bedenken, möchte ich, daß wir uns unserer Sendung als Christen bewußt werden, daß wir die Augen auf die heilige Eucharistie richten, auf Jesus, der unter uns anwesend ist und uns zu seinen Gliedern gemacht hat: Vos estis corpus Christi et membra de membro (1 Kor 12,27), ihr seid der Leib Christi und als seine Glieder auch Glieder untereinander. Gott, unser Herr, hat beschlossen, im Tabernakel zu bleiben, um uns zu nähren, um uns zu stärken, um uns zu vergöttlichen, um unserer Arbeit und unserem Mühen Wirksamkeit zu verleihen. Jesus ist gleichzeitig der Sämann, der Samen und die Frucht der Saat: das Brot des ewigen Lebens.

Dieses fortwährend sich erneuernde Wunder der Eucharistie zeigt alle Merkmale des HandeIns Jesu. Als vollkommener Gott und vollkommener Mensch, Herr des Himmels und der Erde, bietet Er sich uns als Nahrung auf ganz natürliche und alltägliche Weise an. So wartet Er seit fast zweitausend Jahren auf unsere Liebe. Das ist eine lange Zeit, und auch wiederum nicht, denn, wo die Liebe ist, vergehen die Tage wie im Fluge.

Mir kommt ein schönes galicisches Gedicht aus den Cantigas Alfons des Weisen ins Gedächtnis. Es ist die Legende von einem Mönch, der in seiner Einfalt die Mutter Gottes bat, den Himmel schauen zu dürfen, und sei es auch nur für einen Augenblick. Die Mutter Gottes gewährte ihm diesen Wunsch, und der gute Mönch wurde ins Paradies versetzt. Als er zurückkehrte, kannte er keinen der Bewohner des Klosters mehr: Sein Gebet, das ihm so kurz vorgekommen war, hatte drei Jahrhunderte gedauert. Drei Jahrhunderte sind nichts für ein Herz, das wirklich liebt. So erkläre ich mir die zweitausend Jahre des Wartens Christi in der Eucharistie. Es ist das Warten Gottes, der die Menschen liebt, der uns sucht, der uns annimmt, wie wir sind: begrenzt, egoistisch, wankelmütig und doch fähig, seine unermeßliche Liebe zu entdecken und uns Ihm ganz hinzugeben.

Aus Liebe und um uns die Liebe zu lehren, kam Jesus auf die Erde und blieb unter uns in der Eucharistie. Da Er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, so liebte Er sie bis ans Ende (Joh 13,1); mit diesen Worten beginnt der heilige Johannes den Bericht über das Geschehen am Vorabend von Ostern, als der Herr, wie der heilige Paulus schreibt, das Brot nahm, dankte, es brach und sprach: "Nehmet hin und esset: das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Andenken." Ebenso nahm Er nach dem Mahle den Kelch und sprach: "Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute. Tut dies, so oft ihr ihn trinket, zu meinem Andenken" (1 Kor 11,23-25).


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Ein neues Leben

Es ist der einfache und feierliche Augenblick der Einsetzung des Neuen Bundes. Jesus setzt das alte Gesetz außer Kraft und offenbart uns, daß Er selbst der Inhalt unseres Gebetes und unseres Lebens ist.

Seht die Freude, die heute die Liturgie durchdringt: Lob erschalle laut und freudig (Sequenz Lauda Sion). Es ist der christliche Jubel, der das Anbrechen einer neuen Zeit besingt: Das Pascha des Alten Bundes ist beendet, das neue beginnt, das Neue ersetzt das Alte, die Wahrheit vertreibt die Schatten, das Licht die Nacht (Ebd.).

Es ist ein Wunder der Liebe. Wahrhaft ist´s der Kinder Brot (Ebd.): Jesus, der Erstgeborene des Ewigen Vaters, bietet sich uns als Nahrung an. Und derselbe Jesus Christus, der uns hier stärkt, wartet auf uns, seine Mahlgenossen, Miterben und Vertrauten (Ebd.) im Himmel, denn jene, die Christus als Nahrung empfangen, werden wohl den irdischen, zeitlichen Tod erfahren, aber sie werden in Ewigkeit leben, da Christus das unvergängliche Leben ist (Augustinus, In Ioannis Evangelium Tractatus, 26,20 [PL 35, 1616]).

Für den Christen, der sich mit dem endgültigen Manna der Eucharistie stärkt, beginnt das ewige Glück schon jetzt. Das Alte ist vergangen: Legen wir alles Vergängliche beiseite; alles soll für uns neu werden: die Herzen, die Worte und die Werke (Hymnus Sacris solemnis).

Das ist die frohe Botschaft, die gute Nachricht. Sie ist wirklich Nachricht, denn sie ist neu, sie spricht zu uns von der Tiefe einer Liebe, die wir vorher nicht einmal ahnen konnten. Sie ist gut, denn nichts ist besser, als uns innigst mit Gott, dem allerhöchsten Gut, zu vereinigen. Das ist die frohe Botschaft, die gute Nachricht, weil sie schon jetzt auf unsagbare Weise die Ewigkeit vorwegnimmt.


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Jesus im Wort und im Brot begegnen

Jesus verbirgt sich im allerheiligsten Sakrament des Altares, damit wir es wagen, seinen Umgang zu suchen; Er will unsere Nahrung sein, damit wir mit Ihm eins werden. Durch sein Wort: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,5) wird der Christ weder zur Unwirksamkeit verurteilt noch dazu, Ihn nur mit Mühe aufspüren zu können; denn Er ist in einer totalen Verfügbarkeit unter uns geblieben.

Wenn wir uns vor dem Altar versammeln, während das heilige Meßopfer gefeiert wird, wenn wir die heilige Hostie betrachten, die in der Monstranz ausgesetzt ist, oder wenn wir sie im Tabernakel verborgen anbeten, dann sollen wir unseren Glauben neu beleben, an diese neue Existenz denken, die auf uns zukommt, und uns von der Liebe und Zuneigung Gottes bewegen lassen.

Sie verharrten in der Lehre der Apostel, in der brüderlichen Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet (Apg 2,42). So beschreibt uns die Heilige Schrift das Leben der ersten Christen: vereint durch den Glauben der Apostel in vollkommener Einheit durch die Teilnahme an der heiligen Eucharistie und einmütig im Gebet. Glauben, Brot, Wort.

Jesus in der Eucharistie ist ein sicheres Unterpfand für seine Gegenwart in unseren Seelen. Unterpfand seiner Macht, die die Welt erhält, Unterpfand seiner Heilsverheißungen, die helfen werden, daß die Menschheitsfamilie am Ende der Zeiten für immer in der Wohnung des Himmels mit Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist lebt: mit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, dem einen Gott. Wenn wir an Jesus glauben, wenn wir an die Realpräsenz unter den Gestalten von Brot und Wein glauben, wird unser ganzer Glaube wirksam.


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Ich begreife nicht, wie man christlich leben kann, ohne das dauernde Verlangen nach einer Freundschaft mit Jesus im Wort und im Brot, im Gebet und in der Eucharistie zu verspüren. Und ich verstehe es sehr gut, daß im Laufe der Jahrhunderte die eucharistische Frömmigkeit der Gläubigen von Generation zu Generation konkretere Form angenommen hat: manchmal in öffentlichen Äußerungen und gemeinschaftlichem Bekennen des Glaubens, manchmal in stiller, unauffälliger Weise im heiligen Frieden des Gotteshauses oder im Innern des Herzens.

Allem zuvor müssen wir die heilige Messe lieben, die das Zentrum unseres Tages sein soll. Wenn wir die heilige Messe wirklich mitfeiern, wie sollten wir dann nicht den Rest des Tages in Gedanken beim Herrn verharren, mit dem Wunsch, seine Gegenwart nicht zu verlieren; zu arbeiten, wie Er arbeitete; zu lieben, wie Er liebte? Wir lernen dann, dem Herrn für die liebevolle Aufmerksamkeit zu danken, daß Er seine Gegenwart nicht auf den Augenblick des heiligen Opfers begrenzen wollte, sondern in der heiligen Hostie zugegen bleibt, die im Tabernakel aufbewahrt wird.

Für mich ist der Tabernakel immer Bethanien gewesen: dieser ruhige und einladende Ort, wo Christus weilt und wo wir mit Ihm, einfach und ungezwungen wie seine Freunde von damals, Martha, Maria und Lazarus, alles besprechen können: unsere Sorgen und Schmerzen, unsere Erwartungen und Freuden. Wenn ich durch die Straßen einer Stadt oder eines Dorfes gehe, freue ich mich immer, eine Kirche - sei es auch nur von weitem - zu entdecken: Da ist ein neuer Tabernakel, wieder eine Gelegenheit für die Seele, auszubrechen und im Geiste vor dem allerheiligsten Sakrament zu verweilen.


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Wirksamkeit der Eucharistie

Als der Herr beim Letzten Abendmahl die heilige Eucharistie einsetzte, war es Nacht: Das deutete darauf hin, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, daß die Zeit sich erfüllt hatte (Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 82,1 [PG 58, 700]). Es wurde Nacht in der Welt, weil die alten Riten, ehrwürdige Zeichen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes gegenüber den Menschen, vor ihrer Erfüllung standen und in die wahre Morgendämmerung einmündeten: in das neue Pascha. Die Eucharistie wurde in der Nacht eingesetzt, sie bereitete den Morgen der Auferstehung vor.

Auch in unserem Leben müssen wir diese Morgendämmerung vorbereiten. Alles Vergängliche, alles Schädliche, alles Untaugliche - Mutlosigkeit, Mißtrauen, Traurigkeit, Feigheit - müssen wir von uns werfen. Die heilige Eucharistie erfüllt die Kinder Gottes mit neuem Leben aus Gott, und wir müssen darauf in novitate sensus (Röm 12,2), mit einer Erneuerung unseres ganzen Empfindens und unseres ganzen Tuns antworten. Uns ist eine neue Quelle der Kraft gegeben, eine starke Wurzel, die in Christus eingesenkt ist. Wir können nicht mehr zum alten Sauerteig zurückkehren, denn wir besitzen für heute und für immer das Brot.


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In vielen Gegenden der Welt begleiten heute die Christen den Herrn in Prozessionen; Christus geht, in der Hostie verborgen, durch die Straßen und Gassen - wie in seinem Erdenleben - und begegnet allen: denen, die Ihn sehen wollen, und denen, die Ihn nicht suchen. Jesus ist wieder einmal unter den Seinen. Wie stellen wir uns zu diesem Ruf des Meisters?

Die äußeren Zeichen der Liebe müssen im Herzen ihren Ursprung haben und sich dann im Zeugnis eines christlichen Verhaltens fortsetzen. Wenn wir erneuert worden sind durch den Empfang des Leibes des Herrn, muß es in unseren Werken spürbar werden. Unsere Gedanken sollen aufrichtig sein: Gedanken des Friedens, der Hingabe und des Dienens. Unsere Worte sollen wahr, klar und angemessen sein; Worte, die zu trösten und zu helfen vermögen, und vor allem Worte, die den anderen das Licht Gottes bringen können. Unsere Handlungen sollen echt, wirksam und überlegt sein: Handlungen, die den bonus odor Christi (2 Kor 2,15), den Wohlgeruch Christi an sich tragen, weil sie an die Lebensweise Christi erinnern.

Die Fronleichnamsprozession macht Christus in den Dörfern und Städten der Welt gegenwärtig. Aber diese Gegenwart, ich wiederhole es, darf nicht nur Sache eines Tages sein, ein Ereignis, das man sieht und dann vergißt. Christus, der vorübergeht, prägt uns ein, daß wir Ihn auch in unserer täglichen Arbeit finden müssen. So muß der feierliche Gang dieses Donnerstags aufgehen in dem stillen und schlichten Gang eines jeden Christen durch sein alltägliches Leben: als Mensch unter Menschen, aber mit der Freude des empfangenen Glaubens und gemäß der göttlichen Sendung so zu leben, daß die Botschaft des Herrn auf Erden erneuert wird. Es fehlt nicht an Fehlern, Armseligkeiten und Sünden in unserem Leben. Aber Gott ist mit uns, und wir müssen uns Ihm bereitwillig zur Verfügung stellen, dann wird sein Vorübergang an den Geschöpfen nie mehr enden.

Bitten wir also den Herrn, Er möge aus uns Menschen mit einer tiefen eucharistischen Frömmigkeit machen, daß sich unser persönlicher Umgang mit Ihm in der Freude, Heiterkeit und im Streben nach Gerechtigkeit zeige. Und so werden wir vielen Menschen helfen, Christus zu erkennen, und dazu beitragen, Ihn allen menschlichen Tätigkeiten voranzustellen. Seine Verheißung wird sich erfüllen: Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alles an mich ziehen (Joh 12,32).


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Das Brot und die Ernte: Kommunion mit allen Menschen

Jesus ist, sagte ich euch zu Beginn, der Sämann. Und durch die Christen setzt Er seine göttliche Aussaat fort. Christus drückt den Weizen in seinen wunden Händen, Er durchtränkt ihn mit seinem Blut, reinigt ihn und wirft ihn auf den Acker, der die Welt ist. Er streut die Körner einzeln aus, damit jeder Christ dort, wo er lebt, Zeugnis von der Fruchtbarkeit des Todes und der Auferstehung des Herrn gibt.

In den Händen Christi müssen wir uns von seinem Blut durchtränken lassen und bereit sein, in den Wind geworfen zu werden: Wir müssen unser Leben so annehmen, wie es von Gott gewollt ist. Und wir müssen uns davon überzeugen, daß der Samen, um fruchtbar zu sein, in die Erde gesenkt werden und sterben muß (Vgl. Joh 12,24-25). Der Halm wird aufschießen und die Ähre sprießen. Und die Ähre wird zu Brot, das Gott in den Leib Christi verwandelt. Und so vereinigen wir uns wieder mit Jesus, der der Sämann ist. Weil es ein Brot ist, so bilden wir viele einen Leib. Wir nehmen ja alle an dem einen Brote teil (1 Kor 10,17).

Vergessen wir niemals, daß es ohne Aussaat keine Frucht gibt. Wir müssen also Gottes Wort in weitem Wurf ausstreuen, damit die Menschen Christus kennenlernen und, wenn sie Ihn kennen, nach Ihm hungern. Dieses Fronleichnamsfest - das Fest des Leibes Christi, das Fest des Lebensbrotes - ist ein willkommener Anlaß, über diesen Hunger nachzudenken, den man überall unter den Menschen spürt: Hunger nach Wahrheit, nach Gerechtigkeit, nach Einheit und nach Frieden. Angesichts des Hungers nach Frieden müssen wir mit dem heiligen Paulus ausrufen: Christus ist unser Frieden, pax nostra (Eph 2,14). Das Streben nach Wahrheit soll uns daran erinnern, daß Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Vgl. Joh 14,6). Diejenigen, die sich nach Einheit sehnen, müssen wir vor Christus führen, der betet, daß wir consummati in unum, vollkommen eins seien (Joh 17,23). Der Hunger nach Gerechtigkeit soll uns zum Ursprung der Eintracht unter den Menschen führen: zur Gotteskindschaft, die uns zu Brüdern macht.

Frieden, Wahrheit, Einheit, Gerechtigkeit. Wie schwierig scheint es manchmal, die Hindernisse zu überwinden, die das menschliche Zusammenleben erschweren. Und doch: wir Christen sind dazu berufen, dieses Wunder der Brüderlichkeit zu verwirklichen, mit der Gnade Gottes zu erreichen, daß die Menschen sich christlich begegnen. Einer trage des anderen Last (GaI 6,2), ein jeder lebe das Gebot der Liebe, die das Band der Vollkommenheit und die Erfüllung des Gesetzes ist (VgI. KoI 3,14 und Röm 13,10).


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Vergessen wir nicht, daß es noch sehr viel zu tun gibt. Eines Tages, vielleicht beim Anblick der reifen, wogenden Ähren, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet darum den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter in seine Ernte sende (Mt 9,38). Wie damals fehlen auch heute Arbeiter, die bereit sind, die Last und Hitze des Tages zu tragen (Mt 20,12). Und wenn wir, die wir arbeiten, nicht treu sind, wird sich das Wort des Propheten Joel erfüllen: Das Feld vernichtet, der Acker in Trauer, verdorben das Korn, versiegt der Most, vertrocknet das Öl! Bauern stehet beschämt, Winzer heult laut um Weizen und Gerste, die Ernte des Feldes ist hin! (Joël 1,10-11)

Es gibt keine Ernte ohne die Bereitschaft, großmütig eine oft lange und mühevolle Arbeit auf sich zu nehmen: das Feld zu pflügen, zu bestellen und zu versorgen, später zu mähen und zu dreschen. Das Reich Gottes verwirklicht sich in der Geschichte, in der Zeit. Der Herr hat uns allen, ohne Ausnahme, diese Aufgabe anvertraut. Jetzt, während wir Christus in der Eucharistie anbeten und betrachten, wollen wir daran denken, daß die Zeit des Ausruhens noch nicht gekommen ist, daß der Tag noch nicht zu Ende ist.

Im Buch der Sprüche lesen wir: Wer seinen Acker bebaut, hat Brot in Fülle (Spr 12,11). Versuchen wir, dieses Wort geistlich auf uns anzuwenden: Wer den Acker Gottes nicht bearbeitet, wer dem göttlichen Auftrag nicht treu ist, sich den anderen hinzugeben und, ihnen zu helfen, Christus kennenzulernen, wird schwerlich verstehen, was das eucharistische Brot ist. Niemand schätzt, was keine Mühe macht. Um die heilige Eucharistie zu schätzen und zu lieben, muß man den Weg Jesu gehen: Weizen sein, sterben, voll Kraft wiedererstehen und reiche Frucht bringen: das Hundertfache! (Vgl. Mk 4,8)

Dieser Weg läßt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Lieben. Lieben heißt, ein großes Herz haben, die Sorgen unserer Mitmenschen teilen, verzeihen können und verstehen können: sich mit Jesus Christus für alle Seelen aufopfern. Wenn wir mit dem Herzen Christi lieben, werden wir lernen zu dienen, und wir werden die Wahrheit klar und in Liebe verteidigen. Um so zu lieben, muß jeder aus seinem eigenen Leben alles das ausmerzen, was das Leben Christi in uns beeinträchtigt: der starke Hang zur Bequemlichkeit, die Versuchungen des Egoismus, die Neigung, uns selbst ins Licht zu stellen. Nur wenn wir in uns dieses Leben Christi nachbilden, werden wir es an die anderen weitergeben können; nur wenn wir das Sterben des Weizenkorns in uns erfahren, werden wir gegenwärtig sein in den Aufgaben der Welt, werden wir die Welt von innen her umgestalten, sie fruchtbar machen.


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Christlicher Optimismus

Wir könnten irgendwann einmal versucht sein zu meinen, das alles sei sehr schön, schön wie ein unerfüllbarer Traum. Aber ich sprach von der Erneuerung eures Glaubens und eurer Hoffnung: Bleibt fest in der unerschütterlichen Gewißheit, daß die herrlichen Werke Gottes unsere kühnsten Erwartungen noch übertreffen werden. Aber es ist unerläßlich, daß wir in der christlichen Tugend der Hoffnung fest verankert bleiben.

Gewöhnen wir uns nicht an die Wunder, die vor unseren Augen geschehen, vor allem nicht an diese Großtat, daß der Herr täglich in die Hände des Priesters herabsteigt. Jesus will, daß wir hellwach sind, damit wir uns von der Größe seiner Macht überzeugen und von neuem auf seine Verheißungen hören: Venite post me, et faciam vos fieri piscatores hominum (Mk 1,17), folget mir, ich will euch zu Menschenfischern machen; ihr werdet wirksam sein und die Menschen zu Gott hinziehen. Vertrauen wir auf die Worte des Herrn: Steigen wir ins Boot, greifen wir zu den Rudern, hissen wir die Segel und fahren wir auf dieses Meer der Welt hinaus, das Christus uns als Erbteil gibt. Duc in altum et laxate retia vestra in capturam (Lk 5,4). Fahre hinaus auf die hohe See und werft eure Netze zum Fange aus.

Dieser apostolische Eifer, den Christus in unser Herz gelegt hat, darf nicht durch eine falsche Demut eingeengt oder gar erstickt werden. Wenn es wahr ist, daß wir persönliche Armseligkeiten mit uns schleppen, so ist es auch wahr, daß der Herr mit unseren Fehlern rechnet. Seinem barmherzigen Blick entgeht es nicht, daß wir Menschen begrenzt, schwach, unvollkommen und anfällig für die Sünde sind. Aber Er gebietet uns, zu kämpfen und unsere eigenen Fehler zu bekennen, nicht um uns einzuschüchtern, sondern damit wir bereuen und wünschen können, uns aufrichtig zu bessern.

Darüber hinaus müssen wir immer vor Augen haben, daß wir nur Werkzeuge sind: Was ist denn Apollo? Was ist Paulus? Weiter nichts als Diener, die euch zum Glauben geführt haben, jeder, wie es der Herr ihm verliehen hat. Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben (1 Kor 3,4-6). Die Lehre, die Botschaft, die wir verbreiten müssen, hat eine eigene, unendliche Fruchtbarkeit, die nicht von uns, sondern von Christus kommt. Es ist Gott selbst, der alles daransetzt, das Werk des Heiles zu verwirklichen, die Welt zu erlösen.


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Glauben also, ohne entmutigt zu werden, ohne uns bei rein menschlichen Berechnungen aufzuhalten. Die Hindernisse überwinden wir, indem wir die Arbeit beginnen und uns mit vollem Einsatz ans Werk machen, so daß uns dieses Bemühen selbst neue Wege erschließt. Und hier ist das Heilmittel, das alle Schwierigkeiten überwindet: persönliche Heiligkeit, Hingabe an den Herrn.

Heilig sein heißt so leben, wie unser Vater im Himmel es will. Ihr werdet einwenden, das sei schwierig. Ja, das Ideal ist sehr hoch. Aber gleichzeitig ist es leicht: es liegt in Reichweite. Wenn jemand krank wird, kommt es manchmal vor, daß man das richtige Medikament nicht findet. Ganz anders ist es im Übernatürlichen; die Medizin ist immer nahe: Jesus Christus, gegenwärtig in der heiligen Eucharistie, der uns darüber hinaus seine Gnade in den anderen Sakramenten schenkt, die er für uns eingesetzt hat.

Wiederholen wir in Worten und Werken: Herr, ich vertraue auf Dich, mir genügt Deine allgemeine Vorsehung, Deine tägliche Hilfe. Nicht große Wunder sollen wir von Gott erbitten - warum auch? -, wohl aber, daß Er unseren Glauben vermehre, unseren Verstand erleuchte und unseren Willen stärke. Jesus bleibt immer bei uns und verhält sich als der, der Er ist.

Seit Beginn meiner Seelsorge habe ich euch vor einer falschen Vergöttlichung gewarnt. Laß dich nicht dadurch verwirren, daß du weißt, aus welchem Stoff du bist: aus Lehm. Das soll dich nicht bekümmern, denn du und ich, wir sind Kinder Gottes - darin besteht die gute Vergöttlichung -, auserwählt durch den Ruf Gottes seit Ewigkeit: In Ihm hat Er uns schon vor Erschaffung der Welt auserwählt, daß wir heilig und untadelig vor Ihm seien (Eph 1,4). Gott besonders zugehörig, werden wir als seine Werkzeuge, trotz unserer Erbärmlichkeiten, wirksam sein, wenn wir unsere eigene Schwäche, deren Ausmaß in den Versuchungen zur Sünde spürbar wird, niemals vergessen.

Wenn ihr euch angesichts einer vielleicht besonders lebendigen Erfahrung eurer eigenen Mittelmäßigkeit entmutigt fühlt, dann ist der Augenblick gekommen, sich ganz den Händen Gottes zu überlassen. Eines Tages, so wird erzählt, sei ein Bettler Alexander dem Großen begegnet und habe ihn um ein Almosen gebeten. Alexander habe angehalten und befohlen, ihn zum Herrn über fünf Städte zu machen. Daraufhin habe der Bettler erstaunt und verwirrt ausgerufen: "Aber ich habe nicht um so viel gebeten!" Alexander soll ihm geantwortet haben: "Du hast gebeten als der, der du bist, ich gebe dir als der, der ich bin."

Selbst in den Augenblicken, da wir unsere Begrenztheit besonders eindringlich spüren, können und müssen wir zu Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist aufschauen, denn wir sind Teilhaber am göttlichen Leben. Niemals gibt es einen berechtigten Grund zurückzublicken (Vgl. Lk 9,62): Der Herr steht an unserer Seite. Wir müssen treu und loyal sein, unseren Pflichten nachkommen und in Jesus die Liebe und den Ansporn dazu finden, die Fehler der anderen zu verstehen und unsere eigenen Fehler zu überwinden. Und so wird selbst noch alle Verzagtheit - deine, meine und die aller Menschen - das Reich Christi tragen helfen.

Erkennen wir unsere Krankheiten an, aber bekennen wir die Macht Gottes. Der Optimismus, die Freude, die feste Überzeugung, daß der Herr sich unser bedienen will, müssen das Leben eines Christen prägen. Wenn wir uns als Teil dieser heiligen Kirche fühlen, wenn wir uns vom festen Felsen Petri getragen und durch das Wirken des Heiligen Geistes gestützt wissen, dann werden wir uns dazu entscheiden, die kleinen Pflichten jedes Augenblicks zu erfüllen: jeden Tag ein wenig zu säen. Und die Ernte wird die Scheunen bis zum Bersten füllen.


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Wir wollen jetzt diese Zeit des Gebetes beenden. Bedenkt - indem ihr im Innern eurer Seele die unendliche Güte Gottes auskostet -, daß Christus durch die Worte der Wandlung mit seinem Leib und mit seinem Blut, mit seiner Seele und mit seiner Gottheit in der Hostie wirklich gegenwärtig sein wird. Betet Ihn in Ehrfurcht und Andacht an; erneuert in seiner Gegenwart aufrichtig die Hingabe eurer Liebe; sagt Ihm ohne Furcht, daß ihr Ihn liebt; dankt Ihm für diesen täglichen Beweis seiner Barmherzigkeit, voller Zärtlichkeit, und weckt in euch den Wunsch, mit tiefem Vertrauen zur Kommunion zu gehen. Ich kann über dieses Geheimnis der Liebe nur staunen: Der Herr sucht mein armes Herz auf als seinen Thron, und Er wird mich nicht lassen, wenn ich mich nicht von Ihm trenne.

Gestärkt durch die Gegenwart Christi und genährt durch seinen Leib werden wir in diesem irdischen Leben Gott treu bleiben, und dann, im Himmel, bei Jesus und seiner Mutter, werden wir uns Sieger nennen können. Wo ist dein Sieg, o Tod? Wo ist dein Stachel, o Tod? Doch Gott sei Dank! Er verleiht uns durch unseren Herrn Jesus Christus den Sieg (1 Kor 15,55 und 57).


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